Startseite Ausgabe 10 | glaubwürdig/skandalös - Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.
   
   
   

editorial
Sinnstiftermag – zehnte Ausgabe

Sinnstiftermag ist ein Zusammenschluss von Zeitanalytikern, Werbern, Designern und Fotografen, die von einer gemeinsamen Beobachtung ausgehen: dem enormen Sinnstiftungspotential der alten und neuen Medien.

Medien transportieren sinnhafte Inhalte und sind in dieser medialen Funktion vor allem selbst sinnhaft. Sie können gar nicht anders. Damit sind sie religionsproduktiv. In Partnerschaft mit Akteuren aus Kommunikation und Kirche sucht sinnstiftermag nach den Analogien religiöser und medialer Kommunikation. weiter »

 
 
         
   

Titelstory
Der Wahrheit ins Gesicht schauen

Die Missbrauchsskandale in den USA und Kanada in den 90er Jahren und Anfang 2000 hätten die Verantwortlichen in Deutschland alarmieren müssen, so Wunibald Müller, Theologe, Psychotherapeut und Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach.

Nun erhält die deutsche Öffentlichkeit schonungslosen Einblick in eine Wirklichkeit, die zum kirchlichen Lebensalltag gehört, aber wie in einer Dunkelkammer eingesperrt war. „In der katholischen Kirche selbst muss eine Atmosphäre einziehen, in der es einem als Christ leichter gemacht wird, angstfrei Probleme zu benennen und Missstände anzusprechen“, so Müller.

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interview
In die Offensive gehen

„Wer schweigt, über den kursieren oft Gerüchte, die sich in den Köpfen der Menschen festsetzen“, sagt Kai vom Hoff, Inhaber der auf Krisen-PR spezialisierten Agentur vom Hoff. Er plädiert für den offenen Umgang mit Problemen: „Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht, informiert zu sein.“ weiter »

 
 
   

statements
Meinungen

„Welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchs-Skandal?“ Eine von mehreren Fragen an 8 Statementgeber unterschiedlichster Fachrichtungen. weiter »

 
 
   

über die autoren
Kurze biographische Notizen

Die Macher von sinnstiftermag bedanken sich für Beiträge, Mitarbeit, Engagement und Meinung von Wunibald Müller, Kai vom Hoff, Dr. Elvira Steppacher, Helmut Drüing, Markus Richard Spiecker, Hartmut Meesmann, Pia Bradt, Constanze Bandowski, Michael Jochim, Heribert Prantl. weiter »

   

 

         
 

Sinnstiftermag ist ein:

– Magazin, das zweimal im Jahr über Kirche und Kommunikation reflektiert
– Projekt im Schnittbereich kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit und werblicher Kommunikation
– Radar zur Ortung interessanter Themen und Menschen im kirchlich-medialen Umfeld
 
         
 
 
 
Bild: photocase.com
© trauner
Die elfte Ausgabe von sinnstiftermag erscheint demnächst. Klicken Sie sich wieder ein!  
   

 

 

  glaubwürdig/skandalös – Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.

Die zehnte Ausgabe von sinnstiftermag

So schwer wars noch nie: Wir vom sinnstiftermag wollten von Fachleuten kirchlicher und werblicher Kommunikation wissen, wie sie die Krisen-PR der Kirchen angesichts der Missbrauchsskandale im Jahr 2010 bewerten. Zum ersten Mal mussten wir erleben, dass viele Akteure abwinkten. Kirchlichen Gesprächspartnern und -partnerinnen war es zu gefährlich, werblichen zu beschämend, sich hierzu pointiert zu äußern.

Für uns wurde durch dieses Schweigen ein Gegenbild sichtbar, wie es kontrastreicher kaum sein könnte: Die Kirchen haben offenbar im letzten Jahr so viele kommunikative Fehler gemacht, dass man sich außerkirchlich schlichtweg weigert, sich hierzu dialogisch zu verhalten.

Trotzdem ist eine Nummer entstanden – dünner im Umfang, aber dennoch substanziell in der Aussage. Wir danken dem Spezialisten für Krisen-PR, Kai vom Hoff, für seinen eindringlichen Rat, als Kirche den Dialog zu suchen. Wir danken dem bekannten Psychologen Wunibald Müller für seinen offenen Einblick in die Herausforderungen innerkirchlicher Kommunikationskultur. Und wir danken allen Statementgebern und –geberinnen dafür, über ihren Schatten gesprungen zu sein. Ein freundliches Jahr 2011 wünscht Ihnen

Ein freundliches Jahr 2011 wünscht Ihnen

Ihre sinnstiftermag-Redaktion

   

 

 

Titelstory von:
Wunibald Müller
Bild: aboutpixel.de / frühnebel © newmoon

 

 
   

 

Wunibald Müller, Doktor der Theologie, Diplompsychologe und Psychotherapeut, ist seit 1991 Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach. Unter seinem Namen wurden bereits verschiedene Werke aus den Bereichen Spiritualität und Lebenshilfe veröffentlicht.  
   

 

 

 

 

 

 

Zur kommunikativen Herausforderung des sogenannten Missbrauchsskandals

Defizite und Chancen, Erfahrungen und Anregungen

Keine vornehme Zurückhaltung

Mir gegenüber sitzt Patrick Schwarz, Redakteur bei der ZEIT, zuständig für die Bereiche Politik und Kirche. Er will mit mir ein Interview über das Zölibat machen. So hatte er es mir angekündigt. Doch erst jetzt sagt er mir, sein Beitrag soll im Rahmen eines ZEIT Dossiers zum Thema sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erscheinen. Ich hatte zuvor – und habe danach noch – unzählige Anfragen von Funk, Fernsehen und Presse, darunter vom SPIEGEL und STERN, mich zum sexuellen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche zu äußern abgelehnt, weil ich die Einrichtung, in der ich arbeite – das Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach – aus den Schlagzeilen halten wollte.

Ich erwähne diese Begegnung, weil mir Patrick Schwarz in diesem Gespräch klar zu machen versuchte, dass wir – und damit meinte er die kirchlichen Leute, die sich mit diesem Thema befassen – in dieser schwersten Krise der katholischen Kirche in jüngster Zeit, uns nicht vornehm mit Rücksicht auf unser Renommee heraushalten könnten. Und irgendwie musste ich ihm Recht geben. Dazu kommt: die Rücksichtnahme auf das Recollectio-Haus, so wurde mir mit der Zeit deutlich, war wohl auch nur ein Grund für die Zurückhaltung, die ich mir auferlegt hatte. Es gab und gibt sicher auch noch andere. Auf einige will ich näher eingehen.

Mangel an Offenheit, Toleranz und Ermutigung, ehrlich über vorhandene Probleme zu reden

In der katholischen Kirche fehlt es vielfach an der Offenheit und Toleranz, gar Ermutigung,  ehrlich über vorhandene Probleme zu reden. Das gilt in besonderer Weise für Tabuthemen wie Sexualität, Homosexualität, die Stellung von Frauen in der Kirche, klerikale Strukturen in der Kirche und, wenn auch nicht mehr so stark wie früher, das Zölibat. Wer es dennoch tut, muss mit Sanktionen rechnen, wer gar unangenehme Wirklichkeiten benennt, läuft Gefahr als Nestbeschmutzer beschimpft zu werden. Das führt dazu, dass die eigenen, kirchlichen Leute, die um die Probleme wissen, sich zurückhalten, bis dahin, dass sie es irgendwann einfach lassen, auf die Missstände aufmerksam zu machen. Dadurch fällt zunehmend innerkirchlich eine Stimme aus, die zu hören die Verantwortliche in der Kirche ein Interesse haben müssten, um sich den Problemen zu stellen, möglichen Krise verhindern oder ihnen angemessen begegnen zu können. Die so notwendige innerkirchliche Kommunikation findet nicht statt und erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, besinnt man sich vielleicht der Ressourcen, die eigentlich zur Verfügung gestanden wären.

Angst, der Wirklichkeit ins Angesicht zu schauen

In der katholischen Kirche will man oft nicht der Wahrheit und Wirklichkeit ins Angesicht schauen. Auch hier wieder vor allem der unangenehmen, mitunter garstigen Wirklichkeit. Die Missbrauchsskandale in den USA und Kanada in den 90er Jahren und Anfang 2000 hätten die Verantwortlichen in Deutschland alarmieren müssen, aber – es gab Ausnahmen – die Reaktion darauf war eher halbherzig, auch wenn die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahre 2002 ein erster wichtiger Durchbruch waren, insofern die Vorgehensweise in Fällen sexuellen Missbrauchs durch Priester nicht länger den einzelnen Bistümern überlassen wurde.

Ich hatte bereits 1995 in einem Beitrag für die Herder-Korrespondenz auf die Problematik des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche aufmerksam gemacht und später davor gewarnt, das Problem, das wir in unserer deutschen Kirche damit haben im Vergleich zu dem Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in den USA nicht klein zu reden. Als ich konkrete Zahlen nannte, hörte man das nicht gerne.

Die Bedeutung der Presse

Es bedurfte des Einsatzes der -  man muss das der Ehrlichkeit halber so sagen -, um die Verantwortlichen in der Kirche dazu zu bringen, den besagten  Missständen die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, sie zu beachten und Konsequenzen daraus zu ziehen. Es war unbestritten schmerzvoll für viele innerhalb der Kirche zum Zeitpunkt des Höhepunktes des Missbrauchskandals täglich mit furchtbaren Vorkommnissen im kirchlichen Bereich konfrontiert zu werden. Es bedurfte aber dieser Öffentlichkeit, dieses zum Teil schonungslosen Einblickes in eine Wirklichkeit, die auch zum kirchlichen Lebensalltag gehört, bisher aber wie in eine Dunkelkammer eingesperrt worden war, um sich endlich dieser Wirklichkeit zu stellen. Manchmal hatte man als „Kirchlicher“ den Eindruck, dass es die Journalisten waren, die endlich die Wahrheit aussprachen, sie die eigentlichen Propheten waren, die mit der Schelle in der Hand auf Missstände in der Kirche hinwiesen. Ich hatte in diesen Tagen auch mit vielen Journalisten gesprochen, bei denen ich bei aller Kritik an der Kirche und bei allem Entsetzen über die Missbrauchsfälle in der Kirche und das Verhalten dabei durch Verantwortliche in der Kirche, Sympathie für die Kirche entdeckte, deren auch gesellschaftliche Bedeutung, ihre sinnstiftende Aufgabe, ihr soziales Engagement und ihre Möglichkeiten, Menschen zusammenzuführen, von ihnen geschätzt wurde. Ein Bedeutungsverlust der Kirche in diesen Bereichen aufgrund eines Vertrauensverlustes der Kirche wurde von bedauert.

Schlussfolgerungen

Die Verantwortlichen in der Kirche müssen mit den Kritiken in ihren eigenen Reihen den Dialog suchen. In der katholischen Kirche selbst muss eine Atmosphäre einziehen, in der es einem als Christ leichter gemacht wird, angstfrei Probleme zu benennen, Missstände anzusprechen. Das sieht auch die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen katholischen Moraltheologen so, die fordert, über eine zukunftsfähige Sexualethik nachzudenken und dabei von den Bischöfen erwarte, in der Kirche für eine Atmosphäre zu sorgen, in der diese Arbeit offen, angstfrei und ermutigend möglich ist.

Nicht alles, was in der Kirche geschieht, auch an Unvollkommenen, Fragwürdigen, Unwahrhaften, muss zu Markte getragen werden. Doch die Transparenz innerkirchlicher Vorgänge darf, soll und muss auch nach außen hin größer werden. Das setzt voraus so manche Feindbilder, die man über sich über Journalisten zugelegt hat, in Frage zu stellen oder ganz abzulegen, wohl wissend, dass es natürlich auch Journalisten gibt, die der Kirche eines auswischen wollen.

Die Kirche selbst tut sich den besten Gefallen, wenn sie sich immer mehr von einem klerikalen Weltbild und klerikalem Gehabe löst, das die Gefahr mit sich bringt, irgendwann zu glauben, dass man eben doch etwas Besseres sei, heiliger sei als andere und damit einhergehend Verhaltensweisen an den Tag legen kann, die im offenen Gegensatz stehen zu Bescheidenheit, Liebe, Demut, alles Tugenden, die die Kirche auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Es gilt das Gift des Klerikalismus, das in den vergangenen Jahrhunderten in unsere Kirche eingesickert ist, zu entdecken und zunehmend die Kirche von diesem Klerikalismus zu befreien. Das heißt nicht, dass wir nicht länger ja sagen zum Papst, zu Bischöfen, zu Priestern, zur Weihevollmacht usw. Sie gehören natürlich und selbstverständlich zur Kirche. Nichts verloren haben in der Kirche Privilegien, Sonderbehandlungen, Anspruchsdenken, klerikales Gehabe, bei dem geistliche Vollmacht missbraucht wird, um Macht und Kontrolle über andere auszuüben. Die selbstverständlichsten Umgangsformen wie respektvoller Umgang miteinander werden dann außer Acht gelassen, die Transparenz von Entscheidungen wird als nicht notwendig erachtet, der echte Dialog, der verlangt wirklich hinzuhören und dafür offen zu sein, die eigene Position durch den jeweilig anderen bereichern zu lassen, wird als überflüssig betrachtet, vor allem aber wird die ständig Mund geführte Liebe mit Füßen getreten.

Genau das aber nimmt die Öffentlichkeit – mit Recht – der Kirche übel: Die Kluft, die sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftut. Missbrauch ist immer furchtbar. Wenn er aber in den Reihen derer geschieht, die glauben gerade auch im moralischen Bereich sich über andere erheben zu können, sich mit der Aura des Heiligen umgeben und das noch dazu missbrauchen – siehe Priester, die Minderjährige missbrauchen -, um ihrem verwerflichen Begehren Nachdruck zu verleihen, ist das noch abstoßender.

Es heißt, in der Krise liegt eine Chance. Als Psychotherapeut kann ich das bestätigen. Die große Krise der Kirche in den vergangenen Monaten als Chance zu begreifen und zu nutzen , heißt nach meiner Überzeugung zu allererst und vor allem, nicht länger der Wahrheit und Wirklichkeit in der Kirche aus dem Weg zu gehen, sich von den Idealen, wie es zu sein hätte, nicht blenden zu lassen, sondern den Blick auf die Wahrheit auszuhalten, sich davon treffen zu lassen, ggf. auch erschüttern zu lassen, um dadurch aufgerüttelt, Neues zuzulassen. Neues Denken, ein erneutes Hinschauen auf das, was jetzt, heute notwendig ist.

Beim Erschüttern kann es ja auch geschehen, dass so manches einstürzt, was die Kirche bisher davon abgehalten hat, Neues zuzulassen, jetzt aber möglich ist. Auch weil jetzt, wen das was das bisher verhindert hat, beseitigt worden ist, die ‚Räume’ da sind, die es ermöglichen, miteinander zu kommunizieren, auf gleicher Ebene ins Gespräch zu kommen. Miteinander zu reden. Übrigens das A und O, um sexuellen Missbrauch zu verhindern und aufzuarbeiten.

Die Sprachlosigkeit zu überwinden, die Geheimnistuerei aufzubrechen. Das (erst, allein) schafft Transparenz, ermöglicht die Lichtdurchlässigkeit, die so dringend notwendig in der katholischen Kirche ist. Die Qualität der Beziehungen im Innenraum der Kirche hängt von der wechselseitigen Transparenz, der Lichtdurchlässigkeit von Person zu Person ab. Damit innerhalb der Kirche und nach außen hin endlich wieder mehr von dem zu sehen und dann auch zu spüren ist, um das es doch letztlich immer noch geht, und allein gehen kann: Gott. Er nicht länger im Dickicht und den Verkrustungen klerikaler Strukturen in seiner heilenden Wirkkraft behindert wird, sondern ungehindert dem ganzen System, das dann nicht länger nur ein System ist, sondern Gottes Volk unterwegs, seine Handschrift „verpassen“ kann. Endlich.

   

 

 

Im Interview:
Kai vom Hoff
Bild: photocase.com
© ringo

 

 
   

 

Kai vom Hoff ist Dozent für den Masterstudiengang Wirtschaft an der FH Düsseldorf zu Krisen-PR und Investor Relations. Zudem publiziert er regelmäßig zu Krisenthemen in der Wirtschafts- und Tagespresse. Seit 2005 hält Kai vom Hoff Seminare an der Deutschen Presse Akademie, Berlin zu den Themen „Issues Management“ und „Führungskräfte-Positionierung“.  
   

 

  glaubwürdig/skandalös – Krisenkommunikation als Chance für neue Anfänge.

Interview mit Kai vom Hoff

Die katholische Kirche hat in 2010 für sehr viel Empörung gesorgt: Bischof Mixa, der die Unwahrheit sagt; Holocaust-Leugnungen von Bischöfen; ein schweigender Vatikan, der, wenn er spricht, das ‚Geschwätz der Leute‘ abtut; Priester, die sich an Kindern vergehen und kirchliche Behörden, die das vertuschen. Wie haben Sie diese Empörungsprozesse selbst erlebt?
Ich habe die Berichterstattung natürlich verfolgt. Angesichts der Vielzahl der Ereignisse kann man von einer periodischen Krise sprechen – also eine Kette krisenhafter Ereignisse, die die katholische Kirche in eine schwierige Position gebracht haben. Genau genommen sind es sogar zwei Krisen: eine ist das tatsächliche Ereignis, die andere die kommunikative Situation, die daraus entsteht. Solche Krisen können, wenn Sie nicht aufgearbeitet werden, langfristige Glaubwürdigkeits- und  Vertrauensverluste nach sich ziehen. Es kommt nun darauf an, dies zu verhindern. Insgesamt haben die Vielzahl der Ereignisse und die Kommunikation der Wahrnehmung der katholischen Kirche natürlich geschadet.

Was sind die größten Fehler, die Kirche in diesem speziellen Fall gemacht hat und die man kommunikativ in einer Krise machen kann?
In Krisen sollte vor allem schnell und offen kommuniziert werden. Es gilt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Am Ende, das zeigt die Auswertung vieler Krisenverläufe, kommt die Wahrheit doch immer ans Licht. Informationen dürfen nicht geheim gehalten werden, wenn sie zur Klärung der Situation beitragen können. Wer schweigt, über den kursieren oft Gerüchte, die sich in den Köpfen der Menschen festsetzen. Es hat meiner Meinung nach zu lange gedauert, bis die Kirche sich einiger kritischer Themen aktiv angenommen hat. Sie ist zu spät in die Offensive gegangen.

Was sind die wichtigsten Kommunikationsschritte in einem Krisenfall?
Eine Krise tritt aus kommunikationstheoretischer Sicht dann ein, sobald sie öffentlich wahrgenommen wird. Dann geht es darum, schnell die Situation zu erfassen und erste Kommunikationsmaßnahmen einzuleiten. Ein geschultes Krisenteam übernimmt in der Regel die Koordination. Wichtig ist, dass ein Informationsfluss zu Medien, Betroffenen und der Öffentlichkeit aufgebaut und aufrecht erhalten wird. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht, informiert zu sein. Das ist in vielen Organisationen – trotz des existenzbedrohenden Potenzials von Krisen – noch nicht verinnerlicht.
Krisenkommunikation wird immer dann erleichtert, wenn bereits im Vorfeld Krisentrainings und das Simulieren von Krisenszenarien stattgefunden haben. Dies sind Pflichtaufgaben des Managements bzw. der Führung einer Organisation und müssen bereits durchdacht sein, wenn noch keine Anzeichen einer Krise in Sicht sind.

Wie beurteilen Sie danach die Kommunikation der deutschen katholischen Kirche in den o.g. Fällen?
Wenn man sich die Kommunikation zu den Missbrauchsfällen ansieht, kann man eine Vielzahl von Maßnahmen ausmachen. Schon 2002 gab es Leitlinien zu diesem Thema. Diese wurden aber scheinbar nicht konsequent verfolgt. Nachdem die Vielzahl der Fälle zur aktuellen Krise führte, wurde mit dem Trierer Erzbischof Ackermann ein „Besonderer Beauftragter“ benannt, der den Auftrag hat, die Prävention zu stärken. Es gab außerdem Erklärungen diverser Gremien, die sich zu diesem Thema äußerten. Außerdem wurde eine Hotline für Opfer eingerichtet. Das sind Maßnahmen, die dazu geeignet sind, verlorenes Vertrauen wieder herzustellen. Allerdings wurden die emotionalen Komponenten meines Erachtens bislang zu sehr außer Acht gelassen. Ein Umbruch und ein neuer Umgang mit der Thematik oder auch mit anderen kritischen Fragen sind noch nicht spürbar.

In Zeiten von Krisen braucht man Köpfe, die personell die Verantwortung übernehmen und für einen neuen Anfang werben. Wie haben Sie das Führungspersonal der katholischen Kirche in der Krise erlebt?
Der Papst hielt sich in der Debatte in Deutschland zurück. Die deutsche Bischofskonferenz hat zunächst als oberstes Gremium agiert. Die Kirche ist allerdings in diesem Fall nicht anders als ein Unternehmen: wenn es kritisch wird, muss jemand aus der Führungsriege nach vorne und Rede und Antwort stehen. Die katholische Kirche hat schnell erkannt, dass sich eine ihrer Führungspersonen diesem Thema langfristig annehmen muss und Bischof Ackermann zum Sonderbeauftragten ernannt. Das war absolut richtig, denn eine glaubwürdige und charakterstarke Person hat hier bessere Chancen, Emotionen aufzufangen und kann auch einen neuen Umgang mit der Thematik besser verkörpern als ein „abstraktes“ Gremium.

Missbrauch ist ein sehr großes Thema, vor allem in Familien, in Sportvereinen oder Heimen. Was denken Sie: Warum wurde vor allem die katholische Kirche so hart beschuldigt? Was könnte / müsste sie aus dieser ‚bevorzugten‘ Kommunikationsstellung lernen?
Für ihre Anhänger ist die katholische Kirche DIE moralische Instanz und auch außerhalb dieses Kreises wird die katholische Kirche als Werte- und Moralstifter wahrgenommen. Als christliche Glaubensgemeinschaft soll sie Werte (vor)leben und Geborgenheit geben. Die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle von Kindern verstoßen massiv gegen diese Werte. Deshalb sind auch die Reaktionen derart heftig ausgefallen.

Sehen Sie einen kommunikativen Glaubwürdigkeits- und einen Vertrauensverlust für die katholische Kirche? Und wenn ja: Wird dieser langfristig sein?
Fest steht, dass die Vorfälle, deren Aufarbeitung und die Frage zukünftiger Prävention die katholische Kirche noch lange beschäftigen werden. Viele Eltern werden Vertretern der Kirche sicherlich mit Skepsis begegnen und mehr Vorsicht walten lassen. Die zunächst zögerliche Aufklärung einiger Fälle wird vielen im Gedächtnis bleiben. Sie ist sicherlich auch mit für die Austrittswelle im Frühjahr verantwortlich.
Eine Wiederherstellung des Vertrauens wird zusätzlich dadurch erschwert, dass auch junge Menschen zunehmend kirchenkritischer werden, wie die diesjährige Shell-Jugendstudie 2010 belegt. So gehört Kirche konfessionsunabhängig zu den Institutionen, denen deutsche Jungendliche am wenigstens vertrauen. Hier ist ein langer Atem gefragt. Das Vertrauen hat gelitten und es wird dauern, bis dieses wieder vollständig hergestellt ist.

Inzwischen gab es öffentliche Steuerung durch die Kirchenverantwortlichen: neue Regelungen in Missbrauchsfällen, Zusammenarbeit mit den Behörden, neue Eignungstests für Mitarbeiter usw. Insgesamt wird der Kirche bescheinigt, wenigstens jetzt die richtigen Schritte eingeleitet zu haben. Denken Sie auch so?
Es sind viele richtige Maßnahmen in die Wege geleitet worden, um das Thema aktiv anzugehen und Probleme zu bewältigen. Wichtig war es vor allem, dass die katholische Kirche sich durch die Deutsche Bischofskonferenz bei den Opfern entschuldigt. Es wird in Zukunft darauf ankommen, dass die katholische Kirche sich offensiver in kritischen Fragen zeigt. Sie muss schneller auf Missstände reagieren und einen sichtbaren Beitrag zur Prävention leisten.

Was würden Sie aus Ihrer Expertise der Kirche zum gegenwärtigen Augenblick raten? Sollte man zum Beispiel eine Imagekampagne starten? Wenn ja: Wie sollte die Ihrer Meinung nach aussehen?
Eine Imagekampagne ist sicherlich der falsche Weg. Einbahnstraßenkommunikation in Form von Plakaten oder Broschüren hilft jetzt nicht viel. Die Menschen wollen wissen, wie es zu den Fällen kommen konnte und was getan wird, um weitere zu verhindern. Dabei geht es um Dialog. Es geht darum, Emotionen aufzufangen und Vertrauen wiederzugewinnen. Das gelingt am besten im Austausch miteinander und lässt sich im konkreten Handeln Beweis führen.

Skandalforscher können aus öffentlichen Empörungsprozessen schon jene Werte ableiten, die für einen kommunikativen Neuanfang der krisengeschüttelten Institution Orientierungspotenzial beinhalten. Welche Werte identifizieren Sie, wenn Sie die Empörung über die Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche beobachten?
Gerechtigkeit und Transparenz scheinen mir die Kernwerte in dieser Debatte zu sein. Die Opfer sollen Gerechtigkeit erfahren, indem die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Gleichzeitig wird von der katholischen Kirche als Instanz mehr Transparenz erwartet. Dass die Verbrechen jahrelang unentdeckt bleiben konnten und teilweise keine angemessenen Konsequenzen gezogen wurden, ist nicht akzeptabel. Auch in anderen Fragen wird diese Transparenz erwartet werden. Beispielsweise bin ich der Meinung, dass die breite Öffentlichkeit erfahren sollte, wie konkret Mitarbeiter auf ihre Eignung hin getestet werden bzw. welche Kriterien hier relevant sein werden.
Außerdem zahlen Gerechtigkeit und Transparenz in den laut Institut für Zukunftsforschung zentralen Wert der Menschen in Deutschland ein – das Streben nach Gemeinschaft. Allerdings kann Gemeinschaft nur durch Vertrauen entstehen. Mittels einer gerechten Aufarbeitung der Vergangenheit und einem transparenten Vorgehen in der Zukunft kann die katholische Kirche Vertrauen zurückzugewinnen.

Welches Fallbeispiel (evtl. aus Ihrer Praxis?) scheint Ihnen gut geeignet zu sein, um gelungene bzw. misslungene Krisen-PR zu illustrieren?
Unternehmenskrisen sind mit dem Fall der katholischen Kirche nicht direkt vergleichbar. Dennoch: Krisen bergen Chancen. Die meisten Unternehmen haben erst nach der Krise die Bedeutung von Glaubwürdigkeit und Authentizität erkannt. Gerade die Unternehmen, die eine tiefe Krise durchgemacht haben, gehen gut mit den Werten Glaubwürdigkeit und Transparenz um. Insgesamt bedeutet das: mehr Aufmerksamkeit, mehr Reflektion und das regelmäßige Überprüfen der eigenen Maßstäbe. Ich plädiere für eine offene Fehlerkultur.

Wie hat sich eigentlich generell die Kunst der Krisen-PR entwickelt? Gab es große Fälle, an denen man erkannte, wie man es (nicht) macht? (Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick in die Geschichte der KrisenPR.)
Das klassische Beispiel für Krisenkommunikation ist immer noch Brent Spar. Shell hat in der Auseinandersetzung um Offshore-Anlage mit Greenpeace damals die öffentliche Wirkung unterschätzt. Spätestens seit diesem Vorfall ist vielen Unternehmen und Organisationen klar, dass in Krisensituationen Kommunikation notwendig ist, um Schaden abzuwenden und negative Berichterstattung aufzufangen.

Sehen Sie Unterschiede in der Krisen-PR im Profit- und im Nonprofit-Bereich?
Die gibt es. Die Öffentlichkeit stellt weitaus höhere moralische Erwartungen an Nonprofit-Organisationen. Ethische oder moralische Verstöße in solchen Organisationen enttäuschen deshalb Erwartungen besonders eklatant und verursachen eine größere „Aufregung“. Das bedeutet nicht, dass Unternehmen sich solche Verstöße erlauben können, ohne dass dies Konsequenzen nach sich zieht.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Krisen-PR sei eine reine Kosmetikveranstaltung, ein ‚Einlullen‘ des Verbrauchers bzw. Bürgers, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?
Das ist leider immer noch ein häufiges Vorurteil, das auch den Krisenmanager des Duisburger Oberbürgermeisters Sauerland zuletzt getroffen hat. Dabei leistet die Krisen-PR einen wichtigen Beitrag für die Öffentlichkeit. Krisenerprobte PR-Berater tragen in schwierigen Situationen dafür Sorge, dass Informationen zeitnah gebündelt, aufbereitet und kommuniziert werden. Sie unterstützen die meist überlastete und unter Umständen weniger krisenerfahrene Pressestelle bei der Beantwortung von Anfragen und halten so den Kommunikationsfluss aufrecht. Darüber hinaus gehört auch die strategische Beratung beim operativen Krisenmanagement zu den Aufgaben eines PR-Beraters. Es geht darum, aufgeregte Diskussionen zu versachlichen und so zu einer sachgerechten Lösung beizutragen. Mit Kosmetik hat das relativ wenig zu tun.
„Einlullen“ lässt sich im Übrigen nur der, der einseitig informiert ist. Das allein ist schon deshalb gar nicht vorstellbar, weil wir durch eine breitgefächerte Medienlandschaft eine Art gesellschaftliches Korrektiv haben, das „PR zu Propagandazwecken“ nahezu unmöglich macht. Nicht zuletzt die Zunahme der investigativen Ressorts der Medien (Welt, Focus) zeigt wie kritisch zweckgebundene PR hinterfragt wird.

Kann man eigentlich aus der Krisen-PR lernen, wie man präventiv gar nicht erst in eine Krise kommt? Oder gehört Krise zu der Entwicklung von Unternehmen und Organisationen einfach dazu?
Krisen sind grundsätzlich nicht vermeidbar, aber man kann sich vorbereiten und in manchen Fällen Entwicklungen aufhalten, bevor es zu einer Krise kommt. Dazu gehört es, kritische Themen zu beobachten, aktiv zu steuern und seine Stakeholder zu kennen. Wichtig ist es, schon vor der Krise vertrauensvolle Beziehungen zu Stakeholdern und Journalisten aufzubauen. Wer glaubwürdig ist, dem schenkt man auch in der Krise mehr Vertrauen. Krisen sind aber auch nicht per se etwas Schlechtes. Selten ist die Bereitschaft so groß, sich mit Problemen auseinander zu setzen und „zu neuen Ufern“ aufzubrechen, wie zu Krisenzeiten. Die Chance, Dinge kritisch zu reflektieren und neue Ansätze zu finden, sollte genutzt werden.

Kommen wir noch einmal zurück auf Kirche: Wie erleben Sie eigentlich generell die öffentliche Kommunikationslinie der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland?
Die evangelische Kirche hatte in den letzten Jahren aus meiner Sicht einen kommunikativen Vorteil: Mit Margot Käßmann hatte sie eine prominente und sympathische Stimme, die die Institution Kirche als Person gut und glaubwürdig vertreten hat. Der neue Vorsitzende Nikolaus Schneider steht Frau Käßmann da in nichts nach. Eine solche Identifikationsperson fehlt der katholischen Kirche in Deutschland meiner Meinung nach. In der Krise hätte sich so eine  Person an die Spitze der Aufklärung der Missstände setzen und Vertrauen wiedergewinnen können.

Welche Verbesserungen der öffentlichen Wirksamkeit der kirchlichen Kommunikation halten Sie für möglich? Mit welchen Mitteln?
Dialog, Dialog, Dialog. Die katholische Kirche darf sich nicht länger verschließen. Sie muss Diskussionen selbst anstoßen und solche, die an sie herangetragen werden, annehmen. Das bedeutet nicht, dass sie von ihren Prinzipien abrücken muss, wie es im Zuge der Missbrauchsfälle  einige Stimmen verlangten, als sie die Abschaffung des Zölibats forderten. Die katholische Kirche muss ihre Leitlinien nicht ändern aber sie sollte  verständlich kommunizieren, warum sie dies gerade nicht tut.

Drei private Fragen zum Schluss: Glauben Sie an Gott?
ja

Sind Sie in der Kirche?
ja

Welche Funktion hat Kirche für Sie?
Werteschaffer, Orientierungsgeber, Sinnstifter, Helfer in der Not für die, die es am meisten benötigen. Zudem ist Kirche ein Ort, an dem Gemeinschaft gelebt wird. Das ist vor allem für junge und für ältere Menschen enorm wichtig.

 

   
         
 

„Wie beurteilen Journalisten, Werber, Kirchennahe und Kirchenferne die Kommunikation der Kirche bezüglich der Missbrauchsvorwürfe? Wie schwerwiegend sind die kommunikativen Fehler und welche Herausforderungen stehen bevor?“

8 interessante Antworten.

 
         
 
 
   

STATEMENT
Elvira Steppacher, Journalistische Direktorin

Die kleine, leicht windschiefe Kapelle steht auf einem grünen Hügel. Im Zwiebelturm läutet eine Glocke, am weiß-blauen Himmel kreisen die Vögel. Als Aussicht nach vorne öffnet sich ein malerisches Gebirgspanorama, auf beinah jeder Bergspitze Gipfelkreuze. Kein Zweifel, eine idyllische Landschaft, geprägt von innerer Verbundenheit mit Gott und der Schöpfung. Wer hier ruft, erhält ein frommes Echo...weiter »

 
 
   

STATEMENT
Helmut Drüing, Angestellter

Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche kostet dieser unglaublichen Kredit: Das trifft zum einen die überwiegende Zahl der unschuldigen, ehrlich arbeitenden Kirchenvertreter, weil in unserer säkularisierten Gesellschaft sofort grob verallgemeinernd „die katholische Kirche“ insgesamt angeprangert wird...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Markus Richard Spiecker, PR-Berater

Vorab muss man feststellen: Für die katholische Kirche verläuft die Kommunikation in der gegenwärtigen Missbrauchskrise unter erschwerten Bedingungen. Sie ist nicht nur mit den Ereignissen an sich konfrontiert, sondern auch mit ihrem eigenen Anspruch. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sie sich über Jahrhunderte als hervorgehobene, als einzige moralische Instanz aufgestellt...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Hartmut Meesmann, Journalist und Theologe

Bei der Aufklärung der sexuellen Übergriffe von Priestern ist die katholische Kirche Opfer ihres gestörten Verhältnisses zur Öffentlichkeit, vor allem auch zu den Medien, geworden. Sie hat die meist Jahre zurück liegenden Vorgänge weithin nur scheibchenweise eingeräumt und musste zu Transparenz und Offenheit mehr gezwungen werden, als dass sie diese freiwillig herstellte...“ weiter »

 
 
   

STATEMENT
Pia Bradt, Praktikantin

Ich habe im letzten Jahr mit viel Interesse und Neugierde die Diskussion um den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche verfolgt. Besonders als Nichtkirchengänger hatte ich den Eindruck, dass eine einzelne Meinung kein Gehör findet. Wie viele Late-Night-Talks habe ich mir angeguckt und wie oft musste ich feststellen, dass es eine utopische Vorstellung ist, dieses Thema in einer 75-minütigen Sendung zu diskutieren. ...“ weiter »

 
 
   

STATEMENT
Constanze Bandowski, Freie Journalistin

Mit Krisen-PR hat das alles nichts zu tun. Sexueller Missbrauch ist ein ungeheuerlicher Vorfall, bei dem in den Chefetagen alle Alarmglocken anspringen sollten. Sofort muss interne Aufklärungsarbeit geleistet werden, Verantwortung übernommen und Klarheit geschaffen werden. Stattdessen haben sich Kirchen, Internate und Institutionen zunächst vor der Öffentlichkeit gescheut, sie haben Fakten vertuscht, Täter gedeckt, geschwiegen. Schlimmer noch: Sie haben die Schuld von sich gewiesen...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Michael Jochim, Geschäftsführer

Als Privatmensch, katholischer Christ, loyaler Kirchenanhänger und Agentur-Chef bin ich enttäuscht, was in meiner Kirche möglich ist. Der Missbrauchs-Skandal erhält seine Dimension nicht nur durch das Fehlverhalten einzelner, sondern durch systematische Vertuschung. Die Kirche hat ein Problem mit dem Ideal , das sie vertritt: Vermittlerin des Evangelium vom Reich Gottes - und dem Erscheinungsbild der kirchlichen Vertreter...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Heribert Prantl, Jurist und Journalist

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sieht seine Kirche von den Medien viel zu hart angepackt, er sieht bösartige Kräfte am Werk; er sieht die Kirche einer Verfolgung ausgesetzt wie unter dem Nationalsozialismus. In der Wortwahl steht er alleine. Aber in vielen Predigten wird  die Kirche als verfolgte Unschuld präsentiert, bedrängt von einer feindlichen Kampagne...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Matthias Kopp, Deutsche Bischofskonferenz

Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, hat auf die aktuelle Ausgabe unseres Sinnstiftermagazins reagiert und uns eine ausführliche Replik geschickt. „Wir sind als Kirche kein Dilettantenverein in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit, auch wenn wir manche Erwartungen enttäuschen, die an uns gestellt werden,“ heißt es darin. Wir sind der Bitte von Matthias Kopp, seine Antwort zu veröffentlichen, gern nachgekommen und sagen „Danke“ für die Replik... weiter »

 

   
   
 
Text: Elvira Steppacher
 
Elvira Steppacher ist seit Januar 2009 Journalistische Direktorin des Instituts zur Förderung journalistischen Nachwuchses (ifp). Zuvor war sie dort fast sieben Jahre lang stellvertretende Direktorin. Elvira Steppacher war Projektleiterin beim Hamburger Magazin "stern", wo sie seit 1999 die Sonderhefte der Reihe "stern spezial" verantwortet und die stern-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" geleitet hat.
 
   

 

 

 

„Welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchs-Skandal?“

Kirche von hinten.

Die kleine, leicht windschiefe Kapelle steht auf einem grünen Hügel. Im Zwiebelturm läutet eine Glocke, am weiß-blauen Himmel kreisen die Vögel. Als Aussicht nach vorne öffnet sich ein malerisches Gebirgspanorama, auf beinah jeder Bergspitze Gipfelkreuze.  Kein Zweifel, eine idyllische Landschaft, geprägt von innerer Verbundenheit mit Gott und der Schöpfung. Wer hier ruft, erhält ein frommes Echo. Ein kleiner Pfad leitet zu diesem Sehnsuchtsort. Und führt doch zu keinem Eingang. Die beschriebene Zeichnung von Rudi Hurzlmeier – Sieger beim Deutschen Karikaturenpreis 2010 –trägt den Titel „Kirche von hinten“. Durch drei Worte macht der Künstler aus einem bayerischen Postkartenmotiv eine anzügliche Karikatur zu den sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Je grauenvoller ein Verbrechen, desto nüchterner sollten Journalisten davon berichten. Hurzlmeier hat die Regel für seinen gemalten Kommentar wirkungsvoll zugespitzt: Fast nichts sagen,  nichts zeigen. Der Schock, das Entsetzen, der Argwohn, sie bleiben in der Phantasie des Betrachters. Böse, aber leider korrekt:  Fast nichts sagen, nichts zeigen imitiert qua künstlerisch-konzeptioneller Mimikry die Strategie der Vertuschung von Bistümern und Ordensgemeinschaften, ihren fatalen Ansatz:  Institutionen- vor Opferschutz.

Welche Werte und Erwartungen über Kirche offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen? Zuallererst hat die Berichterstattung journalistische Werte gefordert, nämlich Wahrheitsliebe, Unbestechlichkeit, Wachsamkeit und ‚Stimm-Leihe‘. Gewiss auch Unwerte wie Sensationsgier, Voyerismus, falsch verstandenes Rächertum. Gleichwohl ist die obige Frage eigentlich überflüssig, eben weil die umfangreiche Berichterstattung sie hundertfach selbst beantwortet. Wer Unrecht aufdeckt, sagt ja, dass Recht gefehlt hat, wer mögliche Ursachen rekonstruiert und reflektiert, zeigt, was zu verbessern wäre usw.

Über die impliziten Erwartungen jedoch bliebe mehr zu sagen, als auf die hier zugestandene Seite passt. Nur soviel: Für mich deutet die Wucht der Berichterstattung und die Konzentration vor allem auf die katholische Kirche, wie zutreffend Hurzlmeiers Anti-Eidyllion ist, denn in ihr zeigt sich eine tiefsitzende Enttäuschung über den Verlust einer noch heil geglaubten Welt. Die kleine Kapelle, das ist Kirche von ihrer untadeligen Seite, für manche ist es die hehre Kirche ihrer Kindheit. Ein Paradies, in dem statt Zwietracht Einigkeit herrscht, in dem Reden und Handeln immer identisch sind, Leidenschaft sich nur als spirituelle Energie offenbart und Heilige lustwandeln. Nur: auf Erden sieht‘s anders aus. Wer realistisch hinschaut, erkennt: Lügner, Betrüger, nun sogar Sexualstraftäter, sie alle finden sich auch in unserer Kirche, aber ebenso finden sich Rechtschaffene, Menschen guten Willens, Schwächen und Fehler inklusive. Die teilweise brüske Totalabkehr von allem Katholischen (Jetzt ist Schluss: mit denen bin ich fertig!)  tauscht die totale Verklärung lediglich ein in generell schlechtes Licht. Als sei Kirche nichts anderes als ein dunkler Hort tiefschwarzer Schafe. Kirche soll – das ist der Subtext – genauso heilig sein wie ihr überirdischer Bezugspunkt oder Anspruch, jedenfalls gutmenschlicher als wir selber. Paradox: immer wieder ist sie es auch, nur nicht aus sich selbst. Wer Kirche aus Überzeugung verbunden ist, womöglich auch jene, die ihr wertneutral gegenüberstehen, erkennen, dass die tiefe Krise in unserer Kirche auf vielfältige Weise arbeitet: indem Verbrechen endlich aufgeklärt, Opfern geholfen, Vorsorgekonzepte diskutiert werden. Wer darin nur propagandistischen Überbau sieht, ist schwer von der Redlichkeit dieses Neuanfangs zu überzeugen.  Freilich, es bleibt bitter, dass auch all jene unter Generalverdacht geraten, die sich nichts zu Schulden kommen ließen. Menschliche Nähe und Gemeinschaft unter Glaubenden sind nun schnell dem Ruch des Zwielichtigen ausgesetzt. Daher zielen wohlfeile Kommunikationskonzepte oder Imagekampagnen, die mehr versprechen als sie halten können, an der Tiefe des Vertrauensverlustes vorbei. Die Gemeinschaft der Glaubenden muss selbst wieder Vertrauen aufbauen und so daran mitwirken, dass die Kirche im Dorf bleibt: Die Kirche, die von Christus und dem Apostel Matthäus, dem einstigen Zöllner erzählt. Die offene Türen, Augen und Ohren für alle Menschen hat und auf engagierte Mitglieder zählen kann. Die einladend ehrlich ist,  sich zu ihren Stärken und Schwächen bekennt, ohne es sich darin bequem zu machen. Das setzt voraus, Kirche nicht vollkommen zu delegieren, weder an die ‚da oben‘ noch die ‚ da unten‘. Auf dass wieder weniger Menschen der Kirche den Rücken zukehren. Denn auch sie sind in gewisser Weise Kirche von hinten.

www.sz-online.de

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Text: Helmut Drüing  

Helmut Drüing, Jahrgang 58, hat Anglistik, Amerikanistik, Kathothische Theologie und Pädagogik studiert. Von 1986 bis 1992 war er selbstständiger Landwirt, seit 2002 ist er im Außendienst der Raiffeisen Emsdetten-Greven-Sprakel eG tätig, seit 2010 bei der Raiffeisen Bever Ems eG. Helmut Drüing ist verheiratet und Vater von vier Kinder, er lebt in Emsdetten.

 
   

 

 

 

„Wie erleben Sie als Katholik und aktiver Kirchgänger den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und die Steuerung der Krisenkommunikation durch die katholische Kirche?“

Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche kostet dieser unglaublichen Kredit: Das trifft zum einen die überwiegende Zahl der unschuldigen, ehrlich arbeitenden Kirchenvertreter, weil in unserer säkularisierten Gesellschaft sofort grob verallgemeinernd „die katholische Kirche“ insgesamt angeprangert wird.

Zum anderen war es natürlich allerhöchste Zeit, dass diese schlimmen, Menschen auf Dauer verletzenden Vorgänge das Licht dieser Welt erblicken konnten. „Nichts ist so fein gesponnen, als es nicht doch kommt an die Sonnen“ – pflegte mein Vater immer zu sagen. Was für ein enormer Leidensdruck muss sich da durch das jahrzehntelange Verschweigen bei Opfern und Tätern angestaut haben! Das Fatale daran ist das Aufrechterhalten der kirchlich-autoritären Fassade gewesen, die keinerlei Raum für Zweifel oder Anklage ließ, quasi ein Seelen-Gefängnis.

Folgerichtig ist dieses starre Verhaltensmuster bis in die Steuerung der Kommunikation durch die katholische Kirche durchgeschlagen. „Mea culpa“ zu sagen tut verdammt weh – ist aber der einzige Weg zu einer möglichst schnellen Rehabilitierung. Denn ein überzeugendes, personengebundenes moralisches „Geländer“ für Jung und Alt in unserer überhitzten, oft entpersonalisierten Lebenswelt ist mehr denn je dringend erforderlich.

Das Liebesgebot Jesu muss vom „Bodenpersonal“ der Kirche, also auch fehlbaren Menschen, weiter in unsere bedürftige, nach höherem Sinn suchenden Welt hinausgetragen werden: es werde Licht in dunkler Zeit!

 

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Text: Markus Richard Spiecker  

Markus Richard Spiecker M.A., MBA (44) ist sei 14 Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Immer wieder beriet er Kunden in den Bereichen Krisenkommunikation, Krisenprävention und Issues Management. Derzeit ist er als PR-Berater freiberuflich tätig.

 
   

 

 

 

„Wie erleben Sie die Steuerung der Kommunikation in der derzeitigen Missbrauchskrise durch die katholische Kirche?“

Vorab muss man feststellen: Für die katholische Kirche verläuft die Kommunikation in der gegenwärtigen Missbrauchskrise unter erschwerten Bedingungen. Sie ist nicht nur mit den Ereignissen an sich konfrontiert, sondern auch mit ihrem eigenen Anspruch. In der öffentlichen Wahrnehmung hat sie sich über Jahrhunderte als hervorgehobene, als einzige moralische Instanz aufgestellt. Für viele Menschen hat sie in dieser Rolle jedoch nicht erst mit der Missbrauchskrise kläglich versagt. Zudem muss die katholische Kirche eine Gratwanderung zwischen einer christlich gebotenen Vergebung und der unabdingbaren strafrechtlichen Verfolgung der Täter vollbringen.

Als die ersten Missbrauchsfälle durch Priester öffentlich wurden, war die Kirche bestrebt zunächst interne Sanktionen zu verhängen und kommunizierte rein reaktiv. Der Ruf nach strafrechtlicher Verfolgung und Berichte über das Leid der Opfer wurden scheinbar als Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten empfunden. Die Verantwortlichen übersahen, dass disziplinarische Maßnahmen wie die Versetzung des Täters in der Öffentlichkeit als Vertuschung wirkten. Hinzu kamen aus Kommunikationssicht grobe handwerkliche Fehler, wie zum Beispiel das voreilige Abstreiten von verabreichten Ohrfeigen durch den Sprecher von Bischof Mixa. Vielen der sehr traditionsbewußten katholischen Würdenträger war nicht klar, dass es bei Missbrauchsfällen durch exponierte Personen in der heutigen Kommunikationsgesellschaft nicht möglich ist, die Öffentlichkeit auszuschließen und dass die katholische Kirche kein Sonderrolle als in sich geschlossene Gemeinschaft in der Gesellschaft inne hat. .

Erst mit fortschreitender Krise gelang es der Deutschen Bischofskonferenz das Heft in die Hand zu nehmen. Mit der Einrichtung des „Büros für alle Fragen im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich“ und der Ernennung des jungen, offen kommunizierenden Bischof Ackermann zum Beauftragten begann die aktive Steuerung nicht nur der Kommunikation sondern auch der Krise. Das sichtbare Bemühen um Aufklärung und Ahndung der Straftaten führt zu einer ersten Glaubwürdigkeitsverbesserung der katholischen Kirche. Auch die öffentliche Kooperation mit Politik und Strafverfolgungsbehörden bei Missbrauchsfällen trägt dazu bei. Die Kirche rückte in den Augen ihrer Mitglieder langsam näher an die Realitäten unserer modernen Gesellschaft.

Die Kommunikation der katholischen Kirche wirkte zu Begin der Krise hilflos, ungesteuert und rein reaktiv. Erst nach und nach wurde das Bemühen deutlich, die Kommunikation und die Krise zu steuern, sowie verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. Letzteres ist ein langer Weg.

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Text: Hartmut Meesmann  

Hartmut Meesmann (60), Journalist und katholischer Theologe, ist Leiter des Ressorts „Theologie und Kirchen“ der unabhängigen christlichen Zeitschrift Publik-Forum in Oberursel.

 
   

 

 

 

„Wie erleben Sie die Steuerung der Kommunikation in der derzeitigen Missbrauchskrise durch die Kirchen und welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchsskandal?“

Bei der Aufklärung der sexuellen Übergriffe von Priestern ist die katholische Kirche Opfer ihres gestörten Verhältnisses zur Öffentlichkeit, vor allem auch zu den Medien, geworden. Sie hat die meist Jahre zurück liegenden Vorgänge weithin nur scheibchenweise eingeräumt und musste zu Transparenz und Offenheit mehr gezwungen werden, als dass sie diese freiwillig herstellte. Der Reflex der Verantwortlichen richtete sich sofort darauf, die eigene „hehre“ Institution (als Idee) gegen die „bösen Medien“ zu verteidigen, ja abzuschotten – auch durch Schuldzuweisungen an andere. Dadurch erfolgte die Aufklärung nach innen wie nach außen eher zögerlich und schleppend.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass die katholische Kirche mit innerkirchlicher Gegenöffentlichkeit, also auch mit einem kritisch nachfragenden, berichtenden und kommentierenden Journalismus in den eigenen Reihen, nicht umgehen kann. So geht die Tendenz aktuell denn auch dahin, die Kirchenpresse „gleichzuschalten“, sie der „Verkündigung“ dienstbar zu machen; indem zum Beispiel – wie im Bistum Köln – der Bistumssprecher zum Chefredakteur der Kirchenzeitung gemacht wird. Die Haltung, die zu solchen Maßnahmen führt, ist von dem Bestreben geleitet, „lehramtliche“ Kontrolle auszuüben. Das führt dann  – wie beim Missbrauchsskandal – dazu, dass die schlimme Realität geleugnet, zurechtgebogen oder kleingeredet wird – nach dem Motto: Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Damit verletzt die Kirche selbst das Prinzip der Wahrhaftigkeit, dass sei stets von den Medienvertretern einfordert, und wird so unglaubwürdig.

Zum zweiten werden auch die säkularen Medien von vielen Verantwortlichen in der Kirche überwiegend als „feindliches Gegenüber“ angesehen. Das hängt damit zusammen, dass  Kirche und Welt als Gegensatzpaar gesehen werden und der Kirche dabei auch noch eine höherwertige Position beigemessen wird (vertritt sie doch die göttliche Wahrheit). Die eigene Haltung den Medien gegenüber ist in der Folge hauptsächlich defensiv-abwehrend, in Einzelfällen sogar aggressiv-diffamierend. Damit aber wird das journalistische Misstrauen der Kirche gegenüber geradezu herausgefordert und genährt. Erst nach gehörigem öffentlichem Druck, und weil der Vertrauensverlust schlicht nicht mehr zu übersehen ist, fanden sich die Bischöfe dazu bereit, mit dem Kirchenvolk über die entstandenen Probleme zu reden.

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Text: Pia Bradt  

Pia Bradt, geboren 1988 in Münster, absolvierte 2009 ihr Abitur und verbrachte im direkten Anschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur bei RUHR.2010. Seit Oktober 2010 arbeitet sie als Praktikantin in einer Werbeagentur. 2003 ist sie aus der evangelischen Kirche ausgetreten.

 
   

 

 

 

„Wie erleben Sie als Nichtkirchengängerin den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und die Steuerung der Kommunikation durch die katholische Kirche?“

Ich habe im letzten Jahr mit viel Interesse und Neugierde die Diskussion um den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche verfolgt.
Besonders als Nichtkirchengänger hatte ich den Eindruck, dass eine einzelne Meinung kein Gehör findet. Wie viele Late-Night-Talks habe ich mir angeguckt und wie oft musste ich feststellen, dass es eine utopische Vorstellung ist, dieses Thema in einer 75-minütigen Sendung zu diskutieren.

Da schickt man einen Bischof Mixa zu Maischberger und die Erwartungen der aufgebrachten Zuschauer werden erfüllt: unqualifizierte Äußerungen, ein konservatives, mittelalterliches Weltbild und ein paar Wochen später ein Missbrauchsvorwurf an den erbärmlich diplomatischen Mixa.

Ein gefundenes Fressen für die Medien, die bei einer solch einseitigen Kommunikation keine Möglichkeit haben zu differenzieren. So ist es kein Wunder, dass die katholische Kirche sich immer mehr im Stacheldraht verfängt, je mehr sie sich bewegt. Männliche Mitarbeiter müssen nun mit der Furcht leben als pädophil oder machtgeil abgestempelt zu werden, eben weil die Kirche sich in der Öffentlichkeit sehr ungeschickt präsentiert und jede Woche ein neuer Bischof am Pranger steht, der vorher die Wogen glätten sollte.

Kopfschüttelnd betrachtet man das Geschehen, hat den Eindruck dass Verantwortliche sich still und heimlich in ihren Elfenbeinturm zurückziehen und froh sind, dass über „die Kirche“ gesprochen wird. Man nennt keine Namen, verallgemeinert. Und genau das ist das Problem. Wenn Papst Benedikt XVI. sich öffentlich für den Missbrauchsskandal entschuldigt, ist das zwar ein erster großer Schritt, doch inwiefern trägt es zur Schadensbegrenzung der Opfer bei? Er kann als Stellvertreter Gottes sein Mitgefühl, seine Trauer und Enttäuschung ausdrücken, aber zur Aufklärung trägt er damit nicht bei.
Wenn es keinen offenen Umgang mit den Vorfällen gibt, kann man der menschlichen Sexualität nicht die Scham und den Ekel nehmen, den die Kirche seit Jahrhunderten predigt. Übervorsichtig wird diese Thematik mit Samthandschuhen behandelt. Und da fragt man sich als Außenstehender, wie die Missbrauchsopfer mit ihrem Schicksal umgehen, wenn es denen, die Hilfe und Gespräche anbieten, die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Diese einseitige Kommunikation verschärft die Problematik ungemein.
Im Mittelpunkt steht nicht das Leiden der Opfer, sondern die katholische Kirche als Machtinstrument. Meine Empfindung ist, dass Gespräche in der Öffentlichkeit automatisch ins Peinliche und Naive abdriften, wenn sich das Weltbild der Gesprächsteilnehmer vorher nicht enorm geändert hat.
Wenn ein Bischof in roter Gewandung, goldenem Kruzifix und mit bescheidener Körperhaltung ernsthaft versucht über Sexualität und menschliche Bedürfnisse zu reden, hat dies meist einen sehr ironischen Beigeschmack. Maßt er sich wirklich an, sich in die Opfer hineinversetzen zu können? Wo bleiben die Mittler der katholischen Kirche, die mit Wissenschaftlern und Psychiatern zusammenarbeiten, weltoffen sind und im 21. Jahrhundert leben? Wo bleibt die Reformation, die es endlich ermöglichen würde mit erhobenem Haupt das Problem anzugehen.

Nun zerreißen sich die Medien über dieses Thema und lassen die ganze Welt dabei zuschauen, wie die Kirche unbeholfen und auf wackeligen Füßen die ersten Gehversuche macht. Währenddessen spielen die Betroffenen im Hintergrund die zweite Geige.

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Text: Constanze Bandowski
Foto: Karin Desmarowitz, agenda/Hamburg

 

Constanze Bandowski, arbeitet seit 1998 als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen, Magazine und Non-Profit-Organisationen im In- und Ausland. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Entwicklungszusammenarbeit, Lateinamerika und Soziales. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

 
   

 

 

 

„Wie erleben Sie die Steuerung der Kommunikation in der derzeitigen Missbrauchs-Krise durch die Kirchen und welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchs-Skandal“

Mit Krisen-PR hat das alles nichts zu tun. Sexueller Missbrauch ist ein ungeheuerlicher Vorfall, bei dem in den Chefetagen alle Alarmglocken anspringen sollten. Sofort muss interne Aufklärungsarbeit geleistet werden, Verantwortung übernommen und Klarheit geschaffen werden. Stattdessen haben sich Kirchen, Internate und Institutionen zunächst vor der Öffentlichkeit gescheut, sie haben Fakten vertuscht, Täter gedeckt, geschwiegen. Schlimmer noch: Sie haben die Schuld von sich gewiesen, anderen in die Schuhe geschoben, am übelsten der ehemalige Augsburger Bischof Walter Mixa, der die Verbrechen katholischer Priester und Mönche der „zunehmenden Sexualisierung des öffentlichen Lebens“ zuschrieb. Er hätte auch überspitzt sagen können: „Unsere armen Brüder konnten nichts dafür, denn sie sind überall und ständig mit sexuellen Tabubrüchen umgeben und wurden praktisch in den Missbrauch ihrer Schutzbefohlenen getrieben.“ Kein Wunder, dass der Aufschrei groß ist!

Sowohl der Vatikan, als auch der Vorstand der Odenwaldschule oder die Nordelbische Kirche haben mit ihrer Krisenkommunikation versagt. Viel zu spät haben sie reagiert, ja: Sie haben re - agiert und genau das ist der Fehler: Sie haben die Kommunikation nicht selbst gesteuert. Egal, ob die Führungskräfte persönlich gelähmt oder schockiert waren, ob sie tatsächlich nichts wussten oder wissen wollten – sie haben nicht schnell genug Position bezogen, glaubhaft versichert, den Vorwürfen auf den Grund zu gehen, Transparenz zu schaffen, Täter zu identifizieren und anzuklagen, die Öffentlichkeit auf dem Laufenden zu halten. Ausgerechnet die Kirchen und ausgezeichnete pädagogische Institutionen, also die vermeintlich letzten verbliebenen, vertrauenswürdigen Instanzen unserer schnelllebigen Gesellschaft, sind zusammengebrochen. Erst durch die unermüdliche Recherche der Journalisten konnten die Skandale aufgedeckt werden. Und leider ist noch kein Ende in Sicht…

Viele fühlen sich in ihren Vorurteilen bestätigt: „War ja klar!“, sagen sie. „Haben wir ja schon immer geahnt!“ Jetzt ist es also endlich herausgekommen: Da ist schon seit Ewigkeiten etwas faul! Kein Wunder, dass die katholische Kirche in einer tiefen Krise steckt, dass die Mitgliederzahlen schwinden, dass sie ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Menschen einbüßt. Die Leute wollen wissen, was los ist. Jetzt ist es an der Zeit, gründlich aufzuräumen. Die Verantwortlichen sollen sozusagen die Hosen runterlassen und Tacheles reden. Und natürlich gibt es nach wie vor Stimmen, die von all dem nichts wissen wollen…

Da kommt der Aufruf von Papst Benedikt XVI. kurz vor Weihnachten viel zu spät, die katholische Kirche solle über sich selbst nachdenken. Ja, muss die Kirche nicht ständig über sich selbst nachdenken? Muss sie nicht dauernd ihre Botschaft aktualisieren, Antworten auf die Veränderungen in der Gesellschaft finden? Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sagte ebenfalls kurz vor Weihnachten, die katholische Kirche habe an Glaubwürdigkeit eingebüßt und müsse dieses Vertrauen nun wieder zurückgewinnen. Der Vertrauensbruch sitzt tief, die Kirche wird über Jahre eine starke Krisen-PR fahren müssen, um Verlorengegangenes wieder aufzubauen.

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Text: Michael Jochim  
Michael Jochim, Jahrgang 1954, Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter der 1985 in Essen gegründeten BJS Werbeagentur hat zahlreiche Kontakte und Verbindungen zu Organisationen, Verbänden und Einrichtungen im Nonprofit-Bereich. Er arbeitet ehrenamtlich in kirchlichen Einrichtungen mit und ist Mitbegründer und Herausgeber vom sinnstiftermag.
 
   

 

 

 

„Welche Werte und Erwartungen offenbaren die öffentlichen und medialen Empörungen über die Kirche im Missbrauchsskandal? Und wie wirkt auf Sie als Geschäftsführer einer Werbeagentur die Steuerung der Kommunikation in der Missbrauchskrise durch die katholische Kirche?“

Als Privatmensch, katholischer Christ, loyaler Kirchenanhänger und Agentur-Chef bin ich enttäuscht, was in meiner Kirche möglich ist. Der Missbrauchs-Skandal erhält seine Dimension nicht nur durch das Fehlverhalten einzelner, sondern durch systematische Vertuschung. Die Kirche hat ein Problem mit dem Ideal , das sie vertritt: Vermittlerin des Evangelium vom Reich Gottes - und dem Erscheinungsbild der kirchlichen Vertreter.

Es klafft eine Lücke auf allen Ebenen. Der Wanderprediger aus Galiläa wird vom obersten Würdenträger im Vatikan vertreten. Umgeben von Würdenträgern in einem Umfeld, das mehr an die Paläste jener erinnert, die Jesus verurteilten als an den Stall, in dem er geboren wurde. Es wird von den Gläubigen Einiges an spiritueller und gedanklicher Akrobatik gefordert, das verkündete Evangelium und dessen Verkünder sowie ihre Lebenswelt in Übereinstimmung zu bringen.

Es braucht in der Organisation der Kirche ein gutes „weltlichen“ Denken, wie mit schwierigen Situationen umzugehen ist. Das lange Schweigen, das Wirrwarr an Informationen und die Entscheidungen, die eher vermuten ließen „jetzt wird entschieden, damit die Öffentlichkeit meint, hier werden gut überlegte Konsequenzen gezogen“, zeigen eindeutige kirchliche Schwächen im Krisenmanagement auf.

In solchen Fällen bedarf es der Fähigkeit, Fehler einzusehen. Hierzu äußerte sich der amerikanische Jesuit, Thomas Reese. Er empfiehlt den europäischen Bischöfen, aus den Fehlern  der Bischöfe in den USA zu lernen. Deren gravierendster Fehler sei der Glaube gewesen, die Krise sei in wenigen Monaten vorüber. „Die größte Tragödie war, sich zu verstecken und den Sturm vorüberziehen zu lassen“. Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, sagte es selbst: “Für mich waren es die schlimmsten Monate meine Lebens.“

Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, fordert Reformen in der katholischen Kirche. „Die größten Gefahren für die katholische Kirche sind innerhalb ihrer eigenen Mauer und nicht außerhalb zu finden“.

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann  sieht in einem geplanten Dialogprozess allerdings auch Gefahren. Er warnte vor einem „ewigen Jammern über das verlorene Vertrauen“ und einer „gebetsmühlenartigen“ Wiederholung von Schuld, die die Kirche zu tragen habe. Nach Einschätzung Lehmanns hat die katholische Kirche „genug und genügend klar“ zum Ausdruck gebracht, dass sie über die Vorfälle sehr erschrocken  sei und ihre Unzulänglichkeit einsehe. „Die wichtigste Voraussetzung für alle Erneuerung ist ein vertiefter Glaube an Gott.“

Krisenkommunikation ist keine Schmerztablettenstrategie für erregte Zeitgenossen, sondern die aufrechte Haltung vor der Öffentlichkeit. Diese Position findet sich bei erfolgreichen Unternehmensführern als Persönlichkeiten, die ihre Vorstellungen und Visionen authentisch und glaubwürdig zu vermitteln wissen.

Nicht weil die Menschen „böse“ geworden sind, sondern weil ihnen die Kirche nichts mehr zu sagen hat, weil in ihnen nichts mehr geweckt wird. Weil Religion und Kirche nicht zu fesseln verstehen, weil die Sprache arm und die einst aussagekräftigen Bilder verblasst sind. Weil ihre Symbole von weltlichen Institutionen übernommen wurden, die sie für ihre Zwecke neu aufbereitet haben. Aus diesen und vielen weiteren Gründen wenden sich die Menschen ab und treten aus der Kirche aus.

Der Trendmonitor  (MDG-Trendmonitor „Religiöse Kommunikation ... zu Kirche und Religion,  vom Institut für Demoskopie Allensbach erstellt ) belegt jedenfalls sehr detailliert “wie schwer es ist , erst einmal blockierte personale Kommunikation durch mediale Informations- und Kommunikationsangebote zu kompensieren.“ Man fragt sich, wie wohl die Ergebnisse ausgefallen wären, wenn die Befragung im März 2010 stattgefunden hätte.

„Von einer nachhaltigen Renaissance des Religiösen ist in Deutschland“, so heißt es im Trendmonitor klar und deutlich, „nichts zu spüren“, auch nicht von einer Renaissance des Kirchlichen – erst recht nicht bei den jungen Katholiken. Als bedeutungsvolles Signal für die Zukunft steht die Aussage von Bischof Gebhard Fürst (Beauftragter Medien-Bischof der Deutschen Bischofskonferenz) zum Neujahrsempfang 2011 des Bistums in Stuttgart: „ Heute und in der kommenden Generation sind die jungen Christen die Kirche. Oder sie sind es nicht. Und dann sind wir als Kirche nicht mehr“.

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Text: Heribert Prantl  

Heribert Prantl, Jahrgang 1953, ist Jurist und Journalist. Im Juli 2010 hat das „Netzwerk Recherche“ zum neunten Mal den Kritik-Preis „Verschlossene Auster“ verliehen, an dem mehr als 800 Medienvertreter teilnahmen. Heribert Prantl hat als Laudator die Auszeichnung an die Deutsche Bischofkonferenz für die Informationsblockaden der Katholischen Kirche übergeben. Der Preis steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien.



 
   

 

 

 

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sieht seine Kirche von den Medien viel zu hart angepackt, er sieht bösartige Kräfte am Werk; er sieht die Kirche einer Verfolgung ausgesetzt wie unter dem Nationalsozialismus. In der Wortwahl steht er alleine. Aber in vielen Predigten wird  die Kirche als verfolgte Unschuld präsentiert, bedrängt von einer feindlichen Kampagne, gejagt von antiklerikalen Journalisten, die angeblich aus Lust an der Zerstörung der letzten moralischen Anstalt handeln. Der Regensburger Bischof Müller hat den Journalisten, die über die Regensburger Domspatzen recherchierten, öffentlich „kriminelle Energie" bescheinigt. Gegen die Kirche, so sagt er, wird gezischt, „als ob man gerade in einem Gänsestall hier die Gänse aufgeweckt hätte".  In einer Predigt sprach er von „missbrauchter Pressefreiheit" und von einer „Diffamierungs-Lizenz, mit der man scheinbar legal all diejenigen Personen und Glaubensgemeinschaften ihrer Würde beraubt, die sich dem totalitären Herrschaftsanspruch des Neo-Atheismus und der Diktatur des Relativismus nicht fügen." Es wird bei dieser Medienschelte, bei dieser Verfluchung so getan, als seien die Skandale nicht in der Kirche entstanden, sondern ihr von außen angetan worden.

Der Vorwurf  „antikatholischer Propaganda" wird auf den Webseiten der Regensburger Ordinariats erhoben,  von einer „primitiven Manipulation und gezielten Volksverdummung" ist die Rede und von einer Journalismus, der „die Wahrheit so unverschämt niederhält", expressis verbis auch in Bezug auf die Süddeutsche Zeitung. Man möchte den Heiligen Franz von Sales zu Hilfe rufen:  nicht für die Journalisten - sondern für einen maßlosen und uneinsichtigen Episkopus.

Sicher gibt es journalistische Fehlleistungen: Wenn etwa die Schüler vom Regensburger Domspatzen-Gymnasium am Schulhof abgefangen werden, wenn ihnen regelrecht aufgelauert wird, dann ist das eher Stalking als fairer Journalismus. Solche Verirrungen gibt es, leider,  bei anderen Skandalen auch. Aber bei den angeblichen Verfehlungen, die der Regensburger Bischof geißelt, handelt es sich nicht um Verfehlungen, sondern um Journalismus. Eine „ständige Wiederholung von Vorgängen aus alter Zeit" hat der Bischof beklagt, welche nur den Sinn habe, die Kirche als verderbten Laden darzustellen. Er verkennt, wie Journalismus funktioniert;  er verkennt, wie Aufklärung funktioniert. Franz von Sales hätte es gewusst.  Es ist gewiss richtig, dass die Fakten, dass die einschlägigen „Fälle" aus den diversen Diözesen und Klöstern immer wieder  wiederholt worden sind, weil  die neu entdeckten „Missbrauchsfälle" in die alten eingereiht wurden. Das ist aber kein Tort, der der Kirche angetan wird. Es wird auf diese Weise nur der Fortsetzungszusammenhang hergestellt. Das ist bei Skandalen in der Kirche nicht anders als bei denen in der Politik, bei Siemens, BP, VW oder den Banken.

Die Amtskirche hat aber geglaubt und glaubt zum Teil immer noch, ihr gebühre ein schonender Sonderstatus, sie sei unantastbar, weil sie so  alt, erhaben und wertvoll sei. Anders herum wird ein Schuh daraus. Wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, sich die Rolle der Hüterin der öffentlichen Moral zuschreibt, wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, gern darauf verweist, dass er über ein gereiftes Orientierungswissen und über besondere Problemlösungskompetenz verfüge, der muss sich schon genau anschauen lassen, wenn es um die Unmoral in den eigenen Reihen geht, und der muss sich fragen lassen, wie es denn um die Qualität dieses Orientierungswissens bestellt ist und wo die Problemlösungskompetenz bleibt.

Nach langen Jahren des Schweigens und des Verdrängens hat sich die Kirche schließlich doch zur Aufklärung und Verfolgung von sexueller Gewalt durchgerungen. Sie hat in den vergangenen Monaten Stärke gezeigt beim administrativen Reagieren auf den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Aber über den katholischen Geschmack des Missbrauchsskandals, wie das der Jesuit Klaus Mertes formuliert hat, kann sie nach wie vor nicht reden.

Die Kirche und ihre Krise: Kirche ist Kirche nur dann, wenn sie für andere da ist. Denn Kirche ist ursprünglich und eigentlich die Stimme der Schwachen. Aber im so genannten Missbrauchsskandal überwiegt  in der Amtskirche noch immer die Sorge um die Institution die Anteilnahme mit den Opfern. Es zeigt sich hier das kalte Herz der Kirche. Wenn sie aber vor allem für sich und zu ihrer Selbstverteidigung da ist, verliert sie sich. Mehr als jede Kirchenkritik der Kirche schaden kann, schadet sie sich selbst, wenn sie sich der Diskussion verschließt und versperrt.

Das Problem der Kirche ist nicht die Öffentlichkeit, ihr Problem sind nicht die Medien, ihr Problem ist die sexuelle Gewalt und ihr Umgang damit. Andere Diözesen, andere Bischöfe haben ganz anders reagiert als Bischof Müller in Regensburg. Erzbischof Reinhard Marx in München-Freising hat die Devise ausgegeben: „Nichts verschweigen, nichts vertuschen, der Wahrheit ins Auge sehen". Marx hat diese Devise auch praktiziert. Aber das zentrale Problem bleibt, es ist die „Unfähigkeit, die eigenen pathogenen Strukturen und die Folgen der klerikalen Vertuschungen zu erkennen, zu erörtern und daraus praktische Konsequenzen zu ziehen", wie es Franz-Xaver Kaufmann auf den Punkt gebracht hat. Pädophilie ist das Risiko einer zwangszölibatären und monosexuellen Kirche, der in 2000 Jahren zwar die Vertreibung der Frauen aus allen Machtpositionen, aber nicht die Entsexualisierung des Menschen gelingen konnte.

Aus der Rede von Heribert Prantl zur Preisverleihung „Verschlossene Auster“ 2010

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Text: Matthias Kopp  

Matthias Kopp, ist seit dem 1. Januar 2009 Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz und Leiter der Pressestelle. Von 2000 bis 2008 war er Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, seit 2002 ist er stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands.



 
   

 

 

 

Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, hat auf die aktuelle Ausgabe unseres Sinnstiftermagazins reagiert und uns eine ausführliche Replik geschickt. Wir sind der Bitte von Matthias Kopp, seine Antwort zu veröffentlichen, gern nachgekommen und sagen „Danke“ für die Replik:

Wir schweigen nicht! Ein (notwendiger) Zwischenruf zur Kommunikation der katholischen Kirche

Zweifelsohne: Das Jahr 2010 war ein Krisenjahr für die katholische Kirche. Selbstkritisch werden wir über uns als Kirche sagen können, dass nicht alles in der Kommunikation ideal gelaufen ist. Manche Problemlagen haben wir kommunikativ falsch eingeschätzt, in bestimmten Situationen hätte die Kirche in Deutschland schneller in den Medien reagieren müssen. Aber wer uns vorwirft, wir hätten gemauert und geschwiegen, gebremst und nicht informiert, der verkennt die Tatsachen unseres Kommunikationswillens und unserer Kommunikationsfähigkeiten, vor allem verkennt er die komplexe Wirklichkeit der Kirche in Deutschland.

Nochmals: In bestimmten Situationen hätte die Medienarbeit anders reagieren müssen. Aber die Kirche in Deutschland ist nun mal kein monolithischer Block, der nach den Regeln moderner Unternehmenskommunikation funktioniert. Es gibt die Deutsche Bischofskonferenz, aber es gibt auch die 27 Bistümer in Deutschland, die ihre eigene Autonomie und damit auch Verantwortung in der Medien- und Kommunikationsarbeit haben. Gerade das Krisenjahr 2010 hat die bischöflichen Pressestellen und die Pressestelle der Deutschen Bischofskonferenz enger zusammenwachsen lassen. Wir sind gut vernetzt und stimmen uns nicht nur in heiklen Situationen untereinander ab. Wer uns vorwirft, wir könnten nicht kommunizieren, hat sich nicht die Mühe gemacht, die vielfältige und mühevolle Kommunikationsleistung der Bistümer und der Bischofskonferenz zu analysieren.

Ja, wir haben Fehler in der Kommunikation gemacht. In Fragen des Missbrauchsskandals gab es lange Zeit einen falsch verstandenen Täterschutz, der vor dem Schutz der Opfer stand. Aber die Meinung, die Kirche würde mauern, trifft nicht zu. Gleich nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in Berlin hat die Deutsche Bischofskonferenz auf verschiedenen Ebenen reagiert. Wir haben uns unserer Verantwortung gestellt. Wer nun als Argument vorhält, wir würden keine Zahlen zu Missbrauchsopfern veröffentlichen, hat noch immer nicht verstanden, worum es geht: Zahlen lassen sich nicht in wenigen Monaten ermitteln. Die Aufarbeitung der schrecklichen Fälle von Missbrauch braucht ihre Zeit, deshalb wollen wir eine wissenschaftliche Forschungsarbeit in Auftrag geben.

Weil wir uns als Kirche der Kommunikationsverantwortung und Kommunikationsnotwendigkeit stellen, melden wir uns zu Wort, ob gelegen oder ungelegen. Es wird zumindest kein Journalist behaupten können, von unserer Pressestelle keinen Rückruf oder keine Antwort erhalten zu haben. Im Klartext: Wir sind als Kirche kein Dilettantenverein in Fragen der Öffentlichkeitsarbeit, auch wenn wir manche Erwartungen enttäuschen, die an uns gestellt werden. Gerade um diesen Vorurteilen vorzubeugen, habe ich im Sommer letzten Jahres den Negativpreis „Verschlossene Auster“ für die Kirche in Deutschland entgegengenommen: nicht, um zu bestätigen, dass wir schlecht kommunizieren, sondern um mich dem kritischen Diskurs zu stellen, dass wir als Kirche heiklen Themen und Ehrungen nicht ausweichen.

Was wir erwarten, ist Fairness uns gegenüber. Und die haben wir im schwierigen zurückliegenden Jahr weitgehend erlebt. Es gab journalistische Versuche, die die Grenze der Unfairness überschritten haben, aber es waren Ausnahmen. Es ist richtig, wenn der investigative Journalismus uns hart angeht – aber bitte fair. Deshalb ist es zum Beispiel unverständlich, wenn die Bischofskonferenz einen Weg des Dialogs im September letzten Jahres anlegt und – nicht nur säkulare – Medien schon nach wenigen Wochen über diesen gerade begonnenen Prozess „herfallen“ und ihn als langsam oder gar tot bezeichnen. Um aus der Krise herauszukommen, braucht die Kirche ihre Zeit. Und die sollte ihr gegeben werden – auch durch die Medien.

Deshalb: Wir verschließen uns nicht der Kommunikation. Eine Kirche, die den Menschen nahe sein will, kann sich unmöglich von der Welt separieren. Aber wir hoffen, dass sich die Welt mit uns seriös beschäftigt – auch in der Recherche, die manchmal vielleicht aufwändiger ist als sonst, weil die Kirche heute nicht mehr eine in allen Details und Riten bekannte Institution ist. Zum Ende meiner Gegenrede bei der Auster-Verleihung habe ich gesagt, was oberstes Ziel für unsere Kommunikationsarbeit ist, daran hat sich nichts geändert: „Wir werden als Kirche auch weiterhin versuchen, Sie mit dem Gegenteil dessen zu überraschen, was uns dieser Preis bescheinigen soll.“

P.S. Der Zwischenruf erreicht „sinnstiftermag“ mit einiger Verspätung. Ausgabe 10 schrieb im Editorial: „So schwer wars noch nie: Wir vom sinnstifermag wollten von Fachleuten kirchlicher und werblicher Kommunikation wissen, wie sie die Krisen-PR der Kirchen angesichts der Missbrauchsskandale im Jahr 2010 bewerten. Zum ersten Mal mussten wir erleben, dass viele Akteure abwinkten. Kirchlichen Gesprächspartnern und -partnerinnen war es zu gefährlich, werblichen zu beschämend, sich hierzu pointiert zu äußern.“ Ich kann nur sagen: Sinnstiftermag hat die Deutsche Bischofskonferenz nicht gefragt. Deshalb habe ich mich von mir aus zu Wort gemeldet. Weil wir nicht schweigen, sondern kommunizieren!

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INTERVIEW
Kai vom Hoff

Kai vom Hoff, geb. 1963, arbeitete nach einem Zeitungs- und Agenturvolontariat und einem Studium der Wirtschaftswissenschaften von 1988 bis 1989 als PR-Referent für Unternehmen aus der Pharmaforschung und aus dem Industrieanlagenbau. 1989 erfolgte der Wechsel in die Agentur seines Vaters. Seit 1990 ist er Geschäftsführender Gesellschafter. Kai vom Hoff ist Dozent für den Masterstudiengang Wirtschaft an der FH Düsseldorf zu Krisen-PR und Investor Relations. Zudem publiziert er regelmäßig zu Krisenthemen in der Wirtschafts- und Tagespresse. Seit 2005 hält Kai vom Hoff Seminare an der Deutschen Presse Akademie, Berlin zu den Themen „Issues Management“ und „Führungskräfte-Positionierung“.

Die Agentur vom Hoff – 1970 in Düsseldorf gegründet durch den Volkswirt Werner vom Hoff, einem der Pioniere in der Public-Relations-Landschaft – zählt zu den ersten PR- Beratungsgesellschaften in Deutschland. Seit 40 Jahren entwickelt vom Hoff Kommunikationslösungen für komplexe Aufgabenstellungen. Zu den Referenzen zählen nationale und internationale Unternehmen, Verbände und Ministerien. Branchenfelder der Agentur sind Energie, Industrie, Chemie und Finanzen. zum Text »

 
 
   

STATEMENT
Elvira Steppacher

Dr. Elvira Steppacher ist seit Januar 2009 Journalistische Direktorin des Instituts zur Förderung journalistischen Nachwuchses (ifp). Zuvor war sie dort fast sieben Jahre lang stellvertretende Direktorin. Elvira Steppacher war Projektleiterin beim Hamburger Magazin "stern", wo sie seit 1999 die Sonderhefte der Reihe "stern spezial" verantwortet und die stern-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" geleitet hat.

Als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei Gruner + Jahr betreute sie seit 1997 nationale und internationale Sonderprojekte. Davor war sie mehrere Jahre in dem Agenturnetzwerk Edelman PR Worldwide, zuletzt als Kreativdirektorin, verantwortlich. Seit April 2008 ist Elvira Steppacher Mitglied in der Katholischen Rundfunkarbeit Deutschlands (KRD-Rat). Seit Oktober 2009 ist sie Mitglied im Sachausschuss "Medien" im Landeskomitee der Katholiken in Bayern. Außerdem ist sie Mitglied in der Jury des Reportage-Stipendiums, das vom Fachverband Konfessionelle Presse im VDZ vergeben wird. zum Text »

 
 
   

STATEMENT
Helmut Drüing

Helmut Drüing, Jahrgang 58, hat Anglistik, Amerikanistik, Kathothische Theologie und Pädagogik studiert. Von 1986 bis 1992 war er selbstständiger Landwirt, seit 2002 ist er im Außendienst der Raiffeisen Emsdetten-Greven-Sprakel eG tätig, seit 2010 bei der Raiffeisen Bever Ems eG. Helmut Drüing ist verheiratet und Vater von vier Kinder, er lebt in Emsdetten. zum Text »

 
 
   

STATEMENT
Markus Richard Spiecker

Markus Richard Spiecker M.A., MBA (44) ist sei 14 Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Nach einem Magisterstudium der Anglistik, Wirtschaftspolitik und Geographie führte ihn sein beruflicher Weg unter anderem zu vom Hoff Kommunikation und cpz Ogilvy Public Relations. Immer wieder beriet er Kunden in den Bereichen Krisenkommunikation, Krisenprävention und Issues Management. Derzeit ist er als PR-Berater freiberuflich tätig. zum Text »

 
 
   

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Hartmut Meesmann

Hartmut Meesmann (60), Journalist und katholischer Theologe, ist Leiter des Ressorts „Theologie und Kirchen“ der unabhängigen christlichen Zeitschrift Publik-Forum in Oberursel. zum Text »

 
 
   

STATEMENT
Pia Bradt

Pia Bradt, geboren 1988 in Münster, absolvierte 2009 ihr Abitur und verbrachte im direkten Anschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur bei RUHR.2010. Seit Oktober 2010 arbeitet sie als Praktikantin in einer Werbeagentur. 2003 ist sie aus der evangelischen Kirche ausgetreten. zum Text »

 
 
   

STATEMENT
Constanze Bandowski

Constanze Bandowski arbeitet seit 1998 als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen, Magazine und Non-Profit-Organisationen im In- und Ausland. Sie studierte Politische Wissenschaft, Lateinamerika-Studien und Journalismus in Hamburg und Gainesville/USA. Ihre journalistischen Schwerpunkte sind Entwicklungszusammenarbeit, Lateinamerika und Soziales. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg. zum Text »

 
 
   

STATEMENT
Michael Jochim

Michael Jochim, Jahrgang 1954, Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter der 1985 in Essen gegründeten BJS Werbeagentur hat zahlreiche Kontakte und Verbindungen zu Organisationen, Verbänden und Einrichtungen im Nonprofit-Bereich. Er arbeitet ehrenamtlich in kirchlichen Einrichtungen mit und ist Mitbegründer und Herausgeber vom sinnstiftermag. zum Text »

 
 
   

STATEMENT
Heribert Prantl

Heribert Prantl, Jahrgang 1953, ist Jurist und Journalist. Er war Stipendiat des Cusanuswerks, der katholischen Studienförderung; nach dem Studium der Rechtswissenschaften, der Geschichte und der Philosophie in Regensburg sowie einer journalistischen Ausbildung als Stipendiat beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses arbeitete er zunächst als Anwalt, dann als Richter sowie als Staatsanwalt in Bayern. Prantl ist seit 1988 innenpolitischer Redakteur und Verfasser vieler Leitartikel bei der Süddeutschen Zeitung, Autor zahlreicher politischer Bücher und Essays, politischer Kommentator bei öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern und häufiger Gast in Radio- und Fernsehdiskussionen. Seit 1995 leitet er das Ressort Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung.

Im Juli 2010 hat das „Netzwerk Recherche“ zum neunten Mal den Kritik-Preis „Verschlossene Auster“ verliehen, an dem mehr als 800 Medienvertreter teilnahmen. Heribert Prantl hat als Laudator die Auszeichnung an die Deutsche Bischofkonferenz für die Informationsblockaden der Katholischen Kirche übergeben. Der Preis steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien. Das „Netzwerk Recherche" ist ein Zusammenschluss von in der Medienbranche Tätigen, die sich als Interessenvertretung für den investigativen Journalismus verstehen. zum Text »

 
 
   

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Matthias Kopp

Matthias Kopp, Jahrgang 1968, ist Theologe, Archäologe, Journalist. Er hat Theologie und Christlichen Archäologie in Bonn, Freiburg und Rom studiert. Von 1992 bis 1997 war er Redakteur bei Radio Vatikan, von 1997 bis 2002 Medienreferent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Seine weiteren Stationen: 2003 bis 2005 Bereichsleiter Kommunikation und Pressesprecher des XX. Weltjugendtags Köln, 2006 bis 2008 Sprecher der Staatskanzlei und des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Seit dem 1. Januar 2009 ist Matthias Kopp Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz und Leiter der Pressestelle. Von 2000 bis 2008 war er Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, seit 2002 ist er stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands. zum Text »

   
         
 

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