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  Startseite Ausgabe 10 | glaubwürdig/skandalös – Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
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Text: Michael Jochim  
Michael Jochim, Jahrgang 1954, Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter der 1985 in Essen gegründeten BJS Werbeagentur hat zahlreiche Kontakte und Verbindungen zu Organisationen, Verbänden und Einrichtungen im Nonprofit-Bereich. Er arbeitet ehrenamtlich in kirchlichen Einrichtungen mit und ist Mitbegründer und Herausgeber vom sinnstiftermag.
 
   

 

 

 

„Welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchsskandal? Und wie wirkt auf Sie als Geschäftsführer einer Werbeagentur die Steuerung der Kommunikation in der Missbrauchskrise durch die katholische Kirche?“

Als Privatmensch, katholischer Christ, loyaler Kirchenanhänger und Agentur-Chef bin ich enttäuscht, was in meiner Kirche möglich ist. Der Missbrauchs-Skandal erhält seine Dimension nicht nur durch das Fehlverhalten einzelner, sondern durch systematische Vertuschung. Die Kirche hat ein Problem mit dem Ideal , das sie vertritt: Vermittlerin des Evangelium vom Reich Gottes - und dem Erscheinungsbild der kirchlichen Vertreter.

Es klafft eine Lücke auf allen Ebenen. Der Wanderprediger aus Galiläa wird vom obersten Würdenträger im Vatikan vertreten. Umgeben von Würdenträgern in einem Umfeld, das mehr an die Paläste jener erinnert, die Jesus verurteilten als an den Stall, in dem er geboren wurde. Es wird von den Gläubigen Einiges an spiritueller und gedanklicher Akrobatik gefordert, das verkündete Evangelium und dessen Verkünder sowie ihre Lebenswelt in Übereinstimmung zu bringen.

Es braucht in der Organisation der Kirche ein gutes „weltlichen“ Denken, wie mit schwierigen Situationen umzugehen ist. Das lange Schweigen, das Wirrwarr an Informationen und die Entscheidungen, die eher vermuten ließen „jetzt wird entschieden, damit die Öffentlichkeit meint, hier werden gut überlegte Konsequenzen gezogen“, zeigen eindeutige kirchliche Schwächen im Krisenmanagement auf.

In solchen Fällen bedarf es der Fähigkeit, Fehler einzusehen. Hierzu äußerte sich der amerikanische Jesuit, Thomas Reese. Er empfiehlt den europäischen Bischöfen, aus den Fehlern  der Bischöfe in den USA zu lernen. Deren gravierendster Fehler sei der Glaube gewesen, die Krise sei in wenigen Monaten vorüber. „Die größte Tragödie war, sich zu verstecken und den Sturm vorüberziehen zu lassen“. Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, sagte es selbst: “Für mich waren es die schlimmsten Monate meine Lebens.“

Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, fordert Reformen in der katholischen Kirche. „Die größten Gefahren für die katholische Kirche sind innerhalb ihrer eigenen Mauer und nicht außerhalb zu finden“.

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann  sieht in einem geplanten Dialogprozess allerdings auch Gefahren. Er warnte vor einem „ewigen Jammern über das verlorene Vertrauen“ und einer „gebetsmühlenartigen“ Wiederholung von Schuld, die die Kirche zu tragen habe. Nach Einschätzung Lehmanns hat die katholische Kirche „genug und genügend klar“ zum Ausdruck gebracht, dass sie über die Vorfälle sehr erschrocken  sei und ihre Unzulänglichkeit einsehe. „Die wichtigste Voraussetzung für alle Erneuerung ist ein vertiefter Glaube an Gott.“

Krisenkommunikation ist keine Schmerztablettenstrategie für erregte Zeitgenossen, sondern die aufrechte Haltung vor der Öffentlichkeit. Diese Position findet sich bei erfolgreichen Unternehmensführern als Persönlichkeiten, die ihre Vorstellungen und Visionen authentisch und glaubwürdig zu vermitteln wissen.

Nicht weil die Menschen „böse“ geworden sind, sondern weil ihnen die Kirche nichts mehr zu sagen hat, weil in ihnen nichts mehr geweckt wird. Weil Religion und Kirche nicht zu fesseln verstehen, weil die Sprache arm und die einst aussagekräftigen Bilder verblasst sind. Weil ihre Symbole von weltlichen Institutionen übernommen wurden, die sie für ihre Zwecke neu aufbereitet haben. Aus diesen und vielen weiteren Gründen wenden sich die Menschen ab und treten aus der Kirche aus.

Der Trendmonitor  (MDG-Trendmonitor „Religiöse Kommunikation ... zu Kirche und Religion,  vom Institut für Demoskopie Allensbach erstellt ) belegt jedenfalls sehr detailliert “wie schwer es ist , erst einmal blockierte personale Kommunikation durch mediale Informations- und Kommunikationsangebote zu kompensieren.“ Man fragt sich, wie wohl die Ergebnisse ausgefallen wären, wenn die Befragung im März 2010 stattgefunden hätte.

„Von einer nachhaltigen Renaissance des Religiösen ist in Deutschland“, so heißt es im Trendmonitor klar und deutlich, „nichts zu spüren“, auch nicht von einer Renaissance des Kirchlichen – erst recht nicht bei den jungen Katholiken. Als bedeutungsvolles Signal für die Zukunft steht die Aussage von Bischof Gebhard Fürst (Beauftragter Medien-Bischof der Deutschen Bischofskonferenz) zum Neujahrsempfang 2011 des Bistums in Stuttgart: „ Heute und in der kommenden Generation sind die jungen Christen die Kirche. Oder sie sind es nicht. Und dann sind wir als Kirche nicht mehr“.

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