Startseite Ausgabe 10 | glaubwürdig/skandalös - Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
   
 
Text: Matthias Kopp  

Matthias Kopp, ist seit dem 1. Januar 2009 Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz und Leiter der Pressestelle. Von 2000 bis 2008 war er Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, seit 2002 ist er stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands.



 
   

 

 

 

Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, hat auf die aktuelle Ausgabe unseres Sinnstiftermagazins reagiert und uns eine ausführliche Replik geschickt. Wir sind der Bitte von Matthias Kopp, seine Antwort zu veröffentlichen, gern nachgekommen und sagen „Danke“ für die Replik:

Wir schweigen nicht! Ein (notwendiger) Zwischenruf zur Kommunikation der katholischen Kirche

Zweifelsohne: Das Jahr 2010 war ein Krisenjahr für die katholische Kirche. Selbstkritisch werden wir über uns als Kirche sagen können, dass nicht alles in der Kommunikation ideal gelaufen ist. Manche Problemlagen haben wir kommunikativ falsch eingeschätzt, in bestimmten Situationen hätte die Kirche in Deutschland schneller in den Medien reagieren müssen. Aber wer uns vorwirft, wir hätten gemauert und geschwiegen, gebremst und nicht informiert, der verkennt die Tatsachen unseres Kommunikationswillens und unserer Kommunikationsfähigkeiten, vor allem verkennt er die komplexe Wirklichkeit der Kirche in Deutschland.

Nochmals: In bestimmten Situationen hätte die Medienarbeit anders reagieren müssen. Aber die Kirche in Deutschland ist nun mal kein monolithischer Block, der nach den Regeln moderner Unternehmenskommunikation funktioniert. Es gibt die Deutsche Bischofskonferenz, aber es gibt auch die 27 Bistümer in Deutschland, die ihre eigene Autonomie und damit auch Verantwortung in der Medien- und Kommunikationsarbeit haben. Gerade das Krisenjahr 2010 hat die bischöflichen Pressestellen und die Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz enger zusammenwachsen lassen. Wir sind gut vernetzt und stimmen uns nicht nur in heiklen Situationen untereinander ab. Wer uns vorwirft, wir könnten nicht kommunizieren, hat sich nicht die Mühe gemacht, die vielfältige und mühevolle Kommunikationsleistung der Bistümer und der Bischofskonferenz zu analysieren.

Ja, wir haben Fehler in der Kommunikation gemacht. In Fragen des Missbrauchsskandals gab es lange Zeit einen falsch verstandenen Täterschutz, der vor dem Schutz der Opfer stand. Aber die Meinung, die Kirche würde mauern, trifft nicht zu. Gleich nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in Berlin hat die Deutsche Bischofskonferenz auf verschiedenen Ebenen reagiert. Wir haben uns unserer Verantwortung gestellt. Wer nun als Argument vorhält, wir würden keine Zahlen zu Missbrauchsopfern veröffentlichen, hat noch immer nicht verstanden, worum es geht: Zahlen lassen sich nicht in wenigen Monaten ermitteln. Die Aufarbeitung der schrecklichen Fälle von Missbrauch braucht ihre Zeit, deshalb wollen wir eine wissenschaftliche Forschungsarbeit in Auftrag geben.

Weil wir uns als Kirche der Kommunikationsverantwortung und Kommunikationsnotwendigkeit stellen, melden wir uns zu Wort, ob gelegen oder ungelegen. Es wird zumindest kein Journalist behaupten können, von unserer Pressestelle keinen Rückruf oder keine Antwort erhalten zu haben. Im Klartext: Wir sind als Kirche kein Dilettantenverein in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit, auch wenn wir manche Erwartungen enttäuschen, die an uns gestellt werden. Gerade um diesen Vorurteilen vorzubeugen, habe ich im Sommer letzten Jahres den Negativpreis „Verschlossene Auster“ für die Kirche in Deutschland entgegengenommen: nicht, um zu bestätigen, dass wir schlecht kommunizieren, sondern um mich dem kritischen Diskurs zu stellen, dass wir als Kirche heiklen Themen und Ehrungen nicht ausweichen.

Was wir erwarten, ist Fairness uns gegenüber. Und die haben wir im schwierigen zurückliegenden Jahr weitgehend erlebt. Es gab journalistische Versuche, die die Grenze der Unfairness überschritten haben, aber es waren Ausnahmen. Es ist richtig, wenn der investigative Journalismus uns hart angeht – aber bitte fair. Deshalb ist es zum Beispiel unverständlich, wenn die Bischofskonferenz einen Weg des Dialogs im September letzten Jahres anlegt und – nicht nur säkulare – Medien schon nach wenigen Wochen über diesen gerade begonnenen Prozess „herfallen“ und ihn als langsam oder gar tot bezeichnen. Um aus der Krise herauszukommen, braucht die Kirche ihre Zeit. Und die sollte ihr gegeben werden – auch durch die Medien.

Deshalb: Wir verschließen uns nicht der Kommunikation. Eine Kirche, die den Menschen nahe sein will, kann sich unmöglich von der Welt separieren. Aber wir hoffen, dass sich die Welt mit uns seriös beschäftigt – auch in der Recherche, die manchmal vielleicht aufwändiger ist als sonst, weil die Kirche heute nicht mehr eine in allen Details und Riten bekannte Institution ist. Zum Ende meiner Gegenrede bei der Auster-Verleihung habe ich gesagt, was oberstes Ziel für unsere Kommunikationsarbeit ist, daran hat sich nichts geändert: „Wir werden als Kirche auch weiterhin versuchen, Sie mit dem Gegenteil dessen zu überraschen, was uns dieser Preis bescheinigen soll.“

P.S. Der Zwischenruf erreicht „sinnstiftermag“ mit einiger Verspätung. Ausgabe 10 schrieb im Editorial: „So schwer wars noch nie: Wir vom sinnstifermag wollten von Fachleuten kirchlicher und werblicher Kommunikation wissen, wie sie die Krisen-PR der Kirchen angesichts der Missbrauchsskandale im Jahr 2010 bewerten. Zum ersten Mal mussten wir erleben, dass viele Akteure abwinkten. Kirchlichen Gesprächspartnern und -partnerinnen war es zu gefährlich, werblichen zu beschämend, sich hierzu pointiert zu äußern.“ Ich kann nur sagen: Sinnstiftermag hat die Deutsche Bischofskonferenz nicht gefragt. Deshalb habe ich mich von mir aus zu Wort gemeldet. Weil wir nicht schweigen, sondern kommunizieren!

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