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Text: Rolf Pitsch  

Rolf Pitsch, Jahrgang 1957, verheiratet, drei Kinder, hat Germanistik, Publizistik, Buch-, Schrift- und Druckwesen in Mainz und München studiert, bevor er eine Journalistenausbildung beim Seibel-Institut absolvierte. Als Journalist hat er u.a. für den Rheinischen Merkur und bei der Bundeszentrale für politische Bildung gearbeitet. Pitsch war danach Leiter des Referates Presse/Verlagswesen in der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz tätig, seit 1996 ist er Direktor des Borromäusverein e.V. und Geschäftsführer der borro medien gmbh (Bonn).

 
   

 

 

 

„Warum ist das Ritual des Vorlesens für Kinder so wichtig und wie sollte man es pflegen?“

„Warum denn schon wieder dieses Buch?“ Diese Frage kenne ich sowohl von mir selbst aus der Zeit, in der die eigenen Kinder sich noch vorlesen lassen wollten. Ich kenne sie aber gerade auch aus der Arbeit in der Bücherei. Dort, in einer wohnortnahen Katholischen öffentlichen Bücherei, versuchten vor allem Väter ihren Kindern das Ausleihen eines bereits vielfach vorgelesenen Bilderbuches auszureden. Und immer wieder rief mich diese kleine Auseinandersetzung auf den Plan. Ja, lieber Vater, Mutter, Großeltern, Geschwister: Gerade kleine Kinder brauchen in bestimmten Lebensphasen bestimmte bekannte und vertraute Bücher, weil sie ganz eindeutig mit diesem Buch eine positive Erinnerung verbinden. Diese kann sich auf die Farben, den Text des Buches beziehen oder auf den Vorlesenden oder auch auf die Kuschelzeit mit dem Vorlesenden. Da gibt es eine Erinnerung, die das Kind immer wieder zu diesem Buch greifen lässt. Und diese eigene Aktion haben wir dann ernst zu nehmen! Und natürlich können wir als Vorlesende gerne zu ergründen versuchen, was denn das Faszinierende an diesem Buch ist. Und falls wir es finden, können wir entsprechend zusätzliche Lese- oder Medienangebote ins Spiel bringen.

Bücher bringen im Miteinander von Vorlesenden und Kindern sehr viel durchaus Unterschiedliches auf den Weg. Da ist einmal die Zeit, die gemeinsam verbracht wird. Und wenn diese Sondersituation gut genutzt werden soll, findet das Vorlesen am besten an einem angenehmen, wohligen und vor allem identischen Ort statt. Und zur Situation gehört auch eine ähnliche Uhrzeit. Diese Situationen können durchaus auch verschiedene sein. Nicht immer geht es um das abendliche Vorlesen, dass ja vielfach auch ein Reflexionsmoment zum Geschehen des Tages (ggf. mit einer entsprechend ausgesuchten oder erfundenen Geschichte) und einen Abschiedsgestus zur Nacht enthält. Lesen sollte für Kinder gerade in der frühen Einübung nicht zum Schlafen gehören. In meiner eigenen Vaterzeit mit kleinen Kindern gab es zum Beispiel den rituellen Besuch der Bücherei nach dem Gottesdienst und das anschließende Blättern und Lesen in den erstandenen Comics auf dem Wohnzimmerteppich.

Koffer packen und keine Bücher mitnehmen? Für mich eher unvorstellbar! Nicht nur, weil es immer eine freie Zeit bei einem Ferienwochenende oder dem Sommerurlaub geben könnte. Lesen in Büchern und Zeitschriften gehört zur Zeitgestaltung dazu und damit in das entsprechende Training. Die Beratung bei Packen der ersten eigenen Tasche für die Kinder umfasste also auch Bücher. Oder ins Ferienlager gab es das Angebot einer Bücherkiste an die Verantwortlichen. Und alles kam heil zu Hause an, manchmal etwas später, weil eine Freundin oder ein Freund (bei Comics) noch etwas mitgenommen hatte.

Vorlesen, zeitgleich nebeneinander lesen, Lesestoff einpacken: Es gibt noch mehr Einführungschancen, die ja alle – erst einmal ohne Blick auf den Inhalt – ein Ziel haben: Kinder sollen Lesen mit Attributen wie angenehm, bereichernd, spannend erleben: Ich mag meine Eltern und die lesen. Wenn dieser Erfahrungsschritt gelungen ist, ist die wesentliche Grundlage gelegt. Dabei helfen natürlich die in einer Wohnung anwesenden Lesemedien, die vielleicht sogar nicht nur in Regalen verteilt liegen, sondern an angenehmen Orten benutzt werden. Noch mehr wiegt das für Kinder hörbare Gespräch über Bücher. Die Eltern reden über Gelesenes, sie schenken ihren Freunde Bücher, sie besuchen mit Kindern Autorenlesungen, sie erzählen ihnen nach dem Kinobesuch, woher die Drehbuchvorlage kommt und lesen nochmals mit den Kindern nach.

Und all diese Aspekte gelten nicht nur für die kindliche Lesesozialisation. Die vorlesenden Erwachsenen lernen selbst noch einmal von vorne. Denn wenn sie sich einige Zeit nur für sich durch Texte mühten: Jetzt fragen die Kinder ihnen zu anderen durch den Text oder die Illustrationen assoziierten Fragen Löcher in den Bauch. Dinge, über die sich nie Gedanken machten. Und so kommen wir zum eigentlich wesentlichen Aspekt, warum Lesen als Kulturtechnik einen so hohen Rang hat, der ihm leider durch entsprechende Maßnahmen nicht ausreichend eingeräumt wird. Durch das Lesen haben der Einzelne – und im Gespräch über das Gelesene – und die lesende Gruppe die Möglichkeit, sich ihre sehr spezifischen Gedanken zu einem vorgegebenen Text zu machen, eigene Bilder zu entwickeln, Handlungen in Sachbücher zu überprüfen, Beziehungen in erzählenden Texten auf ihre Bedeutung im wahren Leben abzuklopfen. Dafür brauchen wir diese Technik. Und das Lesen in Büchern hat darüber hinaus noch haptische Bedeutungen: Den Worten kann ich mit dem Finger nachfahren, Seiten (möglichst angenehmen Papiers) können ohne fremde Hilfe umgeblättert werden. Nicht zu vergessen: Lesemedien bieten neben der Buchstabenwiedergabe ästhetische Entwicklungsdimensionen.

Damit Lesen mit und für Kinder besser gelingen kann, müssen an drei Ecken wesentliche Verbesserungen erreicht werden:

  • Erziehende müssen das Sabbatparadox begreifen: Zeit hergeben heißt Zukunft gewinnen. Wer Zeit für das Einüben in die Lesetechnik investiert, gestaltet Zukunft. Und diese Zeit müssen wir gesellschaftlich den Erziehenden einräumen. In Zeitbudgets z.B. für Erzieherinnen müssen sie also verstärkt festgeschrieben werden.

  • Vorlesen ist weiblich und männlich. Dass Männer diese Tätigkeit eher als typisch weiblich ansehen und lieber mit Kindern „draußen spielen“, zeigt eine neue Studie der Stiftung Lesen. In den Rollenveränderungen der Geschlechter ist hier dringend Veränderung geboten, sonst gewinnen Jungs nur Geschwindigkeit auf der Bildungsverliererbahn.

  • Die lokalen Infrastrukturen des Lesens in Büchereien und Kindergärten sowie Förderungseinrichtungen und Vernetzungseinrichtungen müssen durch staatliche Rahmenbedingungen in die Lage versetzt werden, langfristige Arbeit leisten zu können. Öffentliche Büchereien dürfen nicht länger „freiwillige Leistungen“ sein und Leseförderungskampagnen oder die Ausbildung von Lesepaten benötigen eine Grundsicherung durch die öffentliche Hand, neben den Mitteln der Wirtschaft. Und wenn die Kirchen zum kulturellen Angebot unserer Gesellschaft weiter beitragen wollen, stehen ihnen dazu durch entsprechende Investitionen in die vorhandene Infrastruktur alle Türen offen.

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