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  Startseite Ausgabe 10 | glaubwürdig/skandalös – Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
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Text: Constanze Bandowski
Foto: Karin Desmarowitz, agenda/Hamburg

 

 

Constanze Bandowski, arbeitet seit 1998 als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen, Magazine und Non-Profit-Organisationen im In- und Ausland. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Entwicklungszusammenarbeit, Lateinamerika und Soziales. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

 
   

 

 

 

„Wie erleben Sie die Steuerung der Kommunikation in der derzeitigen Missbrauchs-Krise durch die Kirchen und welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchs-Skandal“

Mit Krisen-PR hat das alles nichts zu tun. Sexueller Missbrauch ist ein ungeheuerlicher Vorfall, bei dem in den Chefetagen alle Alarmglocken anspringen sollten. Sofort muss interne Aufklärungsarbeit geleistet werden, Verantwortung übernommen und Klarheit geschaffen werden. Stattdessen haben sich Kirchen, Internate und Institutionen zunächst vor der Öffentlichkeit gescheut, sie haben Fakten vertuscht, Täter gedeckt, geschwiegen. Schlimmer noch: Sie haben die Schuld von sich gewiesen, anderen in die Schuhe geschoben, am übelsten der ehemalige Augsburger Bischof Walter Mixa, der die Verbrechen katholischer Priester und Mönche der „zunehmenden Sexualisierung des öffentlichen Lebens“ zuschrieb. Er hätte auch überspitzt sagen können: „Unsere armen Brüder konnten nichts dafür, denn sie sind überall und ständig mit sexuellen Tabubrüchen umgeben und wurden praktisch in den Missbrauch ihrer Schutzbefohlenen getrieben.“ Kein Wunder, dass der Aufschrei groß ist!

Sowohl der Vatikan, als auch der Vorstand der Odenwaldschule oder die Nordelbische Kirche haben mit ihrer Krisenkommunikation versagt. Viel zu spät haben sie reagiert, ja: Sie haben re - agiert und genau das ist der Fehler: Sie haben die Kommunikation nicht selbst gesteuert. Egal, ob die Führungskräfte persönlich gelähmt oder schockiert waren, ob sie tatsächlich nichts wussten oder wissen wollten – sie haben nicht schnell genug Position bezogen, glaubhaft versichert, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen, Transparenz zu schaffen, Täter zu identifizieren und anzuklagen, die Öffentlichkeit auf dem Laufenden zu halten. Ausgerechnet die Kirchen und ausgezeichnete pädagogische Institutionen, also die vermeintlich letzten verbliebenen, vertrauenswürdigen Instanzen unserer schnelllebigen Gesellschaft, sind zusammengebrochen. Erst durch die unermüdliche Recherche der Journalisten konnten die Skandale aufgedeckt werden. Und leider ist noch kein Ende in Sicht…

Viele fühlen sich in ihren Vorurteilen bestätigt: „War ja klar!“, sagen sie. „Haben wir ja schon immer geahnt!“ Jetzt ist es also endlich herausgekommen: Da ist schon seit Ewigkeiten etwas faul! Kein Wunder, dass die katholische Kirche in einer tiefen Krise steckt, dass die Mitgliederzahlen schwinden, dass sie ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Menschen einbüßt. Die Leute wollen wissen, was los ist. Jetzt ist es an der Zeit, gründlich aufzuräumen. Die Verantwortlichen sollen sozusagen die Hosen runterlassen und Tacheles reden. Und natürlich gibt es nach wie vor Stimmen, die von all dem nichts wissen wollen…

Da kommt der Aufruf von Papst Benedikt XVI. kurz vor Weihnachten viel zu spät, die katholische Kirche solle über sich selbst nachdenken. Ja, muss die Kirche nicht ständig über sich selbst nachdenken? Muss sie nicht dauernd ihre Botschaft aktualisieren, Antworten auf die Veränderungen in der Gesellschaft finden? Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sagte ebenfalls kurz vor Weihnachten, die katholische Kirche habe an Glaubwürdigkeit eingebüßt und müsse dieses Vertrauen nun wieder zurückgewinnen. Der Vertrauensbruch sitzt tief, die Kirche wird über Jahre eine starke Krisen-PR fahren müssen, um Verlorengegangenes wieder aufzubauen.

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