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Text: Rainer Lohmann  

Rainer Lohmann, Jahrgang 1956, hat Katholische Theologie und Klassische Philologie an der Ruhr-Universität in Bochum und an der Universität Eichstätt studiert. Er arbeitet als Lehrer für Latein und Katholische Religionslehre an einer Schule in Bottrop. Sein Interesse gilt auch der römischen Literaturgeschichte; zu einschlägigen Werken antiker Autoren hat er Übersetzungen und Essays im Internet veröffentlicht.

 
   

 

 

 

„Was würden Sie sich als Religionslehrer von den beiden großen Kirchen in Deutschland wünschen, wenn es um die Rückgewinnung von Gläubigen geht?“

Immer mehr Menschen verlassen die Kirchen und kehren der institutionalisierten Religion den Rücken. Die Motive für ihren Rückzug sind recht unterschiedlich: Enttäuschung über die Divergenz zwischen dem Anspruch des Evangeliums und den konkreten Handlungsweisen der Kirchen, die auf viele Zeitgenossen den Eindruck einer Abkehr von der christlichen Botschaft machen und eher den säkularen Zeitgeist widerspiegeln; die Reformunfähigkeit in der katholischen Kirche mit ihrem Festhalten an obsolet gewordenen und anachronistisch wirkenden Prinzipien, deren Sinnhaftigkeit sich dem modernen Zeitgenossen nicht mehr erschließt; die vielfach zögerliche Haltung der Kirchen in der aktuellen politischen Diskussion und ihr Bemühen, den ihnen staatlicherseits garantierten Hafen der Sicherheit nicht zu verlassen. Die Volkskirche alter Prägung hat ihr Ende gefunden und es ist nun an der Zeit, den aus Sicht der Kirche eher unbefriedigenden Status quo ihrer Befindlichkeit zur Kenntnis zu nehmen und mit Blick auf die Zukunft eine neue Ausrichtung anzustreben.

In diesem Kontext ist die Rede von der Rückgewinnung der Gläubigen eine schillernde Ausdrucksweise, setzt sie doch voraus, dass es außerhalb der etablierten Kirchen Menschen gibt, für welche die christliche Religion eine lebensprägende Bedeutung hat und die eine grundsätzliche Bereitschaft für einen Dialog mit den Kirchen aufbringen. Zweifelsohne ist das Christentum in der Gesellschaft noch präsent und die Kirche tritt in ihrer Funktion als Betreuungskirche an den Knotenpunkten des Lebens in Erscheinung, aber eine Verdunstung der christlichen Botschaft in ihrer Konfrontation mit der religiös indifferenten Zeitkultur ist in gleicher Weise greifbar und verängstigt die Hüter der Religion. Verlieren die Kirchen weiterhin an Bedeutung und bleibt die Forderung ecclesia semper reformanda lediglich eine Leerformel, die keine Konsequenzen zeitigt, ist es gleichfalls um den Glauben der Menschen schlecht bestellt und eine Rückgewinnung der Gläubigen fragwürdig, deren Zahl stetig abnimmt. Wer an der konkreten Kirche leidet, leidet vielleicht irgendwann auch an seinem Glauben, der ihn nicht mehr trägt und dessen er sich dann entledigt. Da es viele miteinander wetteifernde Weltanschauungen gibt und Pluralität das Gebot der Stunde ist, bereitet es keine Probleme, sich auf dem offenen Markt der Lebensdeutungen umzuschauen und Neues für sich zu entdecken.

Obgleich diese Gedanken sicherlich eine gewisse Plausibilität für sich beanspruchen dürfen, wäre es verkehrt, von einer Reform der Kirchen, insbesondere der katholischen, im Sinne einer grundlegenden Demokratisierung ihrer Strukturen und einer Korrektur ihrer Verfassungsverhältnisse zugunsten einer Umgestaltung ihres hierarchischen Systems eine Rückgewinnung der Gläubigen zu erwarten. Glauben im alltäglichen und erst recht im religiösen Verständnis ist eine menschliche Haltung, die nicht primär in Abhängigkeit von dem äußeren Erscheinungsbild einer Person oder einer Institution steht. Was für die Menschen erfahrbar werden muss, fasst der ökumenische Theologe Hans Küng auf die Frage Warum soll man Christ sein? in einer knappen Formel als sein ganz persönliches Credo wie folgt zusammen:

In der Nachfolge Jesu Christi kann der Mensch in der Welt von heute
wahrhaft menschlich leben, handeln, leiden und sterben: in Glück und Unglück, Leben und Tod gehalten von Gott und hilfreich den Menschen.


Das Christentum ist nur dann überlebensfähig, wenn Menschen Christen begegnen, deren Leben in der Nachfolge Christi sich so vollzieht, wie Hans Küng es in seiner Kurzformel des Glaubens ausspricht. Das, was Christsein bedeutet, muss in der Lebenswelt der Menschen einen konkreten Ort und einen realen Bezug zum Leben haben, damit es nicht als Last im Sinne einer Gebots- und Verbotsreligion wahrgenommen wird, sondern als eine Bereicherung des eigenen Lebens und des Lebens der anderen. Insofern ist jeder einzelne Christ gefordert, durch sein Leben in der Nachfolge Jesu Zeugnis abzulegen von der Hoffnung, die ihn erfüllt, und so auch ein Fingerzeig zu sein auf Gott und Jesus Christus hin, wie Johannes der Täufer es gewesen ist. Somit ist in Zeiten schwerer religiöser Krisen nicht nur die theologische Dogmatik auf den Prüfstand zu stellen, sondern es bedarf gleichzeitig eines Nachdenkens über eine dem Geist der christlichen Botschaft entsprechende Orthopraxie, zu der der Verfasser des Jakobusbriefes seine Leser auffordert: Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst. (Jak 1,22)

Beachtung verdient auch die Sprache der kirchlichen Verkündigung. Der katholische Theologe Wolfgang Beinert weist in seinem Aufsatz Wege aus der Kirchenkrise (Christ in der Gegenwart Nr. 21/2012, 237 f.) auf die lebensferne theologische Begriffssprache in kirchlichen Verlautbarungen hin, die nach seiner Meinung dem Verständnis und damit der Akzeptanz der christlichen Botschaft im Wege steht. Wolfgang Beinert schreibt: "Wer sich mit der Botschaft des Christentums tiefer befasst, wird sie faszinierend, lebensförderlich, horizonterweiternd finden. Das ist eine Erfahrung, die viele Christinnen und Christen machen. Leider ist es aber auch wahr, dass zum Beispiel die Art der Verkündigung des Evangeliums Christi in vielen Fällen diese Erfahrung erschwert und verhindert." (CIG Nr. 21/2012, 238) Zu einer vernunftgemäßen Vermittlung des Christentums gehört es eben auch, im Gottesdienst, in der Katechese und in kirchlichen Verlautbarungen eine Sprache zu finden, die von den Zeitgenossen verstanden wird und die es ihnen ermöglicht, im Glauben selbst sprachfähig zu werden. Wer als Lehrer im Religionsunterricht eine Sprache spricht, die wegen ihrer Formelhaftigkeit oder ihres Abstraktionsgrades von den Schülerinnen und Schülern nicht verstanden wird, darf sich nicht wundern, wenn als Folge eines nicht adressatengerechten Sprachgebrauchs auch die Sache selbst keine Beachtung findet und in Misskredit gerät. Der christliche Glaube wird nur dann seine Adressaten erreichen, wenn, wie Wolfgang Beinert resümiert, "alle Verantwortlichen sich […] ernste Gedanken darüber machen, wie in Wort und Tat Christentum heute und hier vernunftgemäß vermittelt wird." (CIG Nr. 21/2012, 238) Eine angemessene Sprache ist ein wesentliches Element einer vernunftgemäßen Vermittlung; denn Glaube und Vernunft gehören zusammen und schließen einander nicht aus.

Ist es den Kirchen wirklich ernst damit, Gläubige zurückzugewinnen, so müssen sie sich vergegenwärtigen, dass sie zwar nicht von dieser Welt sind, aber ihr Wirkungskreis gleichwohl in dieser Welt liegt. Dieses bedeutet – und ich denke hierbei vornehmlich an die katholische Kirche -, dass Kirche sich immer ihrer geschichtlichen Existenz in der Welt bewusst werden muss, was die Bereitschaft zu Reformen und Kurskorrekturen einschließt. Für die katholische Kirche wäre es langfristig fatal, wenn sie ein einzelnes theologisches Paradigma, weil dieses vielleicht ihrem aktuellen Selbstverständnis eher entspricht oder sie hiermit ein bestimmtes hierarchisches Ordnungsgefüge legitimieren kann, unter Ausblendung aller anderen theologischen Denkoptionen zum Maßstab erhöbe und einem fundamentalistisch anmutenden Dogmatismus und Traditionalismus huldigte; darf sich doch eine Kirche vom Wortsinn her nur dann katholisch nennen, wenn ihr an einer Universalität gelegen ist, die sich der Welt mit ihren Menschen öffnet und jedem Partikularismus widerspricht.  Ökumenische Weite ist das Gebot der Stunde und nicht der Rückzug in eine Nische des Glaubens, die den Blick auf seine Vielfalt unter den Menschen verstellt.

Wenn Kirche Sakrament Gottes für diese Welt sein will, wird ihr letzter und oberster Maßstab das Evangelium Jesu Christi selbst sein, der den Willen Gottes auf letztgültige Weise interpretiert und diesen als Vermächtnis an seine Nachfolger weitergegeben hat. Dass dieses auch in Zukunft gewährleistet ist, dafür hat die Kirche zu sorgen, indem sie  zur Nachfolge bereite Menschen, Männer und Frauen, zum Dienst am Evangelium ermächtigt, der den Kern des Christseins ausmacht; denn die Botschaft des Evangeliums ist keine philosophische Lehre und keine Anleitung zur Ausübung von Herrschaft, sondern ein Aufruf zur Umkehr angesichts der in Jesu Auftreten angebrochenen Gottesherrschaft. So fasst der Evangelist Markus den Inhalt der Botschaft Jesu programmatisch in folgendem Satz zusammen: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15)

 

nach obeN

   
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