Startseite Ausgabe 07 | brennen - dösen - Was zeichnet starke Glaubenszeugen aus?
   
 
Text: Simin Alvandi  
Simin Alvandi, geboren 1958 in Teheran/Iran, studierte vier Semester Sportwissenschaft an der Teheraner Universität, bevor sie 1984 nach Deutschland übersiedelte.

 
   

 

 

 

„Warum Kinder Rituale lieben.“

Menschen brauchen Rituale und Kinder brauchen sie ganz besonders. Immer wiederkehrende Abläufe geben ihrem Leben Struktur, schenken ihnen Geborgenheit, Halt und stärken Ich- und Wir-Gefühl.
Der Alltag mit Kindern wird durch Rituale enorm erleichtert. Denn alles, was regelmäßig wiederkehrt und stets nach dem gleichen Schema abläuft, akzeptieren Kinder leichter. So lassen sich auch Regeln des Zusammenlebens und tägliche Pflichten ritualisieren.

Auch wir erinnern uns bestimmt noch an ganz besondere Rituale, wie z.B. das Abendgebet, die Gute-Nacht-Geschichte, die Schokolade, die es nur bei Oma gab. Solche Erinnerungen sorgen auch bei uns Erwachsenen für angenehme Gefühle und lassen uns gerne an diese Zeit zurückdenken.

Noch mal und noch mal und noch mal... auch wenn es manchmal an den Nerven zehrt, Wiederholungen sind für Kinder wichtig. Hören sie wochenlang die gleiche Pipi-Langstrumpf-Geschichte oder das gleiche Lied, ist das ein Zeichen für ihr Bedürfnis nach Struktur und Sicherheit. Beunruhigende, neue Erfahrungen werden auf diesem Weg verdaut. Darum lieben Kinder Wiederholungen, denn damit lernen sie schon als Kleinkinder, die Welt zu ordnen und zu verstehen. Sie helfen Ihnen, innere und äußere Ordnungsstrukturen zu entwickeln.

Rituale haben auch eine große Bedeutung für das soziale Verhalten. Sie helfen Kindern, sich in eine Gruppe einzufügen, Ängste und Unsicherheiten zu überwinden, Brücken zu bauen, Krisen zu überstehen, Verbindungen herzustellen.

In der Montessori-Pädagogik sind feste Abläufe, d.h. Rituale, an der Tagesordnung. So stabilisieren sich bei den Kindern viele Handlungen und sie nehmen diese problemlos in ihren Tagesablauf auf. Sie bilden Eckpfeiler des Jahresablaufes, strukturieren das tägliche Miteinander, geben Kindern, Eltern, Erziehern Orientierung und Sicherheit und helfen bei der Konfliktlösung. Maria Montessori sieht die Kinder als eigenständige Persönlichkeit.

Ein wichtiger Schwerpunkt dabei ist die Freiheit der Aktivität des Kindes. Dies zeigt sich durch einen respektvollen Umgang mit Freiheiten innerhalb bestimmter Regeln und Rituale. So hat das Kind die Möglichkeit, seine Beschäftigung, ob allein oder gemeinsam, selber auszusuchen, durchzuführen und eigenständig mit Hilfe der Fehlerkontrolle eventuell nach bestehenden Fehlern zu suchen. Hierbei werden unsere Kinder, auch in völlig alltäglichen Verrichtungen, im Andenken an einen der wichtigsten Lehrsätze von Maria Montessori – »Hilf mir, es selbst zu tun« – sehr ernst genommen.

Beispiel Händewaschen: Für Erwachsene ein ganz banales Ritual, für Kinder dagegen eine aufregende Reise durch eine ganze Welt, wenn diese in Teilschritte zerlegt wird: Ärmel hochkrempeln, Wasserhahn aufdrehen, heiß und kalt mischen, die Stärke des Strahls regulieren. Rituale können so spannend sein...

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