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Text: Pia Bradt  

Pia Bradt, absolvierte 2009 ihr Abitur und verbrachte im direkten Anschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur bei RUHR.2010.

 
   

 

 

 

„Wie erleben Sie als Nichtkirchengängerin den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und die Steuerung der Kommunikation durch die katholische Kirche?“

Ich habe im letzten Jahr mit viel Interesse und Neugierde die Diskussion um den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche verfolgt.
Besonders als Nichtkirchengänger hatte ich den Eindruck, dass eine einzelne Meinung kein Gehör findet. Wie viele Late-Night-Talks habe ich mir angeguckt und wie oft musste ich feststellen, dass es eine utopische Vorstellung ist, dieses Thema in einer 75-minütigen Sendung zu diskutieren.

Da schickt man einen Bischof Mixa zu Maischberger und die Erwartungen der aufgebrachten Zuschauer werden erfüllt: unqualifizierte Äußerungen, ein konservatives, mittelalterliches Weltbild und ein paar Wochen später ein Missbrauchsvorwurf an den erbärmlich diplomatischen Mixa.

Ein gefundenes Fressen für die Medien, die bei einer solch einseitigen Kommunikation keine Möglichkeit haben zu differenzieren. So ist es kein Wunder, dass die katholische Kirche sich immer mehr im Stacheldraht verfängt, je mehr sie sich bewegt. Männliche Mitarbeiter müssen nun mit der Furcht leben als pädophil oder machtgeil abgestempelt zu werden, eben weil die Kirche sich in der Öffentlichkeit sehr ungeschickt präsentiert und jede Woche ein neuer Bischof am Pranger steht, der vorher die Wogen glätten sollte.

Kopfschüttelnd betrachtet man das Geschehen, hat den Eindruck dass Verantwortliche sich still und heimlich in ihren Elfenbeinturm zurückziehen und froh sind, dass über „die Kirche“ gesprochen wird. Man nennt keine Namen, verallgemeinert. Und genau das ist das Problem. Wenn Papst Benedikt XVI. sich öffentlich für den Missbrauchsskandal entschuldigt, ist das zwar ein erster großer Schritt, doch inwiefern trägt es zur Schadensbegrenzung der Opfer bei? Er kann als Stellvertreter Gottes sein Mitgefühl, seine Trauer und Enttäuschung ausdrücken, aber zur Aufklärung trägt er damit nicht bei.
Wenn es keinen offenen Umgang mit den Vorfällen gibt, kann man der menschlichen Sexualität nicht die Scham und den Ekel nehmen, den die Kirche seit Jahrhunderten predigt. Übervorsichtig wird diese Thematik mit Samthandschuhen behandelt. Und da fragt man sich als Außenstehender, wie die Missbrauchsopfer mit ihrem Schicksal umgehen, wenn es denen, die Hilfe und Gespräche anbieten, die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Diese einseitige Kommunikation verschärft die Problematik ungemein.
Im Mittelpunkt steht nicht das Leiden der Opfer, sondern die katholische Kirche als Machtinstrument. Meine Empfindung ist, dass Gespräche in der Öffentlichkeit automatisch ins Peinliche und Naive abdriften, wenn sich das Weltbild der Gesprächsteilnehmer vorher nicht enorm geändert hat.
Wenn ein Bischof in roter Gewandung, goldenem Kruzifix und mit bescheidener Körperhaltung ernsthaft versucht über Sexualität und menschliche Bedürfnisse zu reden, hat dies meist einen sehr ironischen Beigeschmack. Maßt er sich wirklich an, sich in die Opfer hineinversetzen zu können? Wo bleiben die Mittler der katholischen Kirche, die mit Wissenschaftlern und Psychiatern zusammenarbeiten, weltoffen sind und im 21. Jahrhundert leben? Wo bleibt die Reformation, die es endlich ermöglichen würde mit erhobenem Haupt das Problem anzugehen.

Nun zerreißen sich die Medien über dieses Thema und lassen die ganze Welt dabei zuschauen, wie die Kirche unbeholfen und auf wackeligen Füßen die ersten Gehversuche macht. Währenddessen spielen die Betroffenen im Hintergrund die zweite Geige.

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