Startseite Ausgabe 10 | glaubwürdig/skandalös - Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
   
 
Text: Elvira Steppacher
 
Elvira Steppacher ist seit Januar 2009 Journalistische Direktorin des Instituts zur Förderung journalistischen Nachwuchses (ifp). Zuvor war sie dort fast sieben Jahre lang stellvertretende Direktorin. Elvira Steppacher war Projektleiterin beim Hamburger Magazin "stern", wo sie seit 1999 die Sonderhefte der Reihe "stern spezial" verantwortet und die stern-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" geleitet hat.
 
   

 

 

 

„Welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchs-Skandal?“

Kirche von hinten.

Die kleine, leicht windschiefe Kapelle steht auf einem grünen Hügel. Im Zwiebelturm läutet eine Glocke, am weiß-blauen Himmel kreisen die Vögel. Als Aussicht nach vorne öffnet sich ein malerisches Gebirgspanorama, auf beinah jeder Bergspitze Gipfelkreuze.  Kein Zweifel, eine idyllische Landschaft, geprägt von innerer Verbundenheit mit Gott und der Schöpfung. Wer hier ruft, erhält ein frommes Echo. Ein kleiner Pfad leitet zu diesem Sehnsuchtsort. Und führt doch zu keinem Eingang. Die beschriebene Zeichnung von Rudi Hurzlmeier – Sieger beim Deutschen Karikaturenpreis 2010 –trägt den Titel „Kirche von hinten“. Durch drei Worte macht der Künstler aus einem bayerischen Postkartenmotiv eine anzügliche Karikatur zu den sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Je grauenvoller ein Verbrechen, desto nüchterner sollten Journalisten davon berichten. Hurzlmeier hat die Regel für seinen gemalten Kommentar wirkungsvoll zugespitzt: Fast nichts sagen,  nichts zeigen. Der Schock, das Entsetzen, der Argwohn, sie bleiben in der Phantasie des Betrachters. Böse, aber leider korrekt:  Fast nichts sagen, nichts zeigen imitiert qua künstlerisch-konzeptioneller Mimikry die Strategie der Vertuschung von Bistümern und Ordensgemeinschaften, ihren fatalen Ansatz:  Institutionen- vor Opferschutz.

Zuallererst hat die Berichterstattung journalistische Werte gefordert, nämlich Wahrheitsliebe, Unbestechlichkeit, Wachsamkeit und ‚Stimm-Leihe‘. Gewiss auch Unwerte wie Sensationsgier, Voyerismus, falsch verstandenes Rächertum. Gleichwohl ist die obige Frage eigentlich überflüssig, eben weil die umfangreiche Berichterstattung sie hundertfach selbst beantwortet. Wer Unrecht aufdeckt, sagt ja, dass Recht gefehlt hat, wer mögliche Ursachen rekonstruiert und reflektiert, zeigt, was zu verbessern wäre usw.

Über die impliziten Erwartungen jedoch bliebe mehr zu sagen, als auf die hier zugestandene Seite passt. Nur soviel: Für mich deutet die Wucht der Berichterstattung und die Konzentration vor allem auf die katholische Kirche, wie zutreffend Hurzlmeiers Anti-Eidyllion ist, denn in ihr zeigt sich eine tiefsitzende Enttäuschung über den Verlust einer noch heil geglaubten Welt. Die kleine Kapelle, das ist Kirche von ihrer untadeligen Seite, für manche ist es die hehre Kirche ihrer Kindheit. Ein Paradies, in dem statt Zwietracht Einigkeit herrscht, in dem Reden und Handeln immer identisch sind, Leidenschaft sich nur als spirituelle Energie offenbart und Heilige lustwandeln. Nur: auf Erden sieht‘s anders aus. Wer realistisch hinschaut, erkennt: Lügner, Betrüger, nun sogar Sexualstraftäter, sie alle finden sich auch in unserer Kirche, aber ebenso finden sich Rechtschaffene, Menschen guten Willens, Schwächen und Fehler inklusive. Die teilweise brüske Totalabkehr von allem Katholischen (Jetzt ist Schluss: mit denen bin ich fertig!)  tauscht die totale Verklärung lediglich ein in generell schlechtes Licht. Als sei Kirche nichts anderes als ein dunkler Hort tiefschwarzer Schafe. Kirche soll – das ist der Subtext – genauso heilig sein wie ihr überirdischer Bezugspunkt oder Anspruch, jedenfalls gutmenschlicher als wir selber. Paradox: immer wieder ist sie es auch, nur nicht aus sich selbst. Wer Kirche aus Überzeugung verbunden ist, womöglich auch jene, die ihr wertneutral gegenüberstehen, erkennen, dass die tiefe Krise in unserer Kirche auf vielfältige Weise arbeitet: indem Verbrechen endlich aufgeklärt, Opfern geholfen, Vorsorgekonzepte diskutiert werden. Wer darin nur propagandistischen Überbau sieht, ist schwer von der Redlichkeit dieses Neuanfangs zu überzeugen.  Freilich, es bleibt bitter, dass auch all jene unter Generalverdacht geraten, die sich nichts zu Schulden kommen ließen. Menschliche Nähe und Gemeinschaft unter Glaubenden sind nun schnell dem Ruch des Zwielichtigen ausgesetzt. Daher zielen wohlfeile Kommunikationskonzepte oder Imagekampagnen, die mehr versprechen als sie halten können, an der Tiefe des Vertrauensverlustes vorbei. Die Gemeinschaft der Glaubenden muss selbst wieder Vertrauen aufbauen und so daran mitwirken, dass die Kirche im Dorf bleibt: Die Kirche, die von Christus und dem Apostel Matthäus, dem einstigen Zöllner erzählt. Die offene Türen, Augen und Ohren für alle Menschen hat und auf engagierte Mitglieder zählen kann. Die einladend ehrlich ist,  sich zu ihren Stärken und Schwächen bekennt, ohne es sich darin bequem zu machen. Das setzt voraus, Kirche nicht vollkommen zu delegieren, weder an die ‚da oben‘ noch die ‚ da unten‘. Auf dass wieder weniger Menschen der Kirche den Rücken zukehren. Denn auch sie sind in gewisser Weise Kirche von hinten.

http://www.sz-online.de/Nachrichten/Kultur/Karikaturenpreis_in_Dresden_vergeben/articleid-2613082

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