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Text: Heribert Prantl  

Heribert Prantl, Jahrgang 1953, ist Jurist und Journalist. Im Juli 2010 hat das „Netzwerk Recherche“ zum neunten Mal den Kritik-Preis „Verschlossene Auster“ verliehen, an dem mehr als 800 Medienvertreter teilnahmen. Heribert Prantl hat als Laudator die Auszeichnung an die Deutsche Bischofkonferenz für die Informationsblockaden der Katholischen Kirche übergeben. Der Preis steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien.



 
   

 

 

 

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sieht seine Kirche von den Medien viel zu hart angepackt, er sieht bösartige Kräfte am Werk; er sieht die Kirche einer Verfolgung ausgesetzt wie unter dem Nationalsozialismus. In der Wortwahl steht er alleine. Aber in vielen Predigten wird  die Kirche als verfolgte Unschuld präsentiert, bedrängt von einer feindlichen Kampagne, gejagt von antiklerikalen Journalisten, die angeblich aus Lust an der Zerstörung der letzten moralischen Anstalt handeln. Der Regensburger Bischof Müller hat den Journalisten, die über die Regensburger Domspatzen recherchierten, öffentlich „kriminelle Energie" bescheinigt. Gegen die Kirche, so sagt er, wird gezischt, „als ob man gerade in einem Gänsestall hier die Gänse aufgeweckt hätte".  In einer Predigt sprach er von „missbrauchter Pressefreiheit" und von einer „Diffamierungs-Lizenz, mit der man scheinbar legal all diejenigen Personen und Glaubensgemeinschaften ihrer Würde beraubt, die sich dem totalitären Herrschaftsanspruch des Neo-Atheismus und der Diktatur des Relativismus nicht fügen." Es wird bei dieser Medienschelte, bei dieser Verfluchung so getan, als seien die Skandale nicht in der Kirche entstanden, sondern ihr von außen angetan worden.

Der Vorwurf  „antikatholischer Propaganda" wird auf den Webseiten der Regensburger Ordinariats erhoben,  von einer „primitiven Manipulation und gezielten Volksverdummung" ist die Rede und von einer Journalismus, der „die Wahrheit so unverschämt niederhält", expressis verbis auch in Bezug auf die Süddeutsche Zeitung. Man möchte den Heiligen Franz von Sales zu Hilfe rufen:  nicht für die Journalisten - sondern für einen maßlosen und uneinsichtigen Episkopus.

Sicher gibt es journalistische Fehlleistungen: Wenn etwa die Schüler vom Regensburger Domspatzen-Gymnasium am Schulhof abgefangen werden, wenn ihnen regelrecht aufgelauert wird, dann ist das eher Stalking als fairer Journalismus. Solche Verirrungen gibt es, leider,  bei anderen Skandalen auch. Aber bei den angeblichen Verfehlungen, die der Regensburger Bischof geißelt, handelt es sich nicht um Verfehlungen, sondern um Journalismus. Eine „ständige Wiederholung von Vorgängen aus alter Zeit" hat der Bischof beklagt, welche nur den Sinn habe, die Kirche als verderbten Laden darzustellen. Er verkennt, wie Journalismus funktioniert;  er verkennt, wie Aufklärung funktioniert. Franz von Sales hätte es gewusst.  Es ist gewiss richtig, dass die Fakten, dass die einschlägigen „Fälle" aus den diversen Diözesen und Klöstern immer wieder  wiederholt worden sind, weil  die neu entdeckten „Missbrauchsfälle" in die alten eingereiht wurden. Das ist aber kein Tort, der der Kirche angetan wird. Es wird auf diese Weise nur der Fortsetzungszusammenhang hergestellt. Das ist bei Skandalen in der Kirche nicht anders als bei denen in der Politik, bei Siemens, BP, VW oder den Banken.

Die Amtskirche hat aber geglaubt und glaubt zum Teil immer noch, ihr gebühre ein schonender Sonderstatus, sie sei unantastbar, weil sie so  alt, erhaben und wertvoll sei. Anders herum wird ein Schuh daraus. Wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, sich die Rolle der Hüterin der öffentlichen Moral zuschreibt, wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, gern darauf verweist, dass er über ein gereiftes Orientierungswissen und über besondere Problemlösungskompetenz verfüge, der muss sich schon genau anschauen lassen, wenn es um die Unmoral in den eigenen Reihen geht, und der muss sich fragen lassen, wie es denn um die Qualität dieses Orientierungswissens bestellt ist und wo die Problemlösungskompetenz bleibt.

Nach langen Jahren des Schweigens und des Verdrängens hat sich die Kirche schließlich doch zur Aufklärung und Verfolgung von sexueller Gewalt durchgerungen. Sie hat in den vergangenen Monaten Stärke gezeigt beim administrativen Reagieren auf den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Aber über den katholischen Geschmack des Missbrauchsskandals, wie das der Jesuit Klaus Mertes formuliert hat, kann sie nach wie vor nicht reden.

Die Kirche und ihre Krise: Kirche ist Kirche nur dann, wenn sie für andere da ist. Denn Kirche ist ursprünglich und eigentlich die Stimme der Schwachen. Aber im so genannten Missbrauchsskandal überwiegt  in der Amtskirche noch immer die Sorge um die Institution die Anteilnahme mit den Opfern. Es zeigt sich hier das kalte Herz der Kirche. Wenn sie aber vor allem für sich und zu ihrer Selbstverteidigung da ist, verliert sie sich. Mehr als jede Kirchenkritik der Kirche schaden kann, schadet sie sich selbst, wenn sie sich der Diskussion verschließt und versperrt.

Das Problem der Kirche ist nicht die Öffentlichkeit, ihr Problem sind nicht die Medien, ihr Problem ist die sexuelle Gewalt und ihr Umgang damit. Andere Diözesen, andere Bischöfe haben ganz anders reagiert als Bischof Müller in Regensburg. Erzbischof Reinhard Marx in München-Freising hat die Devise ausgegeben: „Nichts verschweigen, nichts vertuschen, der Wahrheit ins Auge sehen". Marx hat diese Devise auch praktiziert. Aber das zentrale Problem bleibt, es ist die „Unfähigkeit, die eigenen pathogenen Strukturen und die Folgen der klerikalen Vertuschungen zu erkennen, zu erörtern und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen", wie es Franz-Xaver Kaufmann auf den Punkt gebracht hat. Pädophilie ist das Risiko einer zwangszölibatären und monosexuellen Kirche, der in 2000 Jahren zwar die Vertreibung der Frauen aus allen Machtpositionen, aber nicht die Entsexualisierung des Menschen gelingen konnte.

Aus der Rede von Heribert Prantl zur Preisverleihung „Verschlossene Auster“ 2010

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