» STATEMENTS » Andreas Isenburg
  Startseite labern/verkünden: Die christliche Blogosphäre
  ÜBERSICHT | EDITORIAL | TITELSTORY | INTERVIEW | STATEMENTS | ÜBER DIE AUTOREN
Diese Seite empfehlen Als Druckversion öffnen Als PDF herunterladen
  ZURÜCKBLÄTTERN WEITERBLÄTTERN
     
 
Text: Andreas Isenburg  

Andreas Isenburg, geboren 1966, ist Pfarrer und lebt in Dortmund. Nach dem Studium der Evangelischen Theologie und dem Vikariat arbeitete er zunächst im Evangelischen Medienhaus in Bielefeld. Seit 2000 ist er als Pfarrer im Amt für missionarische Dienste der Evangelischen Kirche von Westfalen tätig. Zu seinen Arbeitsbereichen gehören die City- und Stadtkirchenarbeit, das Ökumenische Netzwerk Citykirchenprojekte und die Wiedereintrittsstellen sowie die „Initiative Offene Kirchen“. Von 2000 bis 2006 begleitete er dazu als Projektpfarrer die „Gospelgemeinde Creative Kirche“ in Witten und leitete von 2007 bis 2011 das Evangelische Kulturbüro zur Kulturhauptstadt 2010 im Ruhrgebiet.

 
   
 

 

 

 

„Herr Isenburg, Sie sind Pfarrer in Dortmund beim Amt für missionarische Dienste und verantwortlich für die Wiedereintrittsstellen. Sie setzen sich u.a. für "offene Kirchen" ein, z.B. für die alternative Nutzung von Kirchenräumen. Warum muss Kirche offener werden? Was erhoffen Sie sich von diesem externen Input? Und wie kann Kirche ihrer Meinung nach gegen Mitgliederschwund kämpfen?“

Was tun, wenn immer weniger kommen? Einfach abwarten? Und schauen, was passiert? Dies ist sicher eine Möglichkeit, wie man als Kirche auf sinkende Mitgliederzahlen reagieren kann. Eine andere ist die, sich auf einfache Art und Weise neu für die Menschen zu öffnen und sie zum Beispiel wochentags in die geöffnete Kirche zur Stille und zum Gebet einzuladen. Oder aber als Kirche einfach dorthin zu gehen, wo die Menschen sind, wo sie ihre Zeit verbringen, in die Innenstädte und Fußgängerzonen, eben dorthin, wo sie einkaufen, leben und arbeiten. Und hier neu mit ihnen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Die sog. Wiedereintrittsstellen sind aus diesem Impuls heraus entstanden. Als ein offenes Gesprächsangebot, das zugleich deutlich macht, dass es uns als Kirche nicht egal ist, wenn jemand austritt und dass wir den abgebrochenen Gesprächsfaden wieder aufnehmen wollen.
Dabei geht es nicht darum, sich als Kirche zu verbiegen oder unter Wert zu verkaufen. Oder gar um ein „anything goes“. Vielmehr wird mit diesem Angebot versucht, ganz im Sinne des paulinischen Votums, „allen alles zu werden“ (1. Kor 9,22) neu auf die Menschen zuzugehen. Und das heißt dann eben auch, sich konkret zu überlegen, wie wir den Menschen dort begegnen können, wo sie ihre Zeit verbringen und sich häufig aufhalten. Aus diesem Grund finden sich die meisten Eintrittsstellen gerade mitten in der Stadt, in einem „Kirchenladen“ in der Einkaufsstraße oder in einem Anbau an einer Citykirche. Und bieten darüber hinaus neben der Möglichkeit zum Eintritt noch andere „Serviceleistungen“ an, z.B. den „i-Punkt“, eine Info-Stelle, die Auskunft gibt über kirchliche Veranstaltungen wie zur Taufe oder Trauung und Gemeindebriefe und kirchliche Publikationen bereithält; ein Café mit der Möglichkeit zum Gespräch oder auch das Angebot der City-Seelsorge.

Diese Verbindung verschiedener kirchlicher Angebote an einem zentralen Ort in der Stadt zeigt, dass es beim Thema „Wiedereintritt“ um mehr geht als um die Gewinnung (zahlender) Kirchenmitglieder. Hier entstehen vielmehr neue Kontaktflächen zu den Menschen außerhalb der Kirche. Es geht um eine neue Kontaktaufnahme und im Falle des Wiedereintritts dann vor allem darum – wenn möglich –, neue „Verknüpfungen“ zwischen den Eintretenden und der Kirche bzw. Kirchengemeinde herzustellen – an einem „neutralen“ und anonymen Ort, der den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen entgegenkommt. Die Erfahrungen aus den über zwanzig Eintrittsstellen in der westfälischen Kirche zeigen: Dieser „Service“ kommt an. Und er wird eben nicht nur als „Dienstleistung“ i.S. eines „unkomplizierten Eintritts“ verstanden, sondern oft auch als seelsorgliche und geistliche Begegnung erlebt. Immer wieder enden Eintrittsgespräche daher auch mit einem kurzen Gebet oder einem Segen. Und selbstverständlich gehört eine Bibel oder ein Segensengel als Geschenk zum Eintritt mit dazu. Diese „Willkommenskultur“, die in den Eintrittsstellen umgesetzt und gelebt wird, setzt ein positives Zeichen, das auch von den Medien aufgegriffen wird, und trägt zum einem „guten Image“ von Kirche in der Öffentlichkeit bei.

Doch auch wenn die Eintrittszahlen in manchen Wiedereintrittsstellen inzwischen im vierstelligen Bereich liegen, so können sie allein den „Mitgliederschwund“ nicht aufhalten. Sie sind nur ein Baustein von vielen. Neben den zahlreichen Initiativen, Projekten und Kampagnen in der Ev. Kirche in Deutschland, die derzeit entwickelt und durchgeführt werden – die Internetplattform der EKD „Kirche im Aufbruch“ führt viele davon auf –, erscheint mir die hinter diesen Initiativen etc. liegende Haltung zunehmend noch wichtiger: Das neue Hören auf die Fragen der Menschen, auf ihre Erwartungen und Bedürfnisse und das neue Wahrnehmen ihrer Lebenssituationen. Es wird daher zukünftig wohl vor allem darum gehen, gerade dort als Kirche präsent zu sein, wo die Menschen sind und leben. Präsent und vor allem ansprechbar! So ist es ja kein Geheimnis, wie wichtig die „face-to-face“-Kommunikation für den Aufbau von Beziehungen ist. Für Kirche insgesamt wie für Wiedereintrittsstellen bedeutet dies auch, sich immer wieder aus ihren Gebäuden „hinauszuwagen“, um neue Kontaktflächen und -orte auszuprobieren. Und zum Beispiel Samstagvormittag einfach einmal eine Kirchenbank mitten in ein Einkaufszentrum zu stellen, um dort für Gespräche „über Gott und die Welt“ oder den Kircheneintritt zur Verfügung zu stehen. Oder auf Hochzeitsmessen wie Baby- und Familienmessen an einem kirchlichen Messestand mit den Besucherinnen und Besuchern über die Trauung oder die Taufe ins Gespräch zu kommen. Ob solche Experimente und Versuche, Kirche neu „unters Volk zu bringen“, letztlich Erfolg haben werden, wird sich zeigen. Aber dass es in Zukunft ohne sie gehen wird, glaube ich auch nicht. Darum wird wohl beides nötig sein, die kontinuierliche Präsenz und Arbeit der Kirchengemeinden vor Ort wie die kreativen Versuche auf vielfältige Art und Weise nach „draußen“ zu gehen.

 

nach oben

         
     
  ZURÜCKBLÄTTERN WEITERBLÄTTERN
  ÜBERSICHT | EDITORIAL | TITELSTORY | INTERVIEW | STATEMENTS | ÜBER DIE AUTOREN
Diese Seite empfehlen Als Druckversion öffnen Als PDF herunterladen