Startseite Ausgabe 11 | glaubwürdig/skandalös - Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
   
   

Text: Christoph Wichmann

 

 

Christoph Wichmann, Jahrgang 78, studierte Katholische Theologie in Bochum, Innsbruck und Wien. Er hatte Auslandsaufenthalte in Ghana und in Chicago wo er am "CrossingOver Projekt" teilnahm. Seit 2011 ist er Jugendseelsorger am Philipp-Neri-Zentrum in Gelsenkirchen.

 
   

 

 

 

Events als Ergänzungsmittel?

"Muss das wirklich sein?" – unzählige Male wurde mir diese Frage im Zusammenhang mit dem mobilen Hochseilgarten in der Kirche St. Nikolaus gestellt. Ich halte diese Frage nicht nur für legitim, sondern für unausweichlich, wenn man sich ernsthaft mit einer seriösen Eventkultur (im Kirchenraum) auseinandersetzen möchte. Und – ich gebe zu – bevor wir das Bistumsprojekt "Zwischen Himmel und Erde" in den verschiedenen Gremien unserer Pfarrei und Gemeinde vorstellten und zur Abstimmung brachten, habe auch ich für mich diese Frage "Muss das wirklich sein?" immer wieder bedacht. Ein Klettergerüst (10 Meter hoch, 6 Meter breit und 9 Meter lang) soll für 3 lange Monate in unserer Pfarrkirche stehen - kann ich als kath. Priester diese neuen, jugendpastoralen Wege unterstützen und solch ein Event mir und meiner Gemeinde überhaupt zumuten? Es steht außer Frage, dass der mobile Hochseilgarten ein innovatives und einmaliges Projekt ist. Die Chance, in unserer Gemeinde knapp 1600 Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene mit Gott und seiner Kirche in Berührung zu bringen, hat meine persönlichen Bedenken in den Hintergrund treten lassen. Doch bei aller Euphorie darf man auch nicht verschweigen, dass diese neuen Wege kirchlicher "Eventisierung" eine Gemeinde nicht nur herausfordert, sondern in Teilen auch spalten kann. Was kann uns aber trotzdem motivieren Events – auch und gerade im Kirchenraum – zu riskieren? Sind sie gar der einzig SINNvolle Weg?

Ein Antwortversuch:

Junge Menschen suchen auch heute noch nach "Sinn". Ich verspüre eine tiefe Sehnsucht - auch und gerade bei Jugendlichen – nach einem Mehrwert im Leben. Doch spielt die Kirche bei dieser Sinnsuche nur noch eine unbedeutende Rolle. Die Kirche hat die Sinndeutungshoheit gerade bei Jugendlichen fast völlig eingebüßt. Daher bieten außergewöhnliche Wege auch außergewöhnliche Möglichkeiten! Durch besondere, GEISTvolle Events kommen junge Menschen in Berührung mit Gott und seiner Kirche. In vielen Lebensgeschichten wird so ein positiver Kontakt mit Kirche geschaffen. Ist das zu wenig? Vielleicht, doch sind Events primär keine Werbeaktionen zur Rekrutierung neuer Messdiener oder Pfadfinder. Auch wird der prozentuale Anteil junger Menschen in der sonntäglichen Eucharistiefeier nicht schlagartig ansteigen. Aber trotzdem können sie unendlich viel bewegen: Jugendpastorale Events bringen Jesus als Lebensentwurf ins Spiel! Sie bieten eine Gelegenheit die Kirche von der Ersatzbank wieder aufs Spielfeld zu holen. "Muss das wirklich sein?" – nein, es muss nicht sein, aber es darf sein und es soll sein. Events wollen und sollen traditionelle Frömmigkeitsformen weder verdrängen noch minder wertschätzen, sie sind vielmehr Ergänzungsmittel und dienen als Türöffner. Es muss eine gesunde Mischung aus "kontinuierlicher" Arbeit und Event, aus Pflicht und Kür, geben, wobei die Form nicht den Inhalt dominieren soll. Ich persönlich bin schon neugierig auf weitere Events, die seriös, ehrlich und achtsam junge Menschen zu Gott führen wollen!

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