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Im Interview:
Nico Lumma
Bild: © 31M

 

 
   

 

Nico Lumma arbeitet als Director Social Media bei Scholz & Friends in Hamburg. Privat bolggt er auf "lumma.de". Er ist im Gesprächskreis Netzpolitik des SPD Parteivorstandes und leitet den AK Digitales Leben und Arbeiten in Hamburg der SPD Hamburg. 2007 wurde er von der Zeitschrift Tomorrow zu den Top 20 Web 2.0 Pionieren in Deutschland gewählt.

 
   

 

  1.0/2.0 – Welche Chancen bietet Web 2.0 und wie sollte Kirche sie nutzen?

Interview mit Nico Lumma

Was war das Kennzeichnende an Web 1.0 und wie hat es sich zu Web 2.0 entwickelt?
Web 2.0 ist ein Begriff, der letztendlich eine Entwicklung kennzeichnet, die seit 2002 das Web verändert. Die Grundlage für die Veränderungen sind vor allem Fortschritte im Bereich Web-Technologie, die dazu führen, dass viel mehr Menschen viel leichter im Web kommunizieren können, was wiederum zur Folge hatte, dass immer mehr Produkte entwickelt werden, die den Nutzer und dessen aktive Nutzungsmöglichkeiten im Fokus haben.

Inwiefern verändert Web 2.0 unsere Kommunikationsroutinen?
Insbesondere durch das Vordringen der Smartphones auf den Mobilfunkmarkt wird die text-gestützte Kommunikation immer leichter und sorgt dafür, dass es viel leichter geworden ist, mit mehr Menschen in Kontakt zu bleiben.

Vertieft Web 2.0 soziale Kontakte oder inflationiert es sie?
Sowohl als auch. Es hängt von der Ausprägung eines jeden Einzelnen ab, wie das Web 2.0 genutzt wird. Es erleichtert natürlich das Überbrücken von räumlichen Distanzen und ermöglicht somit, Kontakte zu pflegen, die man sonst wahrscheinlich vernachlässigt hätte. Es kann aber auch dazu führen, dass man mit zu vielen Menschen zu oberflächlich kommuniziert, wie das eben im Leben so ist.

Wie wird Web 2.0 unseren Alltag verändern? Wie hat es das schon längst?
Wir sind heute mehr denn je in der Lage, selber zu entscheiden, wie wir kommunizieren und wie wir Medien kommunizieren. Web 2.0 sorgt dafür, dass die Grenzen von einst immer mehr verschwimmen, dass mediale Angebote zusammen mit Freunden digital konsumiert und gleichzeitig erlebt werden können. Das Thema online vs. offline wird immer mehr in den Hintergrund rücken, weil man einfach das Netz nutzt, ohne große Aufregung oder gar Anstrengung.

Wer wird Web 2.0 nutzen? Alle, also auch die Älteren oder sind es eher die Jüngeren?
Alle. Die Älteren hohlen gerade massiv auf und sehen natürlich Vorteile, insbesondere, wenn die eigene Mobilität eingeschränkt ist.

Warum hat eine Plattform wie facebook.com mehr als 600 Millionen User? Was macht den Reiz aus?
Facebook ist einfach zu bedienen, deckt die Grundbedürfnisse ab, die eine einfache Kommunikation mit Freunden, Familie und Bekannten ermöglicht - bietet aber auch genügend andere Reize, wie beispielsweise Spiele oder den Kontakt zu Unternehmen. Auf Facebook ist “immer etwas los” und mittlerweile findet man nahezu alle Freunde bei Facebook, daher die große Sogwirkung dieses Netzwerkes.

Warum ist Web 2.0 für Unternehmen interessant?
“Märkte sind Gespäche” ist einer der Kernsätze des sog. Cluetrain Manifestos und das ist auch genau der Grund, warum Unternehmen Twitter, Facebook, Blogs & Co. nutzen - die Menschen reden über Unternehmen und ihre Produkte, da liegt es nahe, mit diesen ins Gespräch zu kommen.

Was sagen Sie Menschen, die Web 2.0 boykottieren oder damit nichts anfangen können?
Ich sage Ihnen, dass sie etwas verpassen, aber letztendlich ist es die Entscheidung eines jeden Einzelnen.

Kann es auch für die Kirche interessant sein und wenn ja, in welchen Bereichen?
Natürlich kann es für die Kirche interessant sein, insbesondere wenn es darum geht, Menschen zu mobilisieren oder mit Menschen in einen Dialog zu kommen.

Wo sollte die Kirche vorsichtig sein? Zum Beispiel, weil Traditionen wie die Beichte nicht ins Netz gehören.
Glaube ist etwas sehr persönliches und daher sollte die Kirche nicht versuchen, Öffentlichkeit zu erzeugen, wo Menschen eher lieber für sich sein möchten.

Wie kann Kirche die Lebenswelten junger Menschen mit Web 2.0 erreichen?
Kirche kann Anlaufstelle sein für viele Themenbereiche und kann durch eine innovative Nutzung von Facebook, Twitter, Blogs & Co dafür sorgen, dass über Empfehlungsmechanismen Menschen in Kontakt mit der Kirche kommen, weil Freunde und Bekannte sie über das Web auf Inhalte aufmerksam gemacht haben.

Kann man ohne Verständnis von Entscheidungsträgern in der Kirche für moderne Kommunikationsmittel überhaupt junge Zielgruppen erreichen?
Ohne Verständnis wird es schwierig, aber Pilotprojekte sollten helfen, die ersten Schritte in diesem Bereich zu gehen. Das Netz ist aus der Lebensrealität vieler Menschen nicht mehr wegzudenken, das sollte man stets im Hinterkopf haben, auch wenn die persönliche Nutzung vielleicht noch nicht so ausgeprägt ist.

Wird es in naher Zukunft, um es einmal zugespitzt auszudrücken, Web-2.0-Christen und Bibelchristen geben?
Nein. Definieren sich Christen über ihre präferierte Form der Beteiligung und der Rezeption? Es wird Christen geben, und die einen lesen lieber auf Papier und gehen in die Kirche am Sonntag, die anderen lesen auf dem iPad und diskutieren auf Facebook während der Mittagspause.

Wie erleben Sie kirchliche Angebote im Web? Zum Beispiel pope2you oder citykirche wuppertal, tanzenamstrand.de oder die Domain kirche-im-Web20.de. Sind es aus Ihrer Sicht professionell gemachte Auftritte oder wo sehen Sie Optimierungsbedarf?
Ich sehe Optimierungsbedarf, wenn man sich vor Augen hält, dass die Kirche eine sehr starke lokale Verankerung hat und aktive Kirchenarbeit vor allem lokal stattfindet, man dort aber eher uninspierende Web-Angebote findet. Web 2.0 bedeutet ja nicht nur, dass man eine große Plattform bietet und Nutzer in die Lage versetzt, mitzudiskutieren und Inhalte zu teilen, sondern bietet ja auch jedem die Möglichkeit, ein eigenes Angebot zu starten. Da sehe ich eine immense Chance, Kirche im lokalen Bereich attraktiver zu gestalten und über gute Online-Arbeit Nutzer zu erreichen.

Wie ernst nehmen Sie Datenschutzbedenken, zum Beispiel angesichts des manchmal Krake genannten sozialen Netzwerkes Facebook?
Ich nehme Datenschutzbedenken grundsätzlich sehr ernst, aber ich teile sie nicht immer. Grundsätzlich sollte man nichts ins Netz schreiben, was man später nicht mit seinem Namen in Verbindung gebracht sehen will.

Sehen Sie bei der katholischen Kirche eine Webbasierte Kommunikationslinie?
Da bin ich absolut überfragt, da ich mich nie damit auseinandergesetzt habe, wie die Kommunikation der katholischen Kirche funktioniert.

Kommen kirchliche Web-Angebote in Ihrem Surfalltag vor?
Nein.

Wie würden Sie Kirche angesichts von Web 2.0 beraten? Sollte Kirche da offensiv rein, oder besser den Nischenvorteil personaler Interaktion betonen?
Ich würde der Kirche empfehlen, die lokalen Einrichtungen in die Lage zu versetzen, Angebote zu entwickeln, die für den lokalen Bereich eine Relevanz haben und über das Verkünden der Kirchenöffnungszeiten hinausgehen. Dort wird dann Interaktion stattfinden, vor allem zwischen den Menschen vor Ort, die sich kennen und die dann dafür sorgen, dass auch andere Menschen interessante Angebote wahrnehmen, wenn diese für sie relevant sind.

Können virtuelle Kommunikationsräume religiöse Räume ersetzen oder ergänzen oder zerstören sie diese eher?
Ich sehe digitale Kommunikation als ein wichtige Ergänzung an, die aber keinesfalls persönliche Gespräche oder gar kirchliche Rituale ersetzen werden.

Was und wie wird Web 3.0 sein?
Es gibt eine kontinuierliche Weiterentwicklung, die sich nicht so sehr an Versionsnummern orientiert. Zentral wird allerdings sein, wie wir mit anderen Menschen über digitale Kommunikationswege interagieren und wie Informationen uns finden.

Drei Fragen zum Schluss: Glauben Sie an Gott?
Nur in Ausnahmesituationen. :)

Sind Sie Mitglied einer Kirche?
Nein.

Würde Jesus seine Jünger heute auf Facebook sammeln und hätte er ein Profil auf Xing?
Jesus würde sicherlich Jünger auf Facebook sammeln und wenn die Definition von Kirche sich an einem Geschäftsmodell orientiert, dann wäre er sicherlich auch auf XING.

 

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