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Titelstory von:
Jan-Hinrik Schmidt
Bild: KNA

 

 
   

 

Ronald Hitzler, geb. am 4.3.1950 in Königsbronn (BaWü); Univ.-Prof. Dr., Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an den Fakultäten „Erziehungswissenschaft und Soziologie“ und „Wirtschafts-
und Sozialwissenschaften“ der Technischen Universität Dortmund. Weitere Informationen unter www.hitzler-soziologie.de.
 
   

 

 

 

 

 

 

Eventisierung des Glaubens

Zur Frage nach der Komplementarität von Innovativem und Kanonischem

Am Beispiel der Weltjugendtage

Es entspricht durchaus der Sprachregelung in den entsprechenden Verlautbarungen des Veranstalters, d.h. der Katholischen Kirche, selber, die nunmehr seit 25 Jahren rund um den Globus ausgerichteten Weltjugendtage als "Events" – wenn auch immer wieder mit der Qualifizierung "mehr als ein Event" – zu etikettieren. Nicht nur damit, aber eben auch damit erregt die Katholische Kirche gegenüber einer Reihe von Image-Verschlechterungen gerade in jüngerer Zeit immer wieder überwiegend positiv konnotierte Aufmerksamkeit.

Die zielgruppenspezifische, zunehmend mediatisierte und mithin zumindest im klerikalen ‚Kontext' durchaus ambivalente Veranstaltungsform stellt eine innovative ‚Antwort' dar auf die immer weiter und schneller um sich greifenden pluralistischen Bedingungen, unter denen, so Peter L. Berger (1973, S. 132), "Religionen, die früher herrschten, heute ‚verkauft' werden müssen, und zwar an einen Kundenkreis, der zu ‚kaufen' nicht genötigt ist". Und weil man dieser Kundschaft nicht mehr die eine (und ‚wahre') Religion befehlen kann, und weil diese Kundschaft auch nicht unter Kaufzwang steht, muss das jeweils kanonisierte Glaubens-angebot eben attraktiv verpackt und zeitgemäß ‚vermarktet' werden.

Das ‚Geheimnis' des zumindest quantitativen und situativen Erfolgs der katholischen Weltju-gendtage liegt diesem Attraktivitätsgebot entsprechend darin, dass hier divergente Inszenie-rungsformen, Gesellungsoptionen und (andere) Aktionsmöglichkeiten mit deutlich unter-schiedlichen, mitunter fast antagonistischen Zielsetzungen nicht nur ‚irgendwie' in einem Zeit-Raum versammelt, sondern dass sie – im Zusammenwirken verschiedener Einflussgrößen – eben zu einer relativ neuartigen, d.h. als solcher innovativen Massen-Erlebnisform verdichtet werden, die wesentlich aus der gleichrangigen Verschränkung von Elementen modernistischer Events, wie sie etwa für jugendkulturelle Szene-Veranstaltungen typisch sind, mit Elementen traditionalistischer Feierlichkeiten, wie z.B. liturgischen Riten, resultieren. Den explizierten kanonischen Vorstellungen der Weltjugendtagsveranstalter nach geht es dabei darum, die "Einheit der Kirche" im öffentlichen Bewusstsein wie im subjektiven Er-leben der Teilnehmer zu verankern und "Kirche als universelle Gemeinschaft" durch raum-zeitliche Verdichtung besonders intensiv erlebbar zu machen, um sie dergestalt in der ge-meinsamen Gottesverehrung des gemeindlichen Alltags dauerhaft zu sichern.

Diese Explikation kanonischer Wertsetzungen konfligiert allerdings ‚von Anfang an' und an-haltend mit finanziellen und logistischen Restriktionen der Weltjugendtage. Infolgedessen erfordern sowohl die Vorbereitungen als auch und vor allem die Durchführungen dieser Ver-anstaltungen nahe liegender Weise vielfältige kommerzielle Maßnahmen, mannigfaltige ‚sä-kularisierende' Kompromisse bei den zahlreich notwendigen Kooperationen mit vielerlei ‚weltlichen' Unternehmen und Organisationen und überdies sowohl mannigfaltige rituelle Kompromisse als auch gemeindeferne Organisationsstrukturen, um die als "Glaubensfeste" deklarierten Events (als Verbindung juveniler Freizeitvergnügen mit einer Palette klerikalreli-giöser Einzelveranstaltungen und einer Papstmessen-Massengemeinschaft als Klimax) über-haupt realisieren zu können.

High-Professional-Event versus Do-it-Yourself-Gemeindefest

All das und vieles mehr wird bei den Weltjugendtagen ausgesprochen professionell organi-siert (vgl. Pfadenhauer 2008). Und in eben dieser Professionalität liegt z.B. der wesentliche strukturelle Unterschied der Weltjugendtage zu einer anderen, längst quasi-kanonisierten kirchlichen Veranstaltungsform, deren Vergleich wohl zumindest ‚auf den ersten Blick' nahe liegen dürfte: zu den Katholikentagen: Die Katholikentage sind dezidiert a) auf die Begeg-nung der "lebendigen Gemeinde" mit "sich selber" (also auf die Volkskirche) hin angelegt, b) auf die Diskussion engagierter Christen über gesellschaftlich virulente Themen und "bren-nende Fragen" ausgerichtet und insgesamt c) am Prinzip der Partizipation, d.h. der aktiven Mitwirkung möglichst aller (oder zumindest möglichst vieler) Teilnehmer am Programm ori-entiert. Dieses Prinzip impliziert auch d), dass Personen, die nicht Teil der "lebendigen Ge-meinde" sind (und das meint nicht nur weltliche, sondern auch kirchliche Prominente wie Bischöfe und Kardinäle), mit Blick auf spezifische Anliegen dazu (ein)geladen werden.

Organisatorisch gesehen sind die Katholikentage somit – so weit wie möglich – von Laien vorbereitete und gestaltete Veranstaltungen, "Werke der vielen, die sie über Monate vorbe-reiten". Vereinfacht und pointiert ausgedrückt: Katholikentage sind im wesentlichen groß-dimensionierte, gut gemeinte und inzwischen recht traditionell anmutende Do-it-yourself-Gemeindefeste.

Auch das Konzept der Weltjugendtage hat seinen kanonischen Fluchtpunkt natürlich in der Antwort auf die Frage, worum es hier ‚eigentlich' bzw. ‚im Letzten' geht: Es geht darum, a) den Glauben (Spiritualität) zu erleben, und es geht darum, b) sich selber als Teil einer univer-sellen (weltumspannenden) Gemeinschaft zu erfahren – wodurch das insbesondere für Chri-sten in europäischen Gegenwartsgesellschaften symptomatische Gefühl, einer Minderheit anzugehören, zumindest für einen intensiven ‚Moment' lang in eine bestätigende Mehr-heitserfahrung ‚umgekehrt' wird.

Das Erleben des katholischen Glaubens (in seiner spirituellen Dimension) und die Erfahrung der universellen Gemeinschaft des Glaubens (in der Kirche), lassen sich also als die beiden übergeordneten ‚geistlichen' Ziele der Weltjugendtage ‚extrahieren'. Im Verfolg dieser Ziele sind die Weltjugendtag denn auch offiziell als "Werkzeug der Evangelisierung für die Jugend" ausgewiesen. Erleben und Erfahren – diese beiden Begriffe weisen darauf hin, dass es hier von der Gesamtanlage her um ‚Sensation', um die Ansprache aller Sinne (statt um rationale Diskurspraxis) und dabei um die Teilnahme ´bzw. die Teilhabe an einem außeralltäglichen, aufregenden, ‚geheimnisvollen' Ereignis geht. Die gesamte Inszenierungsstrategie zielt dem-nach auf die "Kumulation und öffentlichen Darstellung von episkopalem Amtscharisma" (Ebertz 2000). – Organisatorisch gesehen sind die Weltjugendtage somit von einschlägigen Experten und Spezialisten geplante, vorbereitete und umgesetzte Veranstaltungen; bzw. im Marketing-Jargon ausgedrückt: Die Weltjugendtage sind zumindest organisatorisch hoch-gradig innovative auf globale Aufmerksamkeit zielende, klerikale High-Professional-Events.

Marketingkonzept und Inszenierungslogik

Den Ambitionen der Veranstalter zufolge sollen die Weltjugendtage (auch) Aufmerksamkeit für den katholischen Glauben erzeugen und die Katholische Kirche als relevanten ‚global player' im Bewusstsein weltweiter Öffentlichkeiten verankern. Zu den wesentlichen Maß-nahmen, um das hierfür prioritäre Ziel – in summa: mediengerechte Inszenierungen – zu erreichen, gehört zum einen, dass alles, was getan wird, daraufhin geprüft wird, ob bzw. wie es sich medial ‚verkaufen' lässt. Zum anderen sind bei den Weltjugendtagen selber viele ein-zelne Veranstaltungselemente, insbesondere jene mit Massencharakter, so organisiert und inszeniert, dass sie (im Entscheidungsfalle) weniger den Bedürfnissen der Teilnehmer, als vielmehr denen der visuellen Medien entsprachen oder zumindest mit diesen kompatibel sind (vgl. Hepp/Krönert 2009).

Marketingtechnisch gesehen ist somit zu konstatieren, dass die Katholische Kirche als deklarier-te Glaubensverwalterin – bekanntlich zwar keineswegs erst ‚heute', unter den gegebenen ge-sellschaftlichen Bedingungen aber eben nachgerade zwangsläufig – eine ganze Reihe von Mar-keting-Grundsätzen befolgt, die bei den Weltjugendtagen besonders augenfällig werden: unter anderem die Orientierung an einer spezifizierten Zielgruppe, kalkulierte Finanzierung, pointier-te Kommunikationsbotschaft, konkurrenzlose Produktpräsentation, Inszenierung einer Erleb-niswelt usw. Dabei pflegt sie in Gestalt des Papstes ein Marken-Etikett, das unverwechselbar für das Produkt steht, das sie anzubieten hat, und das aufgrund dieser Etikettierung unter der Fülle an sichtbaren und unsichtbaren Religionen auf den ersten Blick erkennbar ist.

Kurz: Die Weltjugendtage, mit und in denen das Event-Prinzip der katholischen Kirche nach-gerade exemplarisch realisiert wird, sind weder nur in diesem Kontext innovative "Megapar-tys", noch sind sie nur in diesem Kontext kanonische "Glaubensfeste". Vielmehr erneuert das kanonische Glaubensfest sich sozusagen im Gewand der Megaparty, und die innovative Megaparty bezieht ihre Besonderung, ihr Alleinstellungsmerkmal daraus, dass sie eben das Glaubensfest transformiert (vgl. Forschungskonsortium WJT 2007). Die Weltjugendtage sind also beides zugleich – und obendrein eben auch noch ein Marketing-Event, ein Medien-Event und ein Papst-Event (also ein Prominenz-Spektakel). D.h., auch wenn von kirchlichen Würdenträgern immer wieder die Vorrangigkeit der Glaubenselemente vor "Jux und Tolle-rei" behauptet wird: Weder organisatorisch noch medial noch gar von der Erlebniserwartung der Teilnehmer her lässt sich diese Behauptung empirisch bestätigen. Aber gerade im Vers-tande der faktischen Gleichrangigkeit ist die bei den Weltjugendtagen zu beobachtende Amalgamierung von Profanem und Sakralem u.E. tatsächlich so etwas wie eine Innovation im Kanonischen – eine Innovation, die nicht nebenbei, unbemerkt und schleichend geschieht, sondern die gewollt ist, und der kirchlicherseits augenscheinlich zwar möglichst stillschwei-gend, aber massiv Vorschub geleistet wird.

Eine mit Ulrich Beck (1986) so genannte "nicht-intendierte (Neben-)Folge" dessen, dass hier professionelle Kompetenz alles in allem überaus erfolgreich zur Herstellung von Events der Superlative (im qualitativen und quantitativen Sinne; in logistischer und inszenierungstechni-scher Hinsicht) eingesetzt wird, könnte durchaus sein, dass das kanonische Ziel, nämlich "geistlich Wesentliches" zu vermitteln, zunehmend überlagert wird von der Unabweisbarkeit ständig steigender Innovationsansprüche des (leicht-)gläubigen ‚Publikums' an die Perfor-mance-Qualitäten von Unterhaltungsangeboten – auch von Unterhaltungsangeboten einer Kirche auf dem Weg vom Hüter kanonischer Wahrheit zu einem innovationsgetriebenen Anbieter psychischer ebenso wie physischer Entspannungsprodukte und Wohlfühlaktionen.

Literatur:

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Berger, Peter L. (1973): Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Fischer

Ebertz, Michael N. (2000): Transzendenz im Augenblick. In: Gebhardt, Winfried/Hitzler, Ronald/Pfadenhauer, Michaela (Hrsg.): Events. Opladen: Leske + Budrich, S.345-364

Forschungskonsortium WJT (2007): Megaparty Glaubensfest. Wiesbaden: VS

Hepp, Andreas/Krönert, Veronika (2009): Medien, Event und Religion. Die Mediatisierung des Religiösen. Wies-baden: VS

Pfadenhauer, Michaela (2008): Organisieren. Eine Fallstudie zum Erhandeln von Events. Wiesbaden: VS

 

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