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Text: Karin Rademacher  

Karin Rademacher ist Inhaberin von www.wort-wahl.de, Agentur für Dolmetschleistungen und Kommunikationstraining in Köln. Gelungene Verständigung ist ihre Passion. Sie leitet Seminare und Coachings für Unternehmen, kirchliche und soziale Träger sowie Einzelpersonen mit den Schwerpunkten Krisenkommunikation und Medienkompetenz. Darüber hinaus ist sie als Simultandolmetscherin für Unternehmen und Institutionen von Profit bis Non-Profit tätig und organisiert Dolmetschteams im In- und Ausland. Regelmäßige Fortbildungen in der anthropologischen Methode „Instantaneous Transformation“ (Ariel & Shya Kane, USA), mit Seminaren in Hamburg, Cambridge, New York und Costa Rica unterstützen und inspirieren ihre Arbeit.

 
   
 

 

 

 

„Frau Rademacher, als Dolmetscherin und Kommunikationstrainerin sind Sie Sprachexpertin. Wie schätzen Sie Papst Franziskus' öffentliches Wirken bzgl. Sprache ein? Was ist das Besondere an seiner Kommunikation und was unterscheidet ihn vielleicht von seinen Vorgängern?“

Ich erinnere mich auf die Minute genau an den ersten öffentlichen Auftritt von Papst Franziskus. Die Uhren zeigen 20:13 Uhr als von der Benediktionsloggia verkündet wird: Habemus Papam. Die Überraschung aller ist groß, als Jorge Mario Bergoglio auf den Balkon tritt: Er war nicht unter den als „papabile“ gehandelten Kandidaten gewesen. Bekleidet nur mit der weißen Albe, ohne die üblichen Amtsgewänder und Insignien, wendet er sich mit einem schlichten „Buona Sera“ an die jubelnde Menge. Etwa nach der Hälfte seiner Ansprache bricht er mit den traditionellen Vorgehensweisen und bittet die Menschen auf dem Petersplatz, für ihn zu beten. In jeder Hinsicht, auch sprachlich, eine Revolution und zugleich ein erster Hinweis – in Tat und Wort – auf ein neues Amts- und Rollenverständnis. Ich erinnere mich deshalb so genau, weil ich an jenem 13. Mai 2013 beim Fernsehsender phoenix die Ansprache des Papstes für das deutsche Fernsehpublikum dolmetschte. Ebenso wie an den Tagen danach seine ersten öffentlichen Begegnungen mit Kardinälen, religiösen und weltlichen Würdenträgern. In den Tagen zuvor hatte ich die letzten Amtshandlungen von Benedikt XVI. gedolmetscht. Die unterschiedliche Sprache dieser beiden Männer lag mir buchstäblich auf der Zunge.

Wenn Sprache der Spiegel der Seele ist, ist Franziskus direkt, unprätentiös, fröhlich und empathisch. „Volksnähe“ ist bei ihm kein Programmpunkt während einer Reise. Begegnung und Gespräch mit den Menschen scheinen vielmehr ein zutiefst vitales Element seines Lebens zu sein, aus dem er schöpft und sich (re)generiert.

So durchdacht, präzise und zuweilen distanziert die Ausdrucksweise von Benedikt XVI. während seiner Amtszeit erschien, so spontan, manchmal fast jungenhaft, wirkt Franziskus. Hier der herausragende Professor, dessen Ansprachen und Schriften durch bestechende Logik und Darlegung von Lehrmeinungen beeindrucken, da der Jesuit „aus dem Volke“, der in seiner Begeisterung für die Menschen und ihr Alltagsleben kein Blatt vor den Mund nimmt. Da werden dem Klerus schon einmal mit deftigen Vergleichen die Leviten gelesen, der Kirche der Bequemlichkeits-Spiegel vorgehalten und „Randgruppen“ ein sprachlich völlig neues Wohlwollen entgegengebracht.

Ganz abgesehen von seiner so gar nicht papsttypischen Lebensweise. Gästehaus statt apostolischer Palast, Mittagessen in der Kantine, altbewährte schwarze Treter statt roter Lederschuhe. Und zum Optiker kann man selbst gehen, statt sich die Brille in den Vatikan bringen zu lassen. Dass auch seine Sprache nicht immer so ist, wie man sie von einem Papst erwarten würde, scheint da nur konsequent und ist Ausdruck seines Wesens. Franziskus sagt, was er denkt. Er hat das Herz auf der Zunge. „Päpstliche“ Zurückhaltung scheint ihm fremd. Was hier und da durchaus kritisiert wird, wenn er über das Ziel hinaus schießt oder allzu sehr spontan und aus dem Bauch heraus reagiert. Für die Position eines Chefdiplomaten wäre er vermutlich nicht die erste Wahl. Die Sprache von Franziskus spiegelt eine natürliche mit viel Humor und Mitgefühl gepaarte Autorität wider. Eine Autorität, die sich nicht beweisen muss, sondern weiß, dass sie sich verdankt. Und sich vielleicht gerade deshalb einer schlichten, direkten Sprache bedient, die den Menschen auf der Straße erreicht. Da genügt dann manchmal ein einfaches „Buona Sera“.



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