Startseite Ausgabe 11 | glaubwürdig/skandalös - Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
   
   
Text: Stefan Lesting  

Stefan Lesting engagiert sich als Messdiener, Gruppenleiter, Kommunionhelfer und Geistlicher Begleiter. Seit Anfang 2010 ist er bei "domradio.de" für die Weiterentwicklung der Online Aktivitäten zuständig. Privat betreibt er das Blogmagazin "FRISCHFISCHen – Gott und die Welt im Netz 2.0".

 
   

 

 

 

„Herr Lesting, Sie sind Blogger, Kommunikationsstratege und geistlicher Begleiter. Drei Fragen an Sie: Welchen Platz nimmt die Kirche aus Ihrer Sicht im Web 2.0 ein? Wie wichtig sind christliche Themen und Diskussionen auf Twitter, YouTube oder in einem Blog? Und wie nutzen Sie das Angebot im Internet?“

Welchen Platz nimmt die Kirche aus Ihrer Sicht im Web 2.0 ein?

In den vergangenen Jahren ist viel über das Web 2.0 gesprochen worden und mit dem Begriff wurde versucht die Entwicklung des Internets zu verdeutlichen. Die "zweite Version" des Internets umschließt im Gegensatz zu der ersten eine starke interaktive Komponente. Personen auf der ganzen Welt vernetzen sich durch die Sozialen Netzwerke und es besteht die Möglichkeit sich mit anderen Internetusern über die eigenen Themen auszutauschen.

Nachdem am Anfang gerade technisch interessierte Personen die Sozialen Netzwerke für sich entdeckt haben ist heute auch in Deutschland schon eine breite Schicht der Bevölkerung in diesen vertreten. So ergibt es sich auch, dass Kirche immer stärker im Web 2.0 vorkommt, denn gerade in den vergangenen 12 Monaten haben viele Priester und auch pastorale Mitarbeiter Plattformen, wie Facebook oder Twitter für sich entdeckt.

Es erscheint mir, dass ein immer größerer Bedarf an Internetseelsorge entsteht, wobei dies nicht verwunderlich ist, denn das Internet ist nur ein Werkzeug, dass zwei real existierende Menschen miteinander verbindet beziehungsweise miteinander in Kontakt bringt. Aus dieser Perspektive entwickeln sich durch das Internet auch immer Begegnungen, die zuerst virtuell, aber später auch real stattfinden. Vielleicht sollte man aus diesem Grund auch heute lieber von den Chancen des Web 3.0, einem Zeitalter wo nicht mehr zwischen virtuellen und realen Identitäten unterschieden wird, reden, wenn es um Kirche und Glauben geht.

Wie wichtig sind christliche Themen und Diskussionen auf Twitter, YouTube oder in einem Blog?

Für mich persönlich ist es wichtig, wenn christliche Themen und Diskussionen auf den Web 2.0 Kanälen stattfinden, doch muss man realistisch betrachten, dass dem "normalen" Internetnutzer aus dem deutschsprachigem Raum dieses Thema und die entsprechende Diskussion total egal ist. In anderen Ländern, wie den Philippinen oder Südamerika gibt es Gegenbeispiele, aber dort ist das Christentum oftmals noch viel stärker in der Gesellschaft verankert.

Wenn man darüber hinaus auch die christliche Internetlandschaft betrachtet, dann gibt es zwar eine unzählige Anzahl von christlichen Webseiten, aber diese sind vor allem statisch und darüber hinaus haben diese Webseiten keine große Reichweite. Im März 2011 gab es eine grobe Schätzung über die wohl wichtigsten katholischen Webseiten im deutschsprachigen Raum. Am Ende standen 50 Webseiten auf der Liste, wobei keine der Webseiten im Gesamtbild des Internets eine wesentliche Rolle spielt.

Doch dies ist auch nicht unbedingt nur negativ kritisch zu sehen, denn es kommt im Internet vor allem auf die Authentizität an, die nur reale Persönlichkeiten ausstrahlen können, die aus ihrem Leben Zeugnis ablegen. Umso wichtiger ist es von daher eigentlich, dass wir Christen, die Lust und Interesse für diese Medien haben, zu befähigen und dabei zu unterstützen das Internet zu nutzen und für das Glaubenszeugnis einzusetzen.

Und wie nutzen Sie das Angebot im Internet?

Das Internet ist einfach ein Teil meines Lebens und ich verwende es gerne an den Stellen, wo es mir Arbeitsabläufe vereinfacht. Darüber hinaus ist es das Medium mit dem ich mit vielen Menschen in Kontakt bleiben kann, die geographisch gesehen unerreichbar sind. Praktisch kommen so die unterschiedlichsten Dienste zum Einsatz, aber es gibt gerade durch die Möglichkeiten des mobilen Internets eine Dimension die immer spannender wird und die ich in die Kategorie Web 3.0 stelle. Es geht um die realen Begegnungen, die durch einen virtuellen Kontakt entstehen. Menschen zu treffen, die gleiche Interessen besitzen und denen man ohne das Internet nie begegnet wäre sind eine Herausforderung, aber können eine unheimlich große Bereicherung für das Leben sein.

Doch diese Herausforderung anzunehmen ist nicht immer leicht, denn sie bedeutet auch sich bewusst in die Öffentlichkeit zu stellen und ansprechbar für seine Freunde, Bekannten und anderen Mitmenschen zu werden. So erinnere ich mich gut, wie mich einmal ein Mann in den Sozialen Netzwerken ansprach und mir seine schwierige Situation mit seiner Frau schilderte oder aber der Kontakt mit Eltern deren Kind missbraucht wurde. Es sind Kontakte die für beide Seiten nicht leicht sind, aber eben in der direkten Begegnung unmöglich wären. Doch auch diese extremen Begegnungen schenken mir immer wieder Kraft und Mut weiter im Internet zu bleiben, denn was durch dieses Medium eben auch entstehen kann, sind tiefe Freundschaften zu Menschen, die ich ohne das Internet nie kennengelernt hätte und die ich in meinem Leben nicht vermissen möchte.

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