Startseite Ausgabe 11 | glaubwürdig/skandalös - Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
   
 
Text: Christiane Woeller  

Christiane Woeller, Jahrgang 1979, hat Evangelische Theologie, Philosophie und Germanistik an den Universitäten in Mainz, Rom (Päpstliche Universität Gregoriana), Frankfurt und Marburg studiert. Zuvor hat sie eine zweijährige Ausbildung zur Industriekauffrau bei DaimlerChrysler absolviert. Derzeit ist Christiane Woeller Lehrerin für die Fächer Deutsch, Ethik/Philosophie und Evangelische Religion in Mainz.

 
   

 

 

 

„Sind Events für Sie wichtig und falls ja warum? Welche Events haben Eindruck bei Ihnen hinterlassen?

Events waren für Kirche immer schon von enormer Bedeutung und sie sind es heute noch. Alle Religionen arbeiten von Anbeginn mit „Events“, wenn man Event als ein besonderes, außeralltägliches, erhebendes Ereignis definiert, das mehrere Menschen gemeinsam erleben. Gottesdienste und Kirchenbesuche haben lange Zeit diese außeralltägliche „Eventfunktion“ im Alltag der Menschen übernommen. Sie gehörten zu der Lebenswelt der allermeisten Menschen und haben diese gleichzeitig aus ihrem Alltag erhoben und transzendiert. Auch heute können gute lebendige Gottesdienste dies noch bewirken, doch wenn man genauer hinsieht, dann sind eher andere Events in der medialen Lebenswelt der Menschen und vor allem in der der Jugendlichen verankert.

Man findet diese eben leider kaum noch in Gottesdiensten und daher muss die Kirche dorthin gehen, wo sie die Menschen erreichen kann, ohne jedoch damit ihre existenziellen Fragen, sinnstiftende Dimension und ihr letztbegründendes Glaubenspotenzial aufzugeben. Konzerte, Festivals, Public Viewing, Großereignisse jeder Art holen die Menschen heute aus ihrem Alltag und ermöglichen gemeinsames Erleben und gemeinsame Erfahrungen. Genau dieses gemeinsame Erleben von intensiven Augenblicken sowie das Teilen bedeutender Lebensmomente macht den besonderen Charakter von Events aus.

Es tut einfach gut zu erleben, dass viele andere Menschen mit mir zusammen gleiche bzw. ähnliche Interessen teilen. Diese Erfahrung bestätigt mein Selbst, stärkt meine Identität und gibt mir Halt im Augenblick des gemeinsamen Erlebens. Genau dieses gemeinsame Erleben und Erfahren von Glauben – die vielen Gespräche, neuen Impulse und Ideen an den ökumenischen Kirchentagen in Berlin und München, am Weltjugendtag in Köln, auf oft ökumenischen Fahrten, Reisen und Ausflügen vor allem in meiner Studienzeit – haben mein Christsein zutiefst geprägt, meinen Glaubenshorizont erweitert und zugleich gestärkt sowie innige intensive Freundschaften entstehen lassen.

Es ist jedoch deutlich zu fragen, was Kirche im modernen Event- und Medienzeitalter noch sein will. Will sie auf dem kapitalistischen Markt der Möglichkeiten nur ein Angebot unter vielen darstellen? Oder will Kirche noch immer den christlichen Glaubensversuch wagen, eine letztbegründende Sinnstiftung für ein gelingendes Leben zu eröffnen, was meiner Meinung nach den wesenhaften Kern einer jeden Religion ausmacht?

Nur wenn Kirche sich dieser wesenhaft sinnstiftenden Dimension des Christentums über das Augenblicksereignis hinaus bewusst ist, können christliche Events gelingen. Es ist die große Chance und gleichzeitig die wichtigste Aufgabe von Kirche, durch Events über das gemeinsame Erleben im Augenblick und das momenthafte Herausheben aus dem Alltag hinaus existenzielle Fragen zu wecken und eine sinnstiftende Dimension für das Leben des Einzelnen insgesamt zu eröffnen. Wenn christliche Events allerdings nur im augenblickhaften, gemeinsamen Erleben stehen bleiben, dann verschenken sie ihr größtes Potential und verpassen ihre wesentliche sowie wesenhafte sinnstiftende Aufgabe und spielen nur eine untergeordnete Rolle im Angebot der modernen Event- und Medienwelt.

In einem solchen Fall kommen die Menschen nur zu einem christlichen Event, wenn es ihnen für ihr Geld ähnlich viel bietet wie andere Events, und es geht dann nur noch nebensächlich um neue Impulse, Kraft und Ideen für das eigene Christ sein. Das fände ich schade.

 

 

nach oben