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Text: Klaus Hahn

 

Klaus Hahn, Jahrgang 1951, hat seine Schulzeit bei zunehmender Sehbehinderung an der Regelschule absolviert. Unmittelbar nach dem Abitur entschied er sich für eine blindentechnische Grundausbildung, wenngleich er sich noch viele Jahre lang im Grenzbereich zwischen Sehbehinderung und Blindheit bewegte. Seit 1978 lebt er mit seiner Familie in Münster. Bis 2011 arbeitete er als Verwaltungsjurist im öffentlichen Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen. Für die Selbsthilfe sehbehinderter und blinder Menschen engagiert sich Klaus Hahn seit den frühen 1970er Jahren. Seit 1995 ist er Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen e. V. 2006 wurde er in das Präsidium des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands gewählt, wo er u.a. das Amt des Seniorenbeauftragten ausübt.

 
   
 

 

 

 

„Herr Hahn, Sie sind Präsidiumsmitglied des DBSV (Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. ). Radio ist für blinde Menschen ein sehr wichtiges Medium. Wie müssten Radiosendungen über Glauben und Christsein gestaltet sein, damit sie von blinden Menschen gern gehört werden?“

Blinde Menschen haben genau so ihre Gewohnheiten und Vorlieben wie sehende Menschen auch, die eine hört gern Magazinsendungen, der andere ruft gern im Studio an und beteiligt sich an Diskussionen mit Moderatoren und Studiogästen. Die einen lieben es kurz und knackig, die anderen ausführlicher, und dann kann es mal mehr in die Tiefe gehen oder mehr im Allgemeinen bleiben… Kurzum, das Spektrum ist bei blinden Menschen nicht anders als bei sehenden, wir sind alle Individuen mit unseren Gewohnheiten, Vorlieben und Prioritäten, nur das die einen halt sehen können und die anderen nicht. Deshalb möchte ich diese Eigenschaft, nicht sehen zu können, gar nicht so in den Vordergrund stellen, sie ist eine von den vielen, die uns als Individuen ausmachen, sicher eine wesentliche, aber nicht automatisch die entscheidende, über die ich von anderen Menschen wahrgenommen werden möchte.

Aber es gibt da schon auch einen Punkt, den die Frage anspricht: Das Hören hat bei uns eine zentrale Bedeutung, wir hören genau hin hören aufmerksam und konzentriert, vor allem hören wir zu, gerne auch ein bisschen länger. Und deshalb mögen wir all das nicht, was das Zuhören erschwert. Und davon gibt es eine ganze Menge, seit sich das Radio zum Dudelfunk entwickelt hat, man mag es auch Infotainment nennen, es kommt aufs Gleiche hinaus. Die gesprochenen Texte werden immer kürzer, mit Musik unterlegt und durch Jingles unterbrochen, die mir alle paar Minuten mitteilen, dass ich den tollsten Sender eingeschaltet habe. Das Schlimmste ist aber, dass die Wortbeiträge oft da enden, wo sie anfangen, interessant zu werden, wo sie in die Tiefe gehen müssten, weil mein Hirn die Fährte aufgenommen, Appetit bekommen hat und Stoff haben möchte, um weiter zu denken. Mittlerweile habe ich aber den Eindruck, dass die Kunst unserer Radiomacher darin gesehen wird, genau an der Stelle aufzuhören, wo das Interesse des Hörers geweckt ist und man in die Tiefe gehen müsste. Bloß kein Tiefgang, keine Festlegung, keine Positionierung, die über ein paar plakative Floskeln hinausgeht, alles glatt, geschmeidig und ohne Reibungsflächen. 

Natürlich ist man offen für die Meinung des geschätzten Hörers, gerne im Chat und im Gästebuch – doch dann ist die Sendung vorbei, die Radioleute sind längst bei ihrem nächsten Job, ihre Mission ist beendet.

Viele Jahre lang war mein Radiowecker so eingestellt, dass ich um 5:55 Uhr den kirchlichen Beitrag hören konnte, fünf Minuten zu Themen des Glaubens und Christseins. Ich wurde damit wach und war auf ganz eigene Weise in den Tag eingestimmt. Aber auch hier ist zu beobachten, wie der Kern der Sendung eingedampft wurde. Nach und nach wurden die Jingles mit den An- und Abspann länger, jeder neue Jingle hat ein paar Klimpertöne mehr. Mittlerweile beginnt die Sendung erst um 5:56 Uhr, die Jingles bleiben, und von anfangs knapp 5 Minuten echter Sendezeit sind vielleicht noch dreieinhalb Minuten geblieben.

Christsein und Glaube sind in erster Linie durch die Botschaft bestimmt, durch das Wort, durch Inhalte. Die Botschaft muss ankommen, das Wort gehört, Inhalte verstanden werden. Das muss die Devise für die Gestaltung von Radiosendungen sein, entgegen dem Trend zu Klangteppichen und Klimbim. Ob das jetzt noch einen Unterschied bedeutet zwischen blinden Radiohörern und sehenden, mögen Sie entscheiden, liebe Leserin, lieber Leser. Vielleicht ist es aber auch so, dass eine am christlichen Auftrag ausgerichtete Gestaltung der Sendungen von allen gern gehört wird, seien sie sehend oder blind.

 

 

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