Startseite Ausgabe 07 | brennen - dösen - Was zeichnet starke Glaubenszeugen aus?
   
 
Text: Sonja Töpfer
Foto: Michael Lebed
 
Sonja Töpfer, Jahrgang 1961, studierte von 1981 bis 1986 Strukturale Hermeneutik und Filmwissenschaften. Seit 1985 schreibt sie Essays, leitet Seminare und hält Vorträge und Workshops bei Bildungsträgern und Akademien mit eigenem Lehrkonzept. Seit 2005 gilt das Hauptaugenmerk der Filmkünstlerin der Videokunst und dem Videoartpodcast. Sonja Töpfer ist Prüfungsmitglied der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle Filmwirtschaft).

 
   

 

 

 

„Wie beurteilen Sie als Filmemacherin die Kommunikation der großen Kirchen Deutschlands?“

Die Kirche nimmt die Menschen des 21. Jahrhunderts nicht wirklich wahr. Die Suche nach Glauben, Spiritualität und das Fechten für eine bessere Welt findet auf anderen Schauplätzen statt: Auf Plattformen von Umweltinitiativen, in Stadt- und Kulturgesellschaften, aber auch in Diskursen rund um die Kunst. Warum ich das so empfinde, möchte ich am Beispiel meines eigenen Kommunikationsverhaltens im Internet – vor allem Facebook – erläutern:

Manchmal brauche ich zusätzliche Kommunikation, nach Telefonaten, zwischen meinen Filmschnitten, am besten während der kurzen Mahlzeiten, bevor es mit meinen Arbeiten weitergeht. Während mein Outlook alle bestehenden E-Mail-Adressen – es sind fünf – nacheinander abruft, öffne ich Facebook und lese die neuesten Meldungen und wer von meinen Freunden online ist.

Ja, ich bekenne mich zu Facebook – denn es kommt meinem Bedürfnis zu reden, mich selbst darzustellen entgegen. Facebook ist zu einem festen Bestandteil meiner Öffentlichkeitsarbeit geworden. Ich bin unter meinem wirklichen Namen auffindbar und gebe  Privates bewusst und wohldosiert preis: Trailer aus Lieblingsfilmen und vor allem immer wieder aus eigenen youtube-Filmen.

Ich poste Hinweise zu guten Zeitungsartikeln, kommentiere Kommentare anderer Nutzer. Ich freue mich auf den täglichen Small-Talk und Plausch mit interessanten Nutzern meiner Wahl – und dies manchmal direkt und persönlich im geschützten Raum, nämlich im Chatroom. Dort flüstere ich mit Gleichgesinnten hinter vorgehaltener Hand.

Mit wem ich plausche, welcher Gruppe oder Fanseite ich beitrete, ist eine Information, die eingesehen werden kann. Ich stelle fest, dass die evangelische Kirche keinen eigenen Facebook Eintrag hat. Mit „evangelisch“ werden viele große und kleine Gruppen assoziiert, von evangelikal bis zu unterschiedlichen Dienststellen. Die katholische Kirche hat eine Fanseite mit 563 Fans. Ihr aber möchte ich nicht folgen, denn sie richtet sich nicht an mich, sie lässt mich draußen, denn ich verstehe mich als Suchende. Mit dieser ausschließenden Kirche möchte ich nicht assoziiert werden.

Ein Beitritt käme einem persönlichen Gesichtsverslust in meiner Facebook-Gemeinschaft gleich: „Die Katholische Kirche führt ihre Entstehung auf Jesus von Nazareth zurück, der der Gesalbte Gottes (= "Christus") ist. Als "ChristInnen" glauben sie an ihn, an seinen Tod und seine Auferstehung, bekennen ihn als ihren "Herrn" und als "Sohn Gottes“, heißt es auf der Fanseite der Katholischen Kirche.

Ich bin überzeugt, dass ich mit dieser Einstellung nicht allein bin. Der 2. Ökumenische Kirchentag München 2010 hat 3.476 Fans und gewinnt in mehrfacher Hinsicht. Unter Info wird die Telefonnummer eines verantwortlichen Büros mitgeteilt und die Beschreibung bleibt sachlich. Der Kirchentag  schließt niemanden aus.

Das mit der Authentizität bei den Kirchen ist so eine Sache. Wenn ich die Websites der Bistümer anschaue, erkenne ich, dass sie sich aus dem normativen Duktus der Institution Kirche speisen. Es ist eine Kirche, die sich ausschließlich und nur an die Gläubigen wendet, im Zentrum stehen Themen der Glaubensunterweisung und -ausübung, immer kirchlich institutionell gerahmt. Suchende, Zweifelnde, Fragende stehen außerhalb.

Auf den Webseiten der Bistümer wundert mich diese erkennbare Grundeinstellung nicht – aber in Facebook, einer Plattform, die Google als die meist genutzte Website der USA  überholt hat, müsste die Öffnung zu den verloren gegangenen „Schäfchen“, den Personen und suchenden, die sich humanen und spirituellen Themen widmen, im Zentrum stehen.

Google, youtube, Twitter und Facebook sollten als Orientierungsinstrumente verstanden werden, sie laden ein zum Dialog mit den Menschen von heute. Die Aufsplitterung der Gesellschaft ist zu den Verantwortlichen der Kirche immer noch nicht durchgedrungen.

Schlimmer noch, man bastelt verzweifelt an Internet-Live-Stream-Portalen, welche die Internetnutzer dazu „verführen“ sollen, sich zu festen Uhrzeiten an den PC zu begeben, um Vorträgen oder gar Gottesdiensten zu lauschen. Immer wieder findet man die übergriffigen Versuche der Eingemeindung, leider auch bei engagierten Internetexperten der Kirche.

Der youtube-Channel vom Papst hat innerhalb katholischer Kreise den offiziellen Beweis angetreten,  dass man diese Plattform nutzen darf, aber mehr eben auch nicht. Der Vatikan Channel widerspricht allen Regeln der aktiven Netzbürger: die Beiträge wirken hölzern, es sind mit dem Zeigefinger angepriesene TV Beiträge. Die Möglichkeit der Kommentare und Bewertung wird bewusst unterbunden.

Kommunikation ist heutzutage Diskurs und keine Einbahnstraße. Erklärungsbedürftige Einrichtungen, und dazu zähle ich auch die Kirchen, benötigen die Öffnung zu den Personen, die sich mit ihren Themen aktiv auseinandersetzen wollen  -  sei das auf der Ebene der Politik, der humanitären oder der umweltspezifischen Bewegungen.

Die Internetmacher der Kirche wollen ihre Nutzer immer noch umerziehen; sie haben nicht verstanden: es gibt kein Zurück, wir leben in einer Zeit der Baukästen. Wir stellen uns das zusammen – auch im Glauben -, was uns gefällt und holen aus den Institutionen, was wir brauchen. Und die Kirche versäumt es, im Internet  anzubieten, was sie im täglichen Leben vorlebt: Engagement für die Menschlichkeit, für ein besseres Leben, apostolische Hilfsangebote, Beratungsstellen für die Geächteten und Verfolgten der Welt.

Den Diskurs mit den Suchenden aber muss sie sowohl im realen als auch im virtuellen Leben erst beginnen. Ein Kölner Weihbischof wünscht sich von den Gläubigen „nachdenken anstelle nachlaufen“ und vielleicht ist die vom päpstlichen Rat angekündigte Stiftung „für die Förderung des Dialogs zwischen der katholischen Kirche und Atheisten und Agnostikern“ (www.zenit.org/rssgerman-19921) ein erster Schritt in die richtige Richtung.

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