Startseite Ausgabe 07 | brennen - dösen - Was zeichnet starke Glaubenszeugen aus?
   
 
Text: Dr. Kerstin Gernig  
Dr. Kerstin Gernig, Jahrgang 1964, hat Germanistik, Romanistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin und der École Normale Supérieure in Paris studiert. Nach Jahren der Lehre und Forschung in Paris, Straßburg und Boston ist sie seit 2001 Geschäftsführerin des Kuratorium Deutsche Bestattungskultur in Düsseldorf.

 
   

 

 

 

„Warum brauchen wir Rituale?“

Rituale sind Gesten und Handlungen, über die wir nicht nachdenken müssen, da wir mit ihnen sozialisiert worden sind. Sie werden von Generation zu Generation tradiert, da sie sich in entscheidenden Situationen bewährt haben. Der Handschlag beim Ritual der Begrüßung oder des Abschieds zeigt, dass es sich dabei um kleine Gesten mit großer Wirkung handeln kann. Rituale spielen in schwierigen Situationen – wie bei einer Trauerfeier – eine ganz besondere Rolle, da sie dabei eine Art Geländerfunktion übernehmen. Wenn jemandem der Boden unter den Füßen entzogen wird, weil er einen geliebten Menschen verloren hat und er in Trauer und Schmerz gefangen ist, können ihm Rituale dabei helfen, mit traumwandlerischer Sicherheit den nächsten Schritt zu tun, ohne darüber nachdenken zu müssen. Das war zumindest in Zeiten so, als Rituale noch selbstverständlicher von Generation zu Generation weitergegeben worden sind als heutzutage.

Zu den Ritualen bei der Beisetzung eines Menschen – die seit dem Mittelalter als siebtes Werk der Barmherzigkeit gilt und von den nächsten Angehörigen begleitet wurde – zählte, dass der Verstorbene ein letztes Mal gewaschen und gekämmt, gesalbt und neu eingekleidet wurde. Das war der letzte Liebesdienst, den die Hinterbliebenen dem Verstorbenen noch erweisen konnten, der sie zugleich gelehrt hat, den Tod im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Denn nur wer mit eigenen Augen gesehen hat, wie sich das Gesicht eines Verstorbenen, seine Haut und sein Körper verändern, kann begreifen, was Tod im physischen und metaphysischen Sinn bedeutet.

Der Verstorbene wurde aufgebahrt, damit auch die Gemeinschaft von ihm Abschied nehmen konnte. Bei dem Aufgebahrten wurden Gebete gesprochen und Lieder gesungen oder auch Nachtwache gehalten. Wer schon einmal an einem Totenbett gesessen hat, weiß, dass von einem Verstorbenen eine Aura ausgeht, die das Diesseits transzendiert. Deshalb spielten auch Musik und Gesänge eine so bedeutsame Rolle, da sie auszudrücken vermochten, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen für Trauernde unmöglich ist. Mit der Aufbahrung wurde dem Verstorbenen ebenso wie den Angehörigen Zeit gegeben, um Abschied zu nehmen von dieser Welt und von dem Menschen aus der eigenen Mitte.

Doch diese früher selbstverständlichen, ganz schlichten Rituale sind uns weitgehend verloren gegangen: wir haben keine Erfahrung mehr im Umgang mit einem Verstorbenen, weil dieser letzte Liebesdienst im Laufe der Zeit zunehmend an Bestatter delegiert worden ist. Und hier setzt ein Teufelskreis ein: Denn wo die Erfahrung im Umgang mit einem Verstorbenen fehlt, herrscht Unsicherheit und wo Unsicherheit herrscht, wird die Expertise anderer gesucht und angerufen. Darauf reagieren moderne Bestatter, indem sie den Angehörigen ihre Hilfe bei diesen Tätigkeiten anbieten und ihnen nur abnehmen, was sie sich selbst nicht zutrauen.

Wir singen kaum noch gemeinsam, obgleich das gemeinsame Singen eine immense kathartische und Gemeinschaft stiftende Wirkung haben kann. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass wir das kanonische Liedgut verloren oder auch aufgegeben haben. Manche Rituale wie die Aufbahrung beispielsweise werden wiederbelebt, was damit zusammenhängt, dass trauerpsychologisch erkannt wurde, welch hohen Stellenwert die Abschiednahme für die Hinterbliebenen hat, um mit dem Tod eines geliebten Menschen leben zu lernen. So bieten inzwischen viele Bestattungsinstitute eigene Abschiedsräume für Menschen an, die den Verstorbenen nicht zu Hause aufbahren wollen.

Gemeinsam zu singen oder gemeinsam zum Grab zu schreiten, hat Gemeinschaft gestiftet. Beim Kondolieren wurde die Anteilnahme zum Ausdruck gebracht, die heutzutage von vielen Menschen schon in der Traueranzeige abgelehnt wird. Damit wird Gemeinschaft aufgekündigt. Wie viel Individualität eine Gemeinschaft, gerade in einer solchen Ausnahmesituation verträgt, ist jedoch die Frage.

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