Startseite Ausgabe 10 | glaubwürdig/skandalös - Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
   
 
Text: Hartmut Meesmann  

Hartmut Meesmann (60), Journalist und katholischer Theologe, ist Leiter des Ressorts „Theologie und Kirchen“ der unabhängigen christlichen Zeitschrift Publik-Forum in Oberursel.

 
   

 

 

 

„Wie erleben Sie die Steuerung der Kommunikation in der derzeitigen Missbrauchskrise durch die Kirchen und welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchsskandal?“

Bei der Aufklärung der sexuellen Übergriffe von Priestern ist die katholische Kirche Opfer ihres gestörten Verhältnisses zur Öffentlichkeit, vor allem auch zu den Medien, geworden. Sie hat die meist Jahre zurück liegenden Vorgänge weithin nur scheibchenweise eingeräumt und musste zu Transparenz und Offenheit mehr gezwungen werden, als dass sie diese freiwillig herstellte. Der Reflex der Verantwortlichen richtete sich sofort darauf, die eigene „hehre“ Institution (als Idee) gegen die „bösen Medien“ zu verteidigen, ja abzuschotten – auch durch Schuldzuweisungen an andere. Dadurch erfolgte die Aufklärung nach innen wie nach außen eher zögerlich und schleppend.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass die katholische Kirche mit innerkirchlicher Gegenöffentlichkeit, also auch mit einem kritisch nachfragenden, berichtenden und kommentierenden Journalismus in den eigenen Reihen, nicht umgehen kann. So geht die Tendenz aktuell denn auch dahin, die Kirchenpresse „gleichzuschalten“, sie der „Verkündigung“ dienstbar zu machen; indem zum Beispiel – wie im Bistum Köln – der Bistumssprecher zum Chefredakteur der Kirchenzeitung gemacht wird. Die Haltung, die zu solchen Maßnahmen führt, ist von dem Bestreben geleitet, „lehramtliche“ Kontrolle auszuüben. Das führt dann  – wie beim Missbrauchsskandal – dazu, dass die schlimme Realität geleugnet, zurechtgebogen oder kleingeredet wird – nach dem Motto: Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Damit verletzt die Kirche selbst das Prinzip der Wahrhaftigkeit, dass sei stets von den Medienvertretern einfordert, und wird so unglaubwürdig.

Zum zweiten werden auch die säkularen Medien von vielen Verantwortlichen in der Kirche überwiegend als „feindliches Gegenüber“ angesehen. Das hängt damit zusammen, dass  Kirche und Welt als Gegensatzpaar gesehen werden und der Kirche dabei auch noch eine höherwertige Position beigemessen wird (vertritt sie doch die göttliche Wahrheit). Die eigene Haltung den Medien gegenüber ist in der Folge hauptsächlich defensiv-abwehrend, in Einzelfällen sogar aggressiv-diffamierend. Damit aber wird das journalistische Misstrauen der Kirche gegenüber geradezu herausgefordert und genährt. Erst nach gehörigem öffentlichem Druck, und weil der Vertrauensverlust schlicht nicht mehr zu übersehen ist, fanden sich die Bischöfe dazu bereit, mit dem Kirchenvolk über die entstandenen Probleme zu reden.

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