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editorial
Sinnstiftermag – achte Ausgabe

Sinnstiftermag ist ein Zusammenschluss von Zeitanalytikern, Werbern, Designern und Fotografen, die von einer gemeinsamen Beobachtung ausgehen: dem enormen Sinnstiftungspotential der alten und neuen Medien.

Medien transportieren sinnhafte Inhalte und sind in dieser medialen Funktion vor allem selbst sinnhaft. Sie können gar nicht anders. Damit sind sie religionsproduktiv. In Partnerschaft mit Akteuren aus Kommunikation und Kirche sucht sinnstiftermag nach den Analogien religiöser und medialer Kommunikation. weiter »

   
   
         
   

Titelstory
Die Überwindung lebensweltlicher Grenzen

Wir brauchen Rituale, um unser Leben leichter und den Übergang vom Alltäglichen ins Außeralltägliche einfacher zu gestalten: wenn ein Mensch geboren wird, wenn er stirbt, wenn sich zwei Menschen miteinander verbinden. Wir lieben Rituale, weil sie unserem Leben einen „anderen Sinn“ verleihen, es transzendieren. Die Sehnsucht, dass mein Leben einen Sinn hat, der über das Faktische, das reell Greifbare hinaus geht, dass es sich nicht erschöpft in Geld verdienen und Geld ausgeben – sondern sinnenfällig macht, dass es ein „Mehr“ im Leben gibt.

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interview
Ohne Stimmungsrituale ist kein Neubeginn,
kein Abschied möglich

„Wenn sich ein Manager zur Gewohnheit macht, jeden Tag zu danken, dann realisiert er, wie viele Menschen seinen Zielen dienen und ihn unterstützen. Wenn er keine Dankbarkeitsrituale entwickelt, fehlt ihm dieser Blick und er schreibt alle Erfolge sich selbst zu.“ Eine von mehreren Thesen der Top-Managementberaterin Dorothee Echter. Mehr über die Bedeutung von Ritualen in der Unternehmensführung in unserem Interview. weiter »

   
   
   

statements
Meinungen

13 Menschen geben Antworten auf die Frage, wie wichtig Rituale in Erziehung, Freizeit und Sport, im Beruf oder im Glauben, in festlichen und alltäglichen Situationen sind. weiter »

   
   
   

über die autoren
Kurze biographische Notizen

Die Macher von sinnstiftermag bedanken sich für Beiträge, Mitarbeit, Engagement und Meinung von Siri Fuhrmann, Dorothee Echter, Simin Alvandi, Rolf Pitsch, Marjan Rosetz, Dirk Michalowski, Frank Röller, Uwe Wagner, Dirk Brall, Marion Greve, Klaus Wackernagel, Alexandra Kurth, Manfred Nicht, Frank Wannof und Kerstin Gernig. weiter »

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Sinnstiftermag ist ein:

– Magazin, das zweimal im Jahr über Kirche und Kommunikation reflektiert
– Projekt im Schnittbereich kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit und werblicher Kommunikation
– Radar zur Ortung interessanter Themen und Menschen im kirchlich-medialen Umfeld
 
         
 
 
 
Bild: photocase.com
© buba mara
Die neunte Ausgabe von sinnstiftermag erscheint demnächst. Klicken Sie sich wieder ein!  
   

 

 

  banal/erhaben – Warum wir Rituale brauchen.

Die achte Ausgabe von sinnstiftermag

Rituale, so hat einmal der Berliner Medientheoretiker Norbert Bolz gesagt, sind die Inseln des Vertrauens im postmodernen Schiffbruch der Unmittelbarkeit. Rituale sind Räume, in denen wir uns auf das vorbereiten, was jenseits dieser Räume liegt. Rituale fügen der Welt nichts Neues hinzu, sondern gestalten, ja: kultivieren das Bekannte.

Darum sind Rituale unverzichtbar. Gerade zum Jahresende hin versammeln wir uns in großen und emotionalen Ritualen: Advent, Weihnachten, Jahresabschluss, Jahresbeginn. Rituale sind dabei mehr als Routinen. Wer sie pflegt, wird von ihnen beschützt.

Grund genug, ein wenig mehr über Rituale nachzudenken. In dieser Ausgabe sprechen wir mit Dorothee Echter. Sie coacht Top-Manager, und geht dabei davon aus, dass die Qualität der Unternehmensrituale wichtiger ist als die Qualität des Spitzenpersonals. Was meint sie damit? Lesen Sie’s nach!

Außerdem: Eine Theologin erklärt, was sie an Ritualen schätzt. Sie treffen einen Trauerbegleiter, einen Tai-Chi-Trainer, eine Pfarrerin, einen Fanbeauftragten, eine Kindergärtnerin. Was kennzeichnet Rituale im Judentum, welche Rituale begehen Menschen auf dem Friedhof?

Genießen Sie die Texte.

Ihre sinnstiftermag-Redaktion

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Im Interview:
Dr. Siri Fuhrmann
Bild: Martin Steffen/Adveniat

 

 
   

 

Dr. Siri Fuhrmann, geboren 1976, ist wissenschaftliche Assistentin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Als Liturgiewissen-schaftlerin denkt sie u.a. über Sinn und Funktion von Riten in Christentum und Gesellschaft nach.  
   

 

 

 

 

 

 

erhaben/banal: Warum wir Rituale lieben.

Noch in den 70er Jahren galten Rituale als verpönt; das Wort „Ritual“ diente gar als Schimpfwort in der Politik. Wenn jemands Rede als „ritualisiert“ stigmatisiert wurde, dann galt das als Synonym für „inhaltsleeren Konformismus“. Dieser Mensch folgte nicht seinem eigenen Urteil, sondern verhielt sich gesellschaftskonform, glaubte aber selbst nicht, was er sprach.

Wenn Sie dieser Tage in die Auslagen der Buchhandlungen schauen oder das Google-Orakel befragen, werden Sie feststellen, dass Rituale schwer in Mode gekommen sind: Rituale für jedwede Art von Sinnkrisen und Lebenssituationen überfluten den Markt – ganz klassisch zu den Knotenpunkten des Lebens Geburt, Hochzeit und Tod; aber auch zum Erwerb des Führerscheins, als Übergangsgestus bei gerichtlichem Erfolg der Scheidung oder dem nächsten Karrieresprung. Die merkantile Beliebtheit von Ritualen ist noch eine recht junge Liebe, die sich die Frage gefallen lassen muss, ob alles, was als „Ritual“ angeboten wird, auch wirklich ein solches ist.

Warum Menschen Rituale lieben – hier der Versuch einer Erklärung, die, nicht in erster Linie religiös, sondern vom Alltag her entwickelt, nicht nur der Neigung zum Ritual, sondern auch seinem Wesen nachgehen will.

„Alltag“ umschreibt die Situation, in der ich mich „normalerweise“ befinde: Wenn ich also einkaufen gehe, mich auf dem Weg zur Arbeit befinde, wenn ich allabendlich fernsehschaue – immer bin ich umgeben von einer mir vertrauten Alltagswelt. Ich verhalte mich in ihr auf eine bestimmte Weise, und der Art, wie ich mich verhalte, ist eine Fülle unhinterfragten Wissens vorausgesetzt. Ich befinde mich in einem zuverlässigen Hier und Jetzt; zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort; Koordinaten, von denen ich ganz selbstverständlich annehme, dass sie auch für die anderen real und wirklich sind: morgendliches Zähne putzen, zur Arbeit fahren, der Einkauf beim Discounter nebenan, Fernsehen am Ende des Tages. Viele Abläufe dieses Alltags wiederholen sich. Diese Dinge werden mit Routine durchgeführt, d.h. es bedarf dabei keiner größeren intellektuellen Anstrengung. Durch die Wiederholung einer Handlung werde ich mit den Abläufen vertraut. Auf diese Weise werden Kräfte freigesetzt, damit ich mich auf das Unvorhergesehene, das Besondere konzentrieren kann: Dass ich meinem Sohn gleich noch seine morgendliche Medizin zu geben habe; dass die A40 in Essen-Zentrum gesperrt ist und ich eine Umleitung werde nehmen müssen, die möglichst nicht alle anderen Autofahrer genauso wählen; dass ich nicht nur meine Lieblingsschokolade, sondern auch für das Abendessen mit Freunden einkaufe; dass ich im Anschluss an die Tagesthemen noch eben mein Jackett für den Vortrag am nächsten Tag aufbügeln sollte. Routinen sind also keineswegs bloße Formalismen, sie bewirken ganz lebenspraktisch eine Reduktion der Bewusstseinsspannung, um Raum für anderes zu lassen.

Routine des Alltags

Ritus und Ritual sind also Routinen des Alltags. Selbstverständlich handelt es sich bei religiösen Riten um eine ganz bestimmte Sorte alltagsweltlicher Routinen; sie greifen auf anthropologische Grundvollzüge zurück, die es in allen Kulturen gibt und die allgemein verständlich sind: sich waschen, kosmetisches oder medizinisches Salben, Essen und Trinken in Gemeinschaft, Licht anzünden, wenn es dunkelt. Darin mag der Grund liegen, warum Rituale uns „berühren“: sie spielen mit dem, was uns absolut vertraut ist, um uns zu überführen zu dem, was uns gänzlich unvertraut ist.

Routinen vermitteln solche Vertrautheit. Eben darin liegt ihr sozialer Sinn: Sie zeigen den jeweils gerade begangenen Ausschnitt der Welt zuverlässig an. Wenn ich in dem üblichen Supermarkt meine Lieblingsschokolade suche, kann ich in der Regel davon ausgehen, dass sich sie an einer bestimmten Stelle im Regal finden lässt – jedenfalls bin ich sauer, wenn das nicht der Fall ist. Wenn ich auf dem Weg zur Arbeit immer eine bestimmte Route benutze, gehe ich davon aus, dass ich auch an diesem Tag auf diesem Pfad zu meinem Schreibtisch finden werde. Wenn ich allabendlich nach den Tagesthemen ins Bett zu gehen pflege, kann deren  Verschiebung im Programm erhebliche Konsequenzen für meinen Schlafhaushalt mit sich bringen.

Symbolische Alltagsroutine

Symbole zeigen etwas von außerhalb an, etwa aus der Welt des Traumes, oder der Welt des Unbewussten oder der Religion. Symbole verweisen in diesem Sinne auf Transzendentes, auf etwas, das die Alltagswelt überschreitet, wie z.B. die rote Rose, die mein Mann mir als Ausdruck seiner Liebe verehrt. Sie machen das, was alltagsweltlich nicht unmittelbar sichtbar ist, zeigbar, benennbar, begreifbar. Und noch mehr: Symbole verweisen nicht nur auf etwas anderes, sie transportieren die Wirklichkeit des Anderen.

Was für Symbole gilt, beschreibt auch das Wesen von Ritualen, denn Rituale verwenden ganz offensichtlich Symbole; mehr noch: Riten sind die kommunikativen Handlungsformen, die Vollzugsformen von Symbolen. Die Handlung selbst ist Symbol. Riten sind symbolische Routinen des Alltags, die einen Übergang in Transzendenz vollziehen. Was heißt das konkret? Idealerweise ist der Mensch, der an einem Ritual teilnimmt, am Ende nicht mehr derselbe, der er zuvor gewesen ist. Durch ein Ritual wird er transformiert und nachhaltig verändert. Aus einem Novizen ist ein Mönch geworden, aus der Gestorbenen eine Bestattete, aus dem ledigen ein verheirateter Mann, aus der Promovendin eine Doktorin.

Absolute Bewusstseinsreduktion

Ein Ritual verhält sich wie eine alltagsweltliche Routine: In der ständigen Wiederholung kann die Bewusstseinsspannung reduziert und die Aufmerksamkeit verschoben werden. Aber: Rituale unterscheiden sich auch von alltäglicher Routine, und zwar in der Art, wie sie eine Bewusstseinsreduktion vornehmen. In der Alltagswelt wird durch Routine der Bewusstseinsfokus verschoben: wenn ich immer denselben Weg zur Arbeit nehme, ein völlig routinierter Vorgang über den ich nicht nachdenken muss, kann ich zum Beispiel schon gedanklich die anstehende Konferenz oder meinen Urlaub planen.

Im religiösen Ritual wird der Bewusstseinsfokus allerdings nicht einfach verschoben (idealerweise zumindest nicht; Im Gottesdienst sollte ich mich nicht damit befassen, ob ich das Bügeleisen wirklich ausgeschaltet habe, oder wie ich den nächsten Workshop gestalten werde…). Der Fokus wird folglich nicht einfach verschoben, sondern grundsätzlich reduziert. Es findet eine „generelle Defokussierung“ (Eberhard Hauschildt im Anschluss an Thomas Luckmann u. Alfred Schütz) statt. Das heißt: Nicht mehr das Ich, das Subjekt steuert, sondern die symbolische Handlung in ihrer Form. Die Handlungsabläufe des Einzelnen werden von den Beteiligten nicht einfach aufgelöst, oder versteckt, sondern aus einer anderen Perspektive wahrgenommen: Als Teil des Ganzen.

Rituale machen das Leben leichter

Ritualen ist ein gewisser institutioneller Charakter eigen. Die Form der Handlung ist gruppenspezifisch normiert sowohl im größeren gesamtgesellschaftlichen oder religiösen Kontext wie z.B. Universität oder Kirche, als auch teilgesellschaftlich wie etwa in Jugendszenen oder unter Fußballfans.

Wir lieben Rituale, weil sie unser Leben einfacher machen, ja weil sie lebensnotwendig sind. Denn wir müssen uns nicht in all unserem Handeln – zumal in individuell heiklen Situationen – immer neu erfinden, sondern können religiös und gesellschaftlich auf bewährte rituelle Handlungsmuster zurückgreifen. In Ritualen wird der Übergang vom Alltäglichen ins Außeralltägliche gestaltet: wenn ein Mensch geboren wird, wenn er stirbt, wenn sich zwei Menschen miteinander verbinden. Rituale nehmen bei der Überwindung solcher lebensweltlicher Grenzen eine wichtige Funktion ein, denn sie sichern das Subjekt, das diese Grenze überschreitet und auch seine Umwelt, die diesen Übergang begleitet. Rituale sind reizvoll, weil man die Gestaltung dieser Übergänge nicht immer wieder neu aus sich heraus erfinden muss, sondern die Form der Handlung eines Rituals diese Umwandlung steuert, den Einzelnen sozusagen mit auf den Weg nimmt.

Banal können sie wirken, wenn die ihr zugrunde liegende Handlung um ihrer selbst willen ausgeführt wird oder wenn es einfach keinen tiefer liegenden, transzendenten Sinn gibt, der erfahrbar werden könnte – eine Problematik vieler, neu designter religiöser und profaner Rituale.

Wir lieben Rituale schließlich, weil sie unserem Leben einen „anderen Sinn“ verleihen, es transzendieren. Die Sehnsucht, dass mein Leben einen Sinn hat, der über das Faktische, das reell Greifbare hinaus geht, dass es sich nicht erschöpft in Geld verdienen und Geld ausgeben – sondern der sinnenfällig macht, dass es ein „Mehr“ im Leben gibt.

nach obeN

   
 

Im Interview:
Dorothee Echter
Bild: photocase.com
© Falko Matte

 

 
   

 

Dorothee Echter ist als Topmanagement-Beraterin weltweit tätig. Zuvor war die Diplom-Soziologin selbst über 20 Jahre lang Managerin in vier internationalen Companies, u.a. im Siemens- und Swiss-Re-Konzern. Sie verfügt über ein exklusives, erfahrungsbasiertes Wissen, was das Topmanagement als Klasse für sich ausmacht, wie Einfluss wächst und Erfolg entsteht. Ihr Buch „Rituale im Management“ erschien 2003 im Vahlen Verlag.  
   

 

  Rituale im Management

Interview mit Dorothee Echter

Wie definieren Sie Ritual?
Rituale sind allgegenwärtige, verbindende, Sinn stiftende soziale Akte, die nach bestimmten Regeln ablaufen. Menschen können nicht ohne Rituale leben, sie reduzieren die Komplexität der Welt, sie vermitteln Bedeutsamkeit, sie beruhigen und entlasten von unangenehmen Gefühlen und stellen Gemeinsamkeit her.

Wo sind Rituale wichtig, wo kommen sie vor?
Unser Alltag ist voller Rituale, Rituale sind der menschliche Seinsmodus, im Beruf, Sport, in Kunst, Politik, Familie, Wirtschaft.

Warum sind Rituale so wichtig?
Rituale sind so wichtig, damit wir nicht ständig über die einfachsten Dinge nachdenken und entscheiden müssen. Das würde bei der Komplexität, die uns umgibt, und unserer angeborenen Instinktschwäche als menschliche Wesen viel zu lange dauern.

Wir könnten nicht zusammen leben ohne Rituale, uns fehlte die Orientierung. Wie würden wir  sonst erkennen, wer Freund oder Feind ist? Wie wüssten wir, wie wir uns gegenüber Mächtigeren, Helfenden, bedrohlichen Individuen, Schutzbedürftigen oder Verhandlungspartnern verhalten sollen? Wie in eine Gruppe einfügen?

Rituale geben unserem Tun Sinn; wir wissen, wie wir etwas tun müssen und dass es so richtig ist und akzeptiert wird und weiter führt. Tiere haben ihren Instinkt, Menschen haben Rituale. Die englische Sozial-Anthropologin Mary Douglas sagte, Rituale sind für das Zusammenleben wichtiger als Sprache für die Kommunikation.

Spielen Rituale im Ablauf Ihres Berufsalltags eine Rolle?
Ja, natürlich. Wir machen zum Beispiel jeweils montags ein Vorstandsmeeting. Das ist unsere Form, wie wir uns austauschen, und es funktioniert halbwegs. Stellen Sie sich vor, sie müssten als Managerin jede Minute Ihres Tages neu entscheiden: Lohnt sich für dieses Thema 37 von 200 Themen  ein Meeting? Müssen das alle wissen? Will ich darüber nur informieren, will ich eine Diskussion zulassen, hat das noch Zeit bis Dienstag, soll ich lieber eine Mail senden, oder ist es ein Thema für ein Zweiergespräch? Interessiert mich eigentlich die Meinung der Anderen dazu oder nur die Meinung der Hälfte der Teilnehmer? Wenn ich alle meine Themen zusammen stelle, wäre es dann besser, mündlich, schriftlich, bilateral oder in der Gruppe zu kommunizieren?

Sie würden niemals mit Ihrer Arbeit fertig. Dazu ist ein Ritual gedacht. Alle mögen das Meeting hassen, es für Zeitverschwendung halten, aber es erfüllt seinen systemischen, sozialen Zweck: Man muss nicht weiter nachdenken und entscheiden.

Das ist unsere gewohnte Form des Austauschs. Wir kommen zusammen und reden in einer bestimmten Form miteinander, alles sortiert sich. Wenn man dann so ein Meeting beobachtet, merkt man, wie sich eine Zugehörigkeit und Identität stiftende Dynamik entwickelt: Man schwingt sich aufeinander ein, Fronten und Koalitionen werden erwartbar gebildet, jeder findet seine gewohnte, Sicherheit gebende Rolle, als Provokateur, als Integrator, als Leiter, als Kritiker, als Treiber, als Ideengeber. Ein solches Ritual ist auch dann gut, wenn kein Ergebnis erzielt wird, und sogar, wenn man sich im Ärger trennt. Man weiß, nächsten Montag geht es weiter. Man gehört zusammen.

Sind Rituale Codes, die nur von „Eingeweihten“ verstanden werden, und damit eine bewusste Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen?
Es gibt bei Ritualen fast nichts, was es nicht gibt, aber sie erfüllen immer ihre orientierende, entlastende Funktion. Rituale sind extrem vielfältig und wandelbar, je nach Entstehungsgeschichte, Zweck, kultureller Einbindung.

Ob die Codes von anderen verstanden werden oder nicht, ist für die Definition „Ritual“ unwichtig. „In-group-Rituale“, wie bestimmte Erkennungsriten unter Jugendlichen, haben gerade Abgrenzung zum Zweck. Ihr Sinn liegt darin, dass sie von Erwachsenen nicht verstanden oder abgelehnt werden, während die Inaugurationsfeiern der US-Präsidenten dazu gemacht sind, dass alle Codes von allen verstanden werden. 

Sprechen Rituale tiefere Schichten unserer Gefühlswelt an als
gewöhnliche Kommunikation?
Wenn Sie die sogenannte gewöhnliche Kommunikation genau betrachten, werden Sie feststellen, dass sie sehr viele Ritualisierungen enthält: Begrüßungen, Abschiede, Zeichen der Wertschätzung, die Symmetrie der Körpersprache, die unterschiedlichen Redeanteile von Stärkeren und Schwächeren etc.

Reine Information kann unser Gehirn gar nicht verarbeiten, es gibt zu viele unterschiedliche Bedeutungen jeden Wortes, jeden Satzes. Rituale interpretieren die reine Information so, dass wir sie verarbeiten können, weil sie die Beziehung definieren. Der Satz des Produktionschefs zum Geschäftsführer – „Die Lagerfläche reicht nicht“ – bedeutet gar nichts, außer dass die Lagerfläche nicht reicht. Der Satz ist redundant und wäre für den Geschäftsführer ohne Ritualisierung nicht zu verstehen. Na und?

Was meint der Mann? Führt er Selbstgespräche? Will er was von mir? Schwärzt er die Logistik an? Was soll ich mit dieser Information? Erst wenn man das Ritual versteht, wird der Satz klar. Das Ritual der beiden Gesprächspartner könnte z.B. sein: Der Produktionschef hat die Rolle des Kritikers, der Missstände aufdeckt, der Geschäftsführer ist derjenige, der überlegt entscheidet.

Dann ist dieser Satz ein Appell zu entscheiden, zum Beispiel über größere Lagerflächen. Oder das Ritual ist: Unser Gesprächseinstieg ist immer ein kleiner Streit. Dann bedeutet dieser Satz den ersten rituellen Zug und der Geschäftsführer wird empört einsteigen. Es gibt viele Möglichkeiten, die Bedeutung wird erst klar, wenn wir das Ritual verstehen. 

Wie verhindert man, dass Rituale äußerlich erstarren oder innerlich hohl werden?
Das ist nötig, aber schwer! Versuchen Sie einmal, eigene, persönliche Rituale zu verändern, die erstarrt oder sinnlos geworden sind, wie z.B. das abendliche „Entspannungs-Fernsehen“ in ein Yoga-Ritual zu verwandeln, oder – als Managerin – ein „Um-sechs-Uhr-ist-Schluss-mit-Arbeiten-Ritual“ einzuführen.

Veränderung ist aufwändig und es gibt viele innere Widerstände. Das Ritual erscheint als sinnlos, hat aber nach wie vor seine gute Funktion. Wenn Gruppen-Rituale ihre entlastende und positive Wirkung allmählich immer mehr verlieren, gibt es meist aufmerksame und mutige Vorreiter, die sie in Frage stellen, und es gibt immer Widerstand, und meistens dauert es länger als gedacht. Die Rebellinnen und Rebellen tun gut daran, die positiven Wirkungen der alten Rituale – die es unzweifelhaft immer auch gibt – zu erkennen, zu würdigen, und klug, langsam, sensibel zu kompensieren. 

Sind Rituale eher typisch für eine Männerwelt?
Nein! Wieso?

Oder anders gefragt: Gibt es typisch männliche und typisch weibliche Rituale? Und unterschieden diese sich nur inhaltlich oder auch performativ, also in der Art der Anlage und Durchführung?
Wir müssen verstehen, dass in allen Kulturen und Gesellschaften Männlichkeit und Weiblichkeit nur durch Rituale definiert ist. So haben Sie als Fragesteller nur durch die Rituale in Ihrem relevanten sozialen Kontext eine Vorstellung davon, was weiblich und männlich ist. Jenseits dieser Rituale, die Sie erleben, gibt es keine Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit.

Rituale selbst definieren den „weiblichen Charakter“ oder die „männliche Natur“, von Jugend an, im Selbstbild, als soziale Rolle, als Erscheinungsbild nach außen. Die Hardware – Körper, Hormone etc. – erzeugt keine spezifische Identität, kein Selbstbild oder Selbstgefühl, und damit auch keine weiblichen oder männlichen Rituale. Diese werden sozial, durch Spiegelung und Interaktion, geformt.

Die Überzeugung, was die „Natur“ von Mann und Frau ist, ist deshalb so unterschiedlich im israelischen Militär, in einem kurdischen Dorf, im amerikanischen Management, in einer nigerianischen Stadt, in einer Chicagoer Jugendbande, in einem Essener Segelclub.

Was in einer Gesellschaft typisch weiblich ist, gilt in einer anderen als männlich, und in einer dritten weder/noch. Laut oder leise zu sprechen, in kleinen oder großen Gruppen zu essen, sich unterlegen oder überlegen zu fühlen, die Ernährung der Familie als Aufgabe zu akzeptieren, als Mann vor oder hinter der Frau zu gehen, unter sich zu bleiben oder sich mit dem anderen Geschlecht zu zeigen, raumgreifend oder eng zu sitzen: Das alles sind Elemente von Ritualen, die in einer spezifischen Kultur das Weibliche oder Männliche bestimmen, aber für sich genommen weder männlich noch weiblich sind.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Ritual und Körpersprache?
Körpersprache hat, im Unterschied zu Ritualen, universelle Elemente. Lächeln, schnelle Armbewegung von oben nach unten, Zusammenkneifen der Augen, eine gebückte Haltung – das alles wird überall sofort verstanden.

Andere Elemente von Körpersprache sind kulturspezifisch, z.B. die körperliche Nähe und Distanz, die man im Gespräch herstellt, oder der Winkel, in dem man beieinander steht. Die meisten Rituale verlangen eine genau definierte Körpersprache, wie die Sitzordnung von Verhandlungspartnern, ein gemeinsames Essen zum Projektabschluss, ein Krankenbesuch oder ein Kritikgespräch. 

Eines Ihrer Spezialgebiete sind Rituale im Management. Welche Rituale gibt es in der Wirtschaft, in Unternehmen, im Management?
Die Arbeitswelt ist voller Rituale, wie unser gesamtes Leben: Meetings, Statusinszenierungen, Verhandlungsrituale, Flurgespräche, Seminare, Präsentationen, Arbeitstechniken, Begrüßungen und Verabschiedungen, Telefonkonferenzen, Gesprächsabfolgen etc.

So wie überall sonst auch, gibt es in meinem Arbeitskontext, der Topmanagement-Beratung, zum einen Rituale als herausgehobene, einmalige Inszenierungen, wie z.B. ein Fest zum Zusammenschluss zweier Firmen. Sehr viel öfter zeigen sich Rituale aber als sich wiederholende Abläufe, etwa Begrüßungen und Abschiede, Management-Meetings, bestimmte Umgangsformen oder Präsentationsgewohnheiten. Die Summe der Rituale zeigt die Kultur einer Gesellschaft oder Gruppe.

Wie ritualisiert man etwa Führungsanspruch, Abwertung, Zugehörigkeit oder Macht?
Rituale sind lebensnotwendig und entstehen meist ungeplant zwischen Menschen, die wenigsten sind bewusst gestaltet. Sie sind für sich genommen weder positiv noch negativ. In meinem Buch zeige ich Wege, wie das Management die Kraft von Ritualen auf gute Weise gestalten und nutzen kann.

Führungsanspruch und Macht sehe ich als notwendige, weil orientierende, soziale Funktionen. Sie werden durch Rituale dann positiv verstärkt, wenn die Rollen des Führenden und des Geführten deutlich gemacht werden und jeder darin für sich einen positiven Sinn und eine gewisse Gestaltungsfreiheit findet. Solch ein Ritual ist ein von der Vorgesetzten moderiertes Brainstorming oder ein Entscheidungsprozess mit klaren Regeln und Respekt.   

Was sind beeindruckende und erfolgreiche Rituale in Unternehmen? Können Sie uns Beispiele nennen?
Wenn ein Unternehmen für alle gekündigten Mitarbeiter einen Rahmen definiert, in dem wertschätzende Worte und ein guter Abschied üblich sind, ohne jede Kritik. Wenn in jedem Meeting Lob und Anerkennung ausgesprochen werden. Wenn jeder kleine Erfolg visualisiert und benannt wird. Wenn die Vergangenheit gewürdigt und gefeiert statt abgewertet und vergessen wird. Wenn Mitarbeitende geehrt werden und man eine Kultur der Laudatio bei Jubiläen pflegt. Wenn gute Ideen belohnt werden.

Warum sind Rituale gerade für Unternehmen so wichtig?
In meinem Buch begründe ich, warum die Qualität der Rituale heute wichtiger ist als die Qualität der Führungskräfte. Rituale strahlen aus, ohne Geld zu kosten. Wenn es die Gewohnheit ist, stets zu kritisieren, in Ritualen wie Kritikgespräche, Feedbackrunden, Assessment Centers, negatives Reden über Dritte auf dem Flur und so fort, dann gehen die Menschen in Distanz und fühlen sich schlecht, und zwar nicht nur die Kritisierten, sondern auch die Kritiker selbst.

Ein Klima von Angst und Widerstand hemmt die Lust zu handeln. Rituale müssen so gestaltet werden, dass die besten Ergebnisse mit den vorhandenen Ressourcen, sprich den Menschen, erzielt werden können. Und die gibt es nur mit guter Stimmung, Vertrauen und Mut.

Inwiefern sind sie entscheidend für den Erfolg eines Managers und damit des Unternehmens?
Stimmungsrituale korrelieren direkt mit Karriereerfolg und mit guten Unternehmensergebnissen. Es gilt heute als erwiesen, dass Vertrauen, Optimismus und eine positive Ausrichtung, zusammen mit Konsequenz, erfolgreich macht, keineswegs Druck, Kritik und Angst. Weil auch Managerinnen und Manager Stimmungsschwankungen unterliegen, müssen die richtigen Rituale die emotionale Ausstrahlung stabilisieren.

Ein sehr gutes Beispiel sind Dankbarkeitsrituale. Wenn sich ein Manager zur Gewohnheit macht, jeden Tag zu danken, dann realisiert er, wie viele Menschen seinen Zielen dienen und ihn unterstützen. Wenn er keine Dankbarkeitsrituale entwickelt, fehlt ihm dieser Blick und er schreibt alle Erfolge sich selbst zu.

Das sind die Manager, von denen wir hören: „Es gibt nichts zu danken, das habe ich alles nur meiner eigenen Leistung zu verdanken.“ Mit Ritualen kann ich mich selbst und meinen Blick auf die Welt, mein Verhalten, aber auch das Verhalten anderer effektiv beeinflussen.

Ritualisierte Aufmerksamkeit und ritualisierte Anerkennung, Lob, Dank und Komplimente beeinflussen Menschen fast so stark wie spontanes Lob, spontane Anerkennung. Abwertende Rituale verschlechtern die Leistung, wertschätzende Rituale verbessern sie. Sprich: Lobt der Manager seinen Projektleiter für etwas, dass dieser noch nicht hundertprozentig beherrscht, so wird er es bald besser können.

Sie bezeichnen Intuition, Sympathie und Emotion als die Geheimnisse von Spitzenleuten, die eingefangen und ausgedrückt werden müssen in authentischen Ritualen. Was ist mit den Hard Skills wie Durchsetzungsvermögen, Know-how, Erfahrung, Wissensautorität?
Die Hard Skills kann niemand beurteilen, denn die Topmanagement-Tätigkeit ist dazu viel zu komplex, die Anforderungen wechseln in jeder Situation, die Skills sind interkulturell höchst unterschiedlich definiert.

Assessment Centers und klassische Evaluierungen versuchen zwar mit extremen Vereinfachungen weiterhin, diese Skills zu isolieren – ohne Erfolg. Skills im Topmanagement sind keine Hard Facts, nichts, das man feststellen könnte, sondern sie werden zugeschrieben, sind Teil der Reputation. Das bedeutet, eine gute Leistung ist im Topmanagement eine gut kommunizierte Leistung. Daraus folgt, dass Topmanager ihre Intuition schärfen und einsetzen müssen: Kann ich vertrauen? Kann ich andocken? Passen wir als Persönlichkeiten zusammen? Wo sehe ich Leidenschaft? Es geht hier schon lange nicht mehr darum, was einer kann, sondern was einer will. Wovon einer getrieben ist. Was seine Werte und Motive sind.

Welche Rolle spielen strategische Stimmungsrituale, wie Sie es nennen, bei der Inszenierung von Neubeginn und Abschied, von Erfolg und Misserfolg, von Dankbarkeit und Wertschätzung?
Ohne strategische Stimmungsrituale wären kein Neubeginn, kein Abschied als Startpunkte einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung möglich. Sie blieben zufällige Erlebnisse. Ein Vorstand, der eine Neuausrichtung beabsichtigt, muss starke Gefühle von Zuversicht, Begeisterung, Gemeinsamkeit aktivieren, in einem Ritual.

Erfolge müssen gefeiert werden, damit sie verstanden, zugeordnet und wiederholt werden können – und das ist es ja, was man will. Ein Misserfolg wird natürlich nicht inszeniert, sondern schnellstens vergessen. Hier geht es nur um die Ritualisierung von Verbesserungen. Dankbarkeit und Wertschätzung sind Eckpfeiler von Ritualen in Unternehmen.

Wie laufen diese Rituale ab?
Diese Rituale sind so unterschiedlich wie die Unternehmen, die Personen, die Situationen! Tradition und Kreativität sind gefragt. Klienten und Unternehmen machen gute Erfahrungen damit, Beratungskompetenz und Erfahrungen aus anderen Bereichen zu nutzen.

Verzichten Sie bewusst und ausnahmslos auf herkömmliche Rituale der Personalentwicklung wie Evaluierungen, Assessment-Center und Beurteilungsverfahren? Und wenn ja warum?
Im Topmanagement ja. Es geht hier nicht darum, mit vorgefertigten Anforderungskriterien jemanden zu bewerten. Ein Topmanager soll ja gerade eine neue Orientierung, einen neuen Geist, einen neuen Erfolg herstellen, mit Mitteln, die bis dato noch nicht versucht wurden und noch nicht bekannt sind. Er soll und darf sich nicht den Erwartungen und Kategorien anderer unterwerfen, sondern muss selbst originär Orientierung geben.

Etwas anderes ist es im mittleren Management, wo Anpassungsleistungen zählen. Deshalb ist der Schritt vom mittleren ins höchste Level so schwer, es ist ein dramatischer persönlicher Moduswechsel – von der Anpassung zum Eigenwillen.

Sie achten sehr auf innere Stimulatoren wie Lebensfreude, das eigene Anliegen oder den Selbstrespekt. Sie sprechen sogar von Beseelung.

Bitte erzählen Sie uns mehr davon, wie Sie nach Ihren langjährigen Erfahrungen als Kommunikatorin den Menschen sehen: Was treibt ihn wirklich an? Was liegt unter der Oberfläche? Was macht ihn froh, gibt ihm Lebensfreude? Hat er eine Seele? Lebt er in einer Gesellschaft, die diese Dimension des Seelischen vernachlässigt?
Diese Frage ist sehr komplex, philosophisch! Ich versuche, meinen Blick auf Menschen einfach darzustellen. Den Menschen treibt nach meiner Überzeugung an, das Gute in die Welt zu bringen. Davon kommt er mitunter durch verschiedenste Gründe ab, zum Beispiel Armut, Traumata, Verführung oder ähnlichem. Bringt er das Schlechte in die Welt, so macht ihn das nicht glücklich.

Topmanagerinnen und Topmanager sind getrieben durch ein starkes inneres Anliegen, Hindernisse, Störungen, Ablenkungen, Widersprüche, Schwierigkeiten, die sie erleben, zu überwinden, einen Idealzustand, den sie ersehnen, herzustellen. Dieses starke Motiv ist sehr individuell ausgeprägt, je nach den eigenen biographischen Erfahrungen und der eigenen Gabe.

Gelingt das, macht es glücklich. Auf ihrem Weg müssen Topmanagerinnen und Topmanager ihre Orientierung, ihre Gabe und ihre Lebensfreude immer wieder inspirieren und pflegen, um es nicht zu verlieren. Tun sie dies nicht, können das Größenselbst oder das Getriebensein die Oberhand gewinnen. Dann gibt es keinen guten Weg der Macht mehr. Lassen Sie mich zum Thema Seele lieber schweigen. Ich fühle mich nicht kompetent.

Wie würden Sie den Stellenwert von Ritualen in der katholischen und evangelischen Kirche einschätzen?
Sehr, sehr hoch!

Welche Rituale der beiden Kirchen sind für Sie überholt oder
überholenswert?
Dazu weiß ich zu wenig.

Sie kreieren selbst Rituale. Gibt es etwas, was Sie von den religiösen Ritualen gelernt, vielleicht sogar übernommen haben?Ich bin katholisch erzogen worden. Vielleicht kommt es daher, dass ich mitunter etwas streng auf der Einhaltung von respektvollen, aufmerksamen Umgangsformen bestehe? Das für mich sehr wichtige Topmanagement-Thema der Dankbarkeit stammt sicher aus dieser Vergangenheit. Von der Zen-Praxis habe ich übernommen, regelmäßig still zu sitzen und den Geist zur Ruhe kommen zu lassen, und dies auch in einer angemessenen Form meinen Klienten zu empfehlen.

An welche christlichen Rituale aus Ihrer Kindheit erinnern Sie sich besonders stark? Welche haben einen großen Eindruck auf Sie gemacht?
Die Fronleichnamsprozession, das individuelle Gespräch mit unserem Pfarrer, Begräbnisse.

Drei Fragen zum Schluss: Glauben Sie an Gott?
Ja.

Sind Sie in der Kirche?
Nein.

Was meinen Sie, hätte sich das Christentum ohne Rituale zu einem weltumspannenden Glauben entwickeln können?
Natürlich nicht!

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„Was zeichnet überzeugende Menschen aus? Aus welcher Quelle schöpfen sie, um andere zum Christsein zu motivieren? Gehört zum Führen auch Schauspielerei? Was motiviert Menschen eigentlich zu großen Zielen? Was macht einen Führungsspieler aus und was eine ‚burning person‘? Und was ist eigentlich religiöse Überzeugungskompetenz?“

Einige Fragen, dreizehn Antworten.

 
         
         
 

„Welche Rituale lieben Kinder und welche eignen sich, um Demokratie zu erlernen? Wie wichtig sind Rituale für die Entspannung und was haben sie mit frohen und inspirierenden Tagen zu tun? Welche Rituale gibt es im Sport und welche pflegen Fußballfans ganz besonders? Was hat eigentlich Spenden mit Ritual gemeinsam?“

Einige Fragen, dreizehn Antworten.

 
         
   
   
   

STATEMENT
Simin Alvandi, Erzieherin

Menschen brauchen Rituale und Kinder brauchen sie ganz besonders. Immer wiederkehrende Abläufe geben ihrem Leben Struktur, schenken ihnen Geborgenheit, Halt und stärken Ich- und Wir-Gefühl.
Der Alltag mit Kindern wird durch Rituale enorm erleichtert. Denn alles, was regelmäßig wiederkehrt und stets nach dem gleichen Schema abläuft, akzeptieren Kinder leichter. ...
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STATEMENT
Rolf Pitsch, Borromäusverein e.V.

„Warum denn schon wieder dieses Buch?“ Diese Frage kenne ich sowohl von mir selbst aus der Zeit, in der die eigenen Kinder sich noch vorlesen lassen wollten. Ich kenne sie aber gerade auch aus der Arbeit in der Bücherei. Dort, in einer wohnortnahen Katholischen öffentlichen Bücherei, versuchten vor allem Väter ihren Kindern das Ausleihen eines bereits vielfach vorgelesenen Bilderbuches auszureden. ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Marjan Rosetz, Studienberater

Die Thematik ritualisiertes Handeln erzeugt bei den meisten Menschen negative Assoziationen. Hauptsächlich verbindet die Mehrheit damit Verhaltensnormen, die die persönliche Freiheit einschränken und von außen oktroyiert werden. Man bedenke da nur das immer noch häufig praktizierte, allmorgendliche Aufstehen der SchülerInnen in der Schule,...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Dirk Michalowski, Fanbeauftragter des VfL Bochum

Rituale spielen bei Fußballfans eine ganz besondere Rolle. In der Regel beginnt jeder Spieltag immer mit denselben Tätigkeiten. Man zieht sich die gleichen Fanutensilien an und auch die Reihenfolge der angezogenen Utensilien, spielt bei Fans eine große Rolle. Ich kenne Fans in Bochum, die jeden Samstag die gleichen „Heimspielbrötchen“ beim „Heimspielbäcker“ holen ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Frank Röller, Autor

Die Rituale, die den Sport anreichern, setzen in den meisten Fällen den Glauben an Kräfte voraus, die im Prinzip ohne Vermittlung durch eine göttliche Instanz, also allein durch sich selbst, wirken. Sie wollen Gutes aktiv herbeiführen und Schlechtes abwehren, dabei spielt das Bewusstsein manchmal, das Unbewusste immer mit. ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Uwe Wagner, Physiotherapeut

Als Entspannungstherapeut beziehe ich mich in meinem Statement auf Entspannung als Ergebnis einer Entspannungsübung. Entspannung ist ein Jungbrunnen für Körper, Geist und Seele: verspannte Muskeln lösen sich, die Gedanken kommen zur Ruhe und die Seele findet ein wenig Frieden. Wichtig und wesentlich für eine Entspannungsübung sind viele Aspekte, die auch für ein Ritual bedeutsam sind. ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Dirk Brall, Herausgeber FROH!-Magazin

Schöne Tage haben sehr viel mit Ritualen zu tun … frei haben, nicht arbeiten, lange frühstücken, Pausen machen, spazieren gehen, Familienbesuche … jeder gestaltet das individuell und schafft dadurch seine eigenen frohen Rituale. ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Marion Greve, Pfarrerin

Rituale nehmen unser Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit auf. Für besondere Situationen im Leben, für Übergänge im Leben haben die christlichen Kirchen bestimmte sich wiederholende Handlungsformen entwickelt. ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Dr. Klaus M. Wackernagel, Psychoanalytiker

Für den religiösen, der Tradition verpflichteten Juden sind der Alltag ebenso wie der Shabbat und die Feiertage durchtränkt von rituellen Handlungen. Handlungen wie das Händewaschen, das Getränk, das Essen und vieles andere, vor allem freudige Erlebnisse des Alltags, ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Alexandra Kurth, Autorin

Als ich im Wintersemester 1990/91 mit dem Studium begann, war ich von den vielen Grüppchen bunt bemützter und bebänderter Verbindungsstudenten überall in der Stadt zutiefst irritiert. In Marburg – so schien es zumindest – war es per Aufzug möglich, geradewegs ins 19. Jahrhundert zu reisen. ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Manfred G. Nicht, Oberstudiendirektor i.K.a.D.

Studentenverbindungen prägen seit jeher die akademische Landschaft Deutschlands. Das Lebensbundprinzip verbindet Studenten (Aktivitas) und Absolventen von Hochschulen (Altherrenschaft) aller Generationen miteinander. ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Frank Wannof, Trauerbegleiter

Abschied und Trauer gehören zum Leben. Dies ist eine Binsenweisheit. In unserer modernen Gesellschaft, in der Leistung und „Gut-drauf-sein“ zählen, sind sie weitgehend ein Tabu. ...“ weiter »

   
   
   

STATEMENT
Dr. Kerstin Gernig, Herausgeberin „bestattungskultur“

Rituale sind Gesten und Handlungen, über die wir nicht nachdenken müssen, da wir mit ihnen sozialisiert worden sind. Sie werden von Generation zu Generation tradiert, da sie sich in entscheidenden Situationen bewährt haben. Der Handschlag beim Ritual der Begrüßung oder des Abschieds zeigt, dass ...“ weiter »

   

 

 

 
Text: Simin Alvandi  
Simin Alvandi, geboren 1958 in Teheran/Iran, studierte vier Semester Sportwissenschaft an der Teheraner Universität, bevor sie 1984 nach Deutschland übersiedelte.

 
   

 

 

 

„Warum Kinder Rituale lieben.“

Menschen brauchen Rituale und Kinder brauchen sie ganz besonders. Immer wiederkehrende Abläufe geben ihrem Leben Struktur, schenken ihnen Geborgenheit, Halt und stärken Ich- und Wir-Gefühl.
Der Alltag mit Kindern wird durch Rituale enorm erleichtert. Denn alles, was regelmäßig wiederkehrt und stets nach dem gleichen Schema abläuft, akzeptieren Kinder leichter. So lassen sich auch Regeln des Zusammenlebens und tägliche Pflichten ritualisieren.

Auch wir erinnern uns bestimmt noch an ganz besondere Rituale, wie z.B. das Abendgebet, die Gute-Nacht-Geschichte, die Schokolade, die es nur bei Oma gab. Solche Erinnerungen sorgen auch bei uns Erwachsenen für angenehme Gefühle und lassen uns gerne an diese Zeit zurückdenken.

Noch mal und noch mal und noch mal... auch wenn es manchmal an den Nerven zehrt, Wiederholungen sind für Kinder wichtig. Hören sie wochenlang die gleiche Pipi-Langstrumpf-Geschichte oder das gleiche Lied, ist das ein Zeichen für ihr Bedürfnis nach Struktur und Sicherheit. Beunruhigende, neue Erfahrungen werden auf diesem Weg verdaut. Darum lieben Kinder Wiederholungen, denn damit lernen sie schon als Kleinkinder, die Welt zu ordnen und zu verstehen. Sie helfen Ihnen, innere und äußere Ordnungsstrukturen zu entwickeln.

Rituale haben auch eine große Bedeutung für das soziale Verhalten. Sie helfen Kindern, sich in eine Gruppe einzufügen, Ängste und Unsicherheiten zu überwinden, Brücken zu bauen, Krisen zu überstehen, Verbindungen herzustellen.

In der Montessori-Pädagogik sind feste Abläufe, d.h. Rituale, an der Tagesordnung. So stabilisieren sich bei den Kindern viele Handlungen und sie nehmen diese problemlos in ihren Tagesablauf auf. Sie bilden Eckpfeiler des Jahresablaufes, strukturieren das tägliche Miteinander, geben Kindern, Eltern, Erziehern Orientierung und Sicherheit und helfen bei der Konfliktlösung. Maria Montessori sieht die Kinder als eigenständige Persönlichkeit.

Ein wichtiger Schwerpunkt dabei ist die Freiheit der Aktivität des Kindes. Dies zeigt sich durch einen respektvollen Umgang mit Freiheiten innerhalb bestimmter Regeln und Rituale. So hat das Kind die Möglichkeit, seine Beschäftigung, ob allein oder gemeinsam, selber auszusuchen, durchzuführen und eigenständig mit Hilfe der Fehlerkontrolle eventuell nach bestehenden Fehlern zu suchen. Hierbei werden unsere Kinder, auch in völlig alltäglichen Verrichtungen, im Andenken an einen der wichtigsten Lehrsätze von Maria Montessori – »Hilf mir, es selbst zu tun« – sehr ernst genommen.

Beispiel Händewaschen: Für Erwachsene ein ganz banales Ritual, für Kinder dagegen eine aufregende Reise durch eine ganze Welt, wenn diese in Teilschritte zerlegt wird: Ärmel hochkrempeln, Wasserhahn aufdrehen, heiß und kalt mischen, die Stärke des Strahls regulieren. Rituale können so spannend sein...

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Text: Rolf Pitsch  

Rolf Pitsch, Jahrgang 1957, verheiratet, drei Kinder, hat Germanistik, Publizistik, Buch-, Schrift- und Druckwesen in Mainz und München studiert, bevor er eine Journalistenausbildung beim Seibel-Institut absolvierte. Als Journalist hat er u.a. für den Rheinischen Merkur und bei der Bundeszentrale für politische Bildung gearbeitet. Pitsch war danach Leiter des Referates Presse/Verlagswesen in der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz tätig, seit 1996 ist er Direktor des Borromäusverein e.V. und Geschäftsführer der borro medien gmbh (Bonn).

 
   

 

 

 

„Warum ist das Ritual des Vorlesens für Kinder so wichtig und wie sollte man es pflegen?“

„Warum denn schon wieder dieses Buch?“ Diese Frage kenne ich sowohl von mir selbst aus der Zeit, in der die eigenen Kinder sich noch vorlesen lassen wollten. Ich kenne sie aber gerade auch aus der Arbeit in der Bücherei. Dort, in einer wohnortnahen Katholischen öffentlichen Bücherei, versuchten vor allem Väter ihren Kindern das Ausleihen eines bereits vielfach vorgelesenen Bilderbuches auszureden. Und immer wieder rief mich diese kleine Auseinandersetzung auf den Plan. Ja, lieber Vater, Mutter, Großeltern, Geschwister: Gerade kleine Kinder brauchen in bestimmten Lebensphasen bestimmte bekannte und vertraute Bücher, weil sie ganz eindeutig mit diesem Buch eine positive Erinnerung verbinden. Diese kann sich auf die Farben, den Text des Buches beziehen oder auf den Vorlesenden oder auch auf die Kuschelzeit mit dem Vorlesenden. Da gibt es eine Erinnerung, die das Kind immer wieder zu diesem Buch greifen lässt. Und diese eigene Aktion haben wir dann ernst zu nehmen! Und natürlich können wir als Vorlesende gerne zu ergründen versuchen, was denn das Faszinierende an diesem Buch ist. Und falls wir es finden, können wir entsprechend zusätzliche Lese- oder Medienangebote ins Spiel bringen.

Bücher bringen im Miteinander von Vorlesenden und Kindern sehr viel durchaus Unterschiedliches auf den Weg. Da ist einmal die Zeit, die gemeinsam verbracht wird. Und wenn diese Sondersituation gut genutzt werden soll, findet das Vorlesen am besten an einem angenehmen, wohligen und vor allem identischen Ort statt. Und zur Situation gehört auch eine ähnliche Uhrzeit. Diese Situationen können durchaus auch verschiedene sein. Nicht immer geht es um das abendliche Vorlesen, dass ja vielfach auch ein Reflexionsmoment zum Geschehen des Tages (ggf. mit einer entsprechend ausgesuchten oder erfundenen Geschichte) und einen Abschiedsgestus zur Nacht enthält. Lesen sollte für Kinder gerade in der frühen Einübung nicht zum Schlafen gehören. In meiner eigenen Vaterzeit mit kleinen Kindern gab es zum Beispiel den rituellen Besuch der Bücherei nach dem Gottesdienst und das anschließende Blättern und Lesen in den erstandenen Comics auf dem Wohnzimmerteppich.

Koffer packen und keine Bücher mitnehmen? Für mich eher unvorstellbar! Nicht nur, weil es immer eine freie Zeit bei einem Ferienwochenende oder dem Sommerurlaub geben könnte. Lesen in Büchern und Zeitschriften gehört zur Zeitgestaltung dazu und damit in das entsprechende Training. Die Beratung bei Packen der ersten eigenen Tasche für die Kinder umfasste also auch Bücher. Oder ins Ferienlager gab es das Angebot einer Bücherkiste an die Verantwortlichen. Und alles kam heil zu Hause an, manchmal etwas später, weil eine Freundin oder ein Freund (bei Comics) noch etwas mitgenommen hatte.

Vorlesen, zeitgleich nebeneinander lesen, Lesestoff einpacken: Es gibt noch mehr Einführungschancen, die ja alle – erst einmal ohne Blick auf den Inhalt – ein Ziel haben: Kinder sollen Lesen mit Attributen wie angenehm, bereichernd, spannend erleben: Ich mag meine Eltern und die lesen. Wenn dieser Erfahrungsschritt gelungen ist, ist die wesentliche Grundlage gelegt. Dabei helfen natürlich die in einer Wohnung anwesenden Lesemedien, die vielleicht sogar nicht nur in Regalen verteilt liegen, sondern an angenehmen Orten benutzt werden. Noch mehr wiegt das für Kinder hörbare Gespräch über Bücher. Die Eltern reden über Gelesenes, sie schenken ihren Freunde Bücher, sie besuchen mit Kindern Autorenlesungen, sie erzählen ihnen nach dem Kinobesuch, woher die Drehbuchvorlage kommt und lesen nochmals mit den Kindern nach.

Und all diese Aspekte gelten nicht nur für die kindliche Lesesozialisation. Die vorlesenden Erwachsenen lernen selbst noch einmal von vorne. Denn wenn sie sich einige Zeit nur für sich durch Texte mühten: Jetzt fragen die Kinder ihnen zu anderen durch den Text oder die Illustrationen assoziierten Fragen Löcher in den Bauch. Dinge, über die sich nie Gedanken machten. Und so kommen wir zum eigentlich wesentlichen Aspekt, warum Lesen als Kulturtechnik einen so hohen Rang hat, der ihm leider durch entsprechende Maßnahmen nicht ausreichend eingeräumt wird. Durch das Lesen haben der Einzelne – und im Gespräch über das Gelesene – und die lesende Gruppe die Möglichkeit, sich ihre sehr spezifischen Gedanken zu einem vorgegebenen Text zu machen, eigene Bilder zu entwickeln, Handlungen in Sachbücher zu überprüfen, Beziehungen in erzählenden Texten auf ihre Bedeutung im wahren Leben abzuklopfen. Dafür brauchen wir diese Technik. Und das Lesen in Büchern hat darüber hinaus noch haptische Bedeutungen: Den Worten kann ich mit dem Finger nachfahren, Seiten (möglichst angenehmen Papiers) können ohne fremde Hilfe umgeblättert werden. Nicht zu vergessen: Lesemedien bieten neben der Buchstabenwiedergabe ästhetische Entwicklungsdimensionen.

Damit Lesen mit und für Kinder besser gelingen kann, müssen an drei Ecken wesentliche Verbesserungen erreicht werden:

  • Erziehende müssen das Sabbatparadox begreifen: Zeit hergeben heißt Zukunft gewinnen. Wer Zeit für das Einüben in die Lesetechnik investiert, gestaltet Zukunft. Und diese Zeit müssen wir gesellschaftlich den Erziehenden einräumen. In Zeitbudgets z.B. für Erzieherinnen müssen sie also verstärkt festgeschrieben werden.

  • Vorlesen ist weiblich und männlich. Dass Männer diese Tätigkeit eher als typisch weiblich ansehen und lieber mit Kindern „draußen spielen“, zeigt eine neue Studie der Stiftung Lesen. In den Rollenveränderungen der Geschlechter ist hier dringend Veränderung geboten, sonst gewinnen Jungs nur Geschwindigkeit auf der Bildungsverliererbahn.

  • Die lokalen Infrastrukturen des Lesens in Büchereien und Kindergärten sowie Förderungseinrichtungen und Vernetzungseinrichtungen müssen durch staatliche Rahmenbedingungen in die Lage versetzt werden, langfristige Arbeit leisten zu können. Öffentliche Büchereien dürfen nicht länger „freiwillige Leistungen“ sein und Leseförderungskampagnen oder die Ausbildung von Lesepaten benötigen eine Grundsicherung durch die öffentliche Hand, neben den Mitteln der Wirtschaft. Und wenn die Kirchen zum kulturellen Angebot unserer Gesellschaft weiter beitragen wollen, stehen ihnen dazu durch entsprechende Investitionen in die vorhandene Infrastruktur alle Türen offen.

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Text: Marjan Rosetz  

Marjan Rosetz, Marjan Rosetz, geboren 1976 in Northeim/ Niedersachsen, hat ein Lehramtsstudium in Gießen und Frankfurt am Main absolviert. Während seines Studiums arbeitete er auch am Thema „Demokratie lernen durch Rituale und Regeln“.



 
   

 

 

 

„Können Kinder Demokratie durch Rituale erlernen?“

Die Thematik ritualisiertes Handeln erzeugt bei den meisten Menschen negative Assoziationen. Hauptsächlich verbindet die Mehrheit damit Verhaltensnormen, die die persönliche Freiheit einschränken und von außen oktroyiert werden. Man bedenke da nur das immer noch häufig praktizierte, allmorgendliche Aufstehen der SchülerInnen in der Schule, wenn die Lehrperson den Klassenraum betritt. Kann ritualisiertes Handeln jedoch auch das Gegenteil bewirken? Kann es Demokratieverständnis internalisieren und demokratische Strukturen im Zusammenleben fördern?

Ein wesentlicher Wert der Demokratie ist, dass jeder in einer Gemeinschaft an dieser partizipieren und seine Meinung äußern darf. Schaut man sich das Zusammenleben in kleinen, wie großen Gemeinschaften an, so scheint sich dieses jedoch meistens eher nach darwinistischen, als nach demokratischen Prinzipien zu vollziehen – ein paar dominante „Alpha-Tiere“ bestimmen das Geschehen und der Rest folgt und schweigt.

Ein in der Schule mittlerweile häufig angewendetes Ritual, um demokratische Kommunikation zu gewährleisten und zu internalisieren ist das des regelmäßig stattfindenden Gesprächskreises mit demokratischen Kommunikationsregeln.

In der Grundschule wird hierbei oft ein „Redestab“, oder „Redestein“ verwendet. Wer diesen hat, darf frei seine Meinung zu unterschiedlichen Thematiken äußern und niemand anderes darf dem „Stabhalter“ ins Wort fallen, oder Kritik äußern, so lange er diesen nicht weitergibt. Dies gewährleistet, dass auch die Schwachen und Schüchternen zu Wort kommen und an der Gemeinschaft partizipieren können, die sonst eher von den Wortführern klein gehalten werden.

Eine Ausweitung dieses Rituals ist, dieses mit regelmäßigen Klassenkonferenzen zu verbinden bei denen demokratisch abgestimmt wird, wie der weitere Unterrichtsverlauf in der nächsten Zeit sein soll.

So kann als Ritual zu Wochenbeginn jeden Montag eine solche Konferenz einberufen werden, bei der sich die SchülerInnen über die Unterrichtsgestaltung der kommenden Woche  mit der Lehrperson beraten und über diesen abstimmen. Es ist nämlich keineswegs so, dass der Unterricht  einzig und allein von der Lehrperson vorzugeben ist.

Zwar geben Lehrpläne Vorgaben über den fachlichen Inhalt des Unterrichts und eine Norm über den Wissensstand zum Ende jedes Schuljahres, jedoch können Lehrmethoden und Wochenverläufe durchaus innerhalb dieses Rahmens von den SchülerInnen selbst bestimmt werden (so fern die Schule dies zulässt…).

So können Rituale und ritualisiertes Handeln durchaus demokratisches Denken und Handeln fördern.

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Text: Dirk Michalowski  

Dirk Michalowski,Jahrgang 1971, ist schon seit frühester Jugend glühender Anhänger des Fußball-Bundesligisten VfL Bochum. Im Jahre 1991 trat er dem Fanclub "Die Treuen" bei und wurde nach 18 Monaten dessen Vorsitzender und zugleich in den Fanrat des VfL Bochum gewählt. 1997 wurde Michalowski, der besser bekannt ist unter dem Namen "Moppel", als Nachfolger von Frank Heinemann zum Fanbeauftragten ernannt.



 
   

 

 

 

„Fanrituale“

Rituale spielen bei Fußballfans eine ganz besondere Rolle. In der Regel beginnt jeder Spieltag immer mit denselben Tätigkeiten. Man zieht sich die gleichen Fanutensilien an und auch die Reihenfolge der angezogenen Utensilien, spielt bei Fans eine große Rolle. Ich kenne Fans in Bochum, die jeden Samstag die gleichen „Heimspielbrötchen“ beim „Heimspielbäcker“ holen und die Eier, selbstverständlich blau-weiß bemalt oder mit einen Aufkleber verziert, werden natürlich aus einem VfL-Eierbecher gegessen. Die eingesetzte Straßenbahn entscheidet dann über Sieg und Niederlage des Clubs. Trifft man auf dem Weg zum Stadion die Straßenbahn in den Farben des Vereins, steht einem Heimsieg nichts mehr im Wege, trifft man die Straßenbahn nicht, bedeutet das zumindest ein Spiel mit sehr knappem Ausgang. Auch das Essen der Bratwurst ist vor oder im Stadion ein seit Jahren festgelegtes Ritual. Die Bratwurst wird immer am selben Stand gegessen und das Bier immer am gleichen Ort getrunken. Sollte die Mannschaft dann das Spiel gewinnen, hat man alles richtig gemacht und die Rituale werden beim nächsten Mal genauso wiederholt. Sollte der Spieltag nicht erfolgreich gewesen sein, wird das Ritual trotzdem fortgesetzt, denn meistens hat es ja geklappt.

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Text: Frank Röller  

Frank Röller, geboren 1971, wuchs in Zweibrücken auf und widmete sich in seiner Kindheit und Jugend dem Schwimmen und der Leichtathletik in ortsansässigen Vereinen. Nach dem Abitur studierte er Biologie, Sportwissenschaft, Theologie und Pädagogik an der Universität des Saarlandes für das Lehramt an Gymnasien. Seit zehn Jahren ist er im gymnasialen Schuldienst, zurzeit am Helmholtzgymnasium in Zweibrücken. 2006 veröffentlichte er das Buch „Rituale im Sport – der Kult der religio athletae“.

 
   

 

 

 

„Haben Rituale des Sports religiöse Qualität?“

Die Rituale, die den Sport anreichern, setzen in den meisten Fällen den Glauben an Kräfte voraus, die im Prinzip ohne Vermittlung durch eine göttliche Instanz, also allein durch sich selbst, wirken. Sie wollen Gutes aktiv herbeiführen und Schlechtes abwehren, dabei spielt das Bewusstsein manchmal, das Unbewusste immer mit. Solche magischen Rituale werden von den Athleten vor, während und nach den Wettkämpfen in der Regel heimlich ausgeführt, die eigentlichen Hintergründe solchen Verhaltens sind meist sehr schwer nur zu bestimmen.

Die magische Praxis vieler Athleten – landläufig als „Aberglaube“ bezeichnet, ist vielfältig, oftmals kurios und grotesk, und Außenstehende regt sie nicht selten zum Schmunzeln an. Die Art der Glücksbringer umfasst von Menschen und Tieren über Kleingegenstände und Maskottchen hin zu Tagen und Zahlen so ziemlich alles, was es gibt. Solch magisches Verhalten tritt stark in Zufalls- und Glückssituationen sowie bei emotionalem Spiel auf und verschafft psychische Sicherheit. Lerntheoretisch gesehen ist vieles davon operant konditioniert.

Die Rituale der Fans hingegen sind zuweilen ganz anderer Natur: Sie präsentieren sich in einer unermesslichen Vielfalt: optisch, akustisch, häufig natürlich auch magisch, doch viel häufiger zeugen sie auch von echter Religiosität und kommen zudem äußerst reizvoll, schillernd und von immenser Kreativität zeugend daher. Die Lieder sind religiöser Natur, die Kleidung ist eine Gesinnungs- und Bekenntniskleidung, die rituell zelebrierten „Messen“ erlauben gar das Erfahren von Gemeinde. Alles in allem ist es sogar gerechtfertigt, zu behaupten, dass die Rituale den Wettkämpfen erst ihre eigentliche und grundlegende Bedeutung verschaffen.

Der Sport kann, mit Coleman/Baum gesprochen, „die Funktion einer alternativen Form von Religion übernehmen“, weil er eben das Bedürfnis nach Ritualen weckt, Gemeinschaft gründet, Zusammengehörig-keitsgefühle schafft und Sinn stiftet – und sei es bloß der, dass man weiß, wo man das nächste Wochenende verbringt. Beim Sport liegt ein Religionstyp vor, den man mit implizit umschreiben könnte: Die Menschen sind sich seiner religiöser Bedeutung und religiöser Wirkung in den meisten Fällen nicht bewusst. Es handelt sich zudem um eine funktionelle Religion, die bestimmten Zwecken dienlich ist, und auch in dieser Funktion implizite religiöse Ansprüche an den Menschen hat.

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Text: Uwe Wagner  

Uwe Wagner, Jahrgang 1952, ist Physiotherapeut an einer Rehaklinik. Er unterrichtet Yoga, Tai Chi Chuan, Qigong und Autogenes Training (Yoga seit 30 Jahren).

 
   

 

 

 

„Wie wichtig sind Rituale für die Entspannung?“

Als Entspannungstherapeut beziehe ich mich in meinem Statement auf Entspannung als Ergebnis einer Entspannungsübung. Entspannung ist ein Jungbrunnen für Körper, Geist und Seele: verspannte Muskeln lösen sich, die Gedanken kommen zur Ruhe und die Seele findet ein wenig Frieden. Wichtig und wesentlich für eine Entspannungsübung sind viele Aspekte, die auch für ein Ritual bedeutsam sind. Das Wort “Entspannungsritual” taucht jedoch in meinen Erklärungen im Entspannungsunterricht kaum auf - es ist mir eine Nummer zu groß.

Ich spreche lieber von “achtsamer Routine” (im Unterschied zu mechanischer Routine): ein Weg (route), den ich immer wieder gehe, auf dem ich achtsam meine “Erfahrungen” und Kompetenz sammle und zum Spezialisten für meine eigene Entspannungsfähigkeit und Gesundheit werde. Im Laufe der Zeit wird so die Entspannungsreaktion im Organismus gebahnt (Herbert Bensons “relaxation response”), man wird zunehmend unabhängiger von Form und Technik, hat immer direkteren Zugang zur Entspannung.

Neben der Achtsamkeit und der häufigen Wiederholung der “achtsamen Routine” finden sich weitere wichtige Aspekte in einer Entspannungsübung: ein Ziel haben, genießen, klare Struktur, zunehmende Vertrautheit, Reproduzierbarkeit des Entspannungserfolges, das Anpassen an individuelle Bedürfnisse, das Pflegen und “updaten” der Übung, ein förderlicher äußerer Rahmen, Dankbarkeit für die Kraftressourcen, die man in der Entspannung in sich entdeckt. Auch etliche dieser Aspekte wird man in einem Ritual wiederfinden.

Bekanntlich geht Probieren über Studieren - haben Sie Lust auf eine kleine Entspannungsübung? Lehnen Sie sich zurück und sitzen ganz bequem ... Atmen Sie einmal tief durch ... Dann lassen Sie von alleine weiteratmen ...  Fragen Sie sich “von Herzen”: Wie würde es sich anfühlen  ...  wenn ich jetzt völlig entspannt wäre?
(Schließen Sie die Augen und gehen diesem Gefühl eine Weile nach.) Und dann:  Wie würde es sich anfühlen ... wenn ich alle Ruhe und Zeit der Welt hätte? (Schließen Sie die Augen und gehen diesem Gefühl eine Weile nach.) Wie würde es sich anfühlen ... wenn ich jetzt gerade völlig glücklich wäre? Einfach so! ... wenn mein ganzer Körper lächeln würde? ... wenn ich den Selbstheilungskräften meines Körpers völlig vertrauen würde? Bestimmt finden Sie noch andere, ganz individuell wunderbar entspannende Fragen.

Werden Sie kreativ und schenken sich ein paar fragend-genießende Minuten.

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Text: Dirk Brall  
Dirk Brall geboren 1975 in Aachen, hat Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert, war sechs Jahre kreativer Geschäftsführer einer Nonprofit-Organisation und ist Herausgeber der 7sterne edition und des FROH!-Magazins. Seine Arbeit wurde unter anderem mit dem NRW-Jugendkulturpreis und dem Moerser Literaturpreis ausgezeichnet. Er ist verheiratet, lebt in Krefeld und arbeitet als Schriftsteller, Kulturjournalist und Projektgestalter.
 
   

 

 

 

„Was haben Rituale mit frohen und inspirierenden Tagen zu tun?“

Schöne Tage haben sehr viel mit Ritualen zu tun … frei haben, nicht arbeiten, lange frühstücken, Pausen machen, spazieren gehen, Familienbesuche … jeder gestaltet das individuell und schafft dadurch seine eigenen frohen Rituale. Diese Zeiten unterbrechen den Alltag, inspirieren, machen nachhaltig froh, zeigen, was wirklich wichtig ist.
Das greifen wir auch in unserem Magazin auf; wir beleuchten die frohen, besonderen Tage und gesellschaftlichen Ereignisse, greifen die Themen hinter deren Ritualen auf, bieten Zwischenzeiten. Und vielleicht inspirieren wir so zu neuen Ritualen.

Aus unserer Sicht sind aber nicht nur die schönen, besonderen Tage des Jahres ein Ritual wert, jeder Tag hat seine Rituale verdient. Der Alltag macht das Leben aus, kann fröhlich und schön sein. Es lohnt sich außerdem Mut zu haben, Rituale zu durchbrechen, neu zu denken, anders zu gucken, um dann bewusst mit neuem Blickwinkel eigene Rituale zu schaffen, die froh machen.

Rituale schenken einen Rahmen, schaffen ein Gleichgewicht von Inspiration und Ausführung. Sonst wird die Notwendigkeit und die alltägliche Sorge immer siegen: das zu wenige Geld, die Termine, die Beziehungen. Dabei sehen Rituale nicht weg, wie es irgendwelche Ablenkungen tun (die manchmal auch wichtig sind und oft unterschätzt werden!). Nein, sie sehen genau hin, durchdringend, und packen das Leben an der Wurzel, um fröhlich und ansteckend nach oben zu wachsen.

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Text: Marion Greve  

Marion Greve, 44 Jahre, ist Pfarrerin in der Evanglischen Erlöserkirchengemeinde in Essen und zweite stellvertretende Superintendantin des Kirchenkreises Essen. Sie hat Evangelische Theologie in Bonn und Göttingen studiert.



 
   

 

 

 

„Rituale aus evangelischer Perspektive“

Rituale nehmen unser Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit auf. Für besondere Situationen im Leben, für Übergänge im Leben haben die christlichen Kirchen bestimmte sich wiederholende Handlungsformen entwickelt. Die Geburt wird mit der Taufe aufgenommen, die Hochzeit mit der kirchlichen Trauung, die Einschulung mit einem besonderen Segensgottesdienst und schließlich werden Sterben und Tod aufgenommen und gestaltet in einem festgelegten Ritual der Bestattung. Rituale schaffen Sicherheit in Situationen voller Unsicherheit.

Leicht nachvollziehbar wird dies im gemeinsam gefeierten Gottesdienst – eine festgelegte Gottesdienstordnung, die Liturgie, vermittelt unterschiedlichen Menschen in fremden Gotteshäusern ein Gefühl der Heimat und Sicherheit - auch angesichts fremder Menschen und fremder Orte.

Im evangelischen Raum ist im Vergleich zu katholischen Kirche das rituelle Verhalten weniger ausgeprägt - zu groß war Jahrhunderte lang die Sorge, das zwischen Mensch und Gott „Mitteldinge“ aufgebaut werden, die heilsnotwenig wären. So ging zum Beispiel der von Luther noch geübte Ritus der Selbstbekreuzigung verloren.

Entscheidend für den evangelischen Umgang mit Ritualen ist das Verhältnis zwischen Freiheit und Ordnung – der Gottesdienst hält sich an sich wiederholende Formen und Abläufe. Es bedarf jedoch zu jeder Zeit der nötigen Freiheit, Abläufe um der Menschen willen zu verändern. Kriterium für die Veränderung ist die Frage, ob das Ritual inhaltlich stimmig und den Beteiligten verständlich ist und von ihnen als sinnvoll empfunden wird.

Auch Riten verändern sich mit der Zeit und ihr Verständnis hängt ab von der Sozialisation der Beteiligten: „Wer nicht in orthodoxer Umgebung aufgewachsen ist, kann schwer verstehen, warum die Art und Weise der Bekreuzigung wichtig sein soll.“ (aus: Eberhard Winkler, Praktische Theologie elementar, 58)

Religiöse Rituale werden in unserer modernen Welt da als bedeutsam erfahren, wo die Selbstverständlichkeit des Alltags in Frage gestellt wird. Wo wir mitten im Alltag an Grenzen stoßen und Krisen erleben. Neben den oben genannten großen Übergangsriten (Geburt, Hochzeit…) erleben wir eine Vielzahl  kleiner Übergangssituationen: berufliche Veränderungen, Umschulungen, Partnersuche, Trennung etc. Diese Brüche im Lebenslauf sind weniger seltene Ausnahmeerscheinung als vielmehr fester Bestandteil. „´Kontinuität´ist eher das Unwahrscheinliche“ (Henning Luther, Religion und Alltag, 219).
Leben heißt grundsätzlich in Übergängen zu leben.

In der rituellen Begleitung und Gestaltung dieser vielen kleinen Übergänge liegt die große Chance der Kirchen: im bereits oben genannten Sinne der Stabilisierung genau so wie im Sinne der Gestaltung der Unterbrechung und der Nachdenklichkeit.
Ein in letzterem Sinne gestalteter Ritus nimmt die Krise im Alltag wahr. Er hilft, die Krise auszuhalten, sie auszuformulieren, anstatt sie zu überspielen, zu vertuschen oder zu ignorieren.

Genau deshalb brauchen wir religiöse Rituale nicht nur mit Blick auf die klassischen Übergänge im Leben.

Wir brauchen religiöse Rituale  an den Bruchstellen des Lebens (wie z.B. ein Scheidungsritual, bei dem Familie und Freunde die Beendigung der Ehe begleiten und um den Segen Gottes für die neuen Lebenswege bitten).

Ein evangelischer Umgang mit Ritualen zeichnet sich auf der Basis unserer kirchlichen Ordnung dadurch aus, dass wir zu allen Zeiten um der Menschen willen festgelegte Ordnungen hinterfragen und nicht bewährte und weiterhin hilfreiche Traditionen aufgeben – im Sinne des ersten Briefes des Paulus an die Thessalonicher:
„Prüft aber alles, und das Gute behaltet.“ (1 Thess 5,21)

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Text: Dr. Klaus M. Wackernagel  

Dr. Klaus M. Wackernagel, Jahrgang 1949, ist nieder-gelassener Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker sowie Traumatherapeut in freier Praxis in Essen. Die Wurzeln der Familie sind teils deutsch, teils jüdisch. Er ist Dozent am Psychoanalytischen Institut in Düsseldorf. Schwerpunkte sind die Behandlung traumatisierter Patienten und schwerer Persönlichkeitsstörungen sowie die psychoanalytische Konzeptforschung.



 
   

 

 

 

„Welche Rolle spielen Rituale im jüdischen Leben?“

Für den religiösen, der Tradition verpflichteten Juden sind der Alltag ebenso wie der Shabbat und die Feiertage durchtränkt von rituellen Handlungen. Handlungen wie das Händewaschen, das Getränk, das Essen und vieles andere, vor allem freudige Erlebnisse des Alltags, sind von spezifischen Segenssprüchen, hebräisch ברכות  „berachot“ , jidd. „Bruches“, begleitet, in denen man Gott für seine Gebote (wörtlich: Befehle), מצוות „mitzwot“, jidd. „Mitzwes“, vor der Ausführung der Handlung dankt. Im Anschluss an die Ausführung folgt meist eine weitere Danksagung, die nach dem Trinken oder Essen recht lang werden kann und bei festlichen Gelegenheiten, wie beim Shabbatmahl in traditionellen Melodien gemeinsam gesungen wird. Die Gebote sind dabei diejenigen der Thora und der Ausführungsbestimmungen dazu in Mischna und Talmud.

Das ritualisierte Gebet, Frühgebet, Nachmittagsgebet und Abendgebet, alle möglichst in der Gemeinschaft eines Minjan, einer Zahl von mindestens zehn Männern, verrichtet, sind tägliche Pflicht, ergänzt um das kurze Nachtgebet. Alle Texte spiegeln den Dank für die religiösen Pflichten, die wir von Gott am Sinai angenommen haben, die Rettungstaten Gottes, und den früheren Opferdienst im Tempel und drücken die Fürsorge um die Schwachen der Gemeinde und das Gedenken an die Verstorbenen aus. Alle sind durchdrungen von der Trauer um den Verlust des Tempels und der Hoffnung auf die Rückkehr und Erlösung in einem von allen Völkern erkannten Gottesreich. Zum Frühgottesdienst trägt der Mann an gewöhnlichen Tagen die Gebetsriemen,  תפלין „tefillin“, und den Gebetsmantel, טלית  „tallith“, an dem sich die Schaufäden, ציציות „tzitzijot“, befinden, die in kunstvoller Weise verknotet sind. Der Fromme trägt sie auch unter oder über seiner Alltagsbekleidung an den vier Ecken einer Art viereckigen Unterhemdes. Sie sind weiß, der früher himmelblaue Faden fehlt, weil die richtige Herstellung der Farbe verloren gegangen ist, dafür ist ein Faden als Ersatz und Hinweis auf das Verlorengegangene länger als der andere; die ganz genau vorgeschriebenen Knoten selbst erinnern über eine Zahlensymbolik – die hebräischen Buchstaben haben auch alle einen Zahlenwert - an die Worte „Adonai ächad“, “der Herr ist einzig/einer“. Die Tefillin enthalten in vorgeschriebener Weise den Text des „Shma‘ Jisrael“ , „Höre Israel“ aus dem Deuteronomium. Selbstverständlich wird das Anlegen der rituellen Kleidungsstücke von Segenssprüchen begleitet.

Der Text des „Shma‘  Jisrael“ befindet sich auch in den מזוזות „mezuzoth“ an (fast) allen Türpfosten, entsprechend dem diesbezüglichen Gebot in diesem Text, mit koscherem Gänsekiel und koscherer Tinte auf kosheres Pergament geschrieben. Die Mezuza wird beim Eintritt in das Haus und dessen Verlassen geküsst. So erinnert man sich ständig an die Gebote und verhindert, dass man sie versehentlich nicht bedenkt und übertritt.

Voller Rituale ist die jüdische Küche, die כשר „kasher“, jidd. koscher, d.h. „zum Gebrauch geeignet“ sein soll. Hier mischen sich zahlreiche Vorschriften und Verbote für den alltäglichen Verzehr mit den Speisevorschriften für die Opfer im Tempel, weil nach dessen Fall, 70 n. Chr., der jüdische Tisch an die Stelle des Opferdienstes im Tempel treten soll. Die Vorschriften betreffen die Verwendbarkeit und die Mischung von Speisen und das Geschirr, aber auch die mögliche Reihenfolge des Verzehrs bzw. Wartezeiten dazwischen.

Ebenso ist das intime eheliche Leben rituell geregelt, vor allem, wann der Verkehr verboten ist und wann geboten, z. B. am Shabbat, weil es ja heißt, dass man sich am Shabbat freuen soll. Voraussetzung ist immer die jüdisch geschlossene Ehe und dass die Frau 7 Tage keine Blutspuren gezeigt hat und dann in ein rituelles Bad in einer מקוה „miqwä“ genommen hat.

An den Feiertagen ist das Gebet wesentlich länger und mit Gesang und ausführlicher Thoralesung festlich ausgestaltet. Auch letztere folgt einem komplexen Ritus, in dem mehrere Männer zum Lesen aufgerufen werden, das sie aber vor der Thora stehend an den Vorbeter delegieren, damit keiner wegen ggfs. schlechter Kenntnisse des Hebräischen und der traditionellen Vortragsmelodien beschämt wird. Der Speiseplan an den Feiertagen nimmt oft Bezug auf das Fest und seine Traditionen.

So wünscht man sich zu Neujahr – Mitte September meist im christlichen Kalender – ein gutes und süßes Neues Jahr, verzehrt werden u.a. dabei Apfelstücke mit Honig; zu Chanukka, dem Fest der Wiedereinweihung des Tempels nach der Entweihung durch die Diadochen, das meist kurz vor die christliche Weihnachtszeit fällt, isst man Ölgebäck, Krapfen oder Reibekuchen, weil das Chanukkawunder nach der Tradition darin bestand, dass das noch gefundene koschere Olivenöl für die ewige Leuchte im Tempel, die Menora – מנורה - , das von der Menge her nur einen Tag gereicht hätte, die Menora 8 Tage brennen ließ, bis neues koscheres Öl beschafft war. Der Ritus sieht vor, abends in den acht Tagen eine achtarmige Leuchte – acht im Gegensatz zur siebenarmigen Menora“ - im Fenster brennen zu lassen, um das Wunder zu bezeugen. Zum Wochenfest,  שבועות „shawuot“, aus dem das christliche Pfingsten hervorging, isst man  milchige Speisen und Käsekuchen, um an die Speisegesetze als wichtigen Teil der nach der Tradition an diesem Tag gegebenen Thora zu erinnern. Ein langer Erinnerungsabend ist auch wesentlicher Teil des Pässachfestes, aus dem bei den Christen Ostern wurde, bei dem abends die Geschichte des Auszugs aus Ägypten aus einem speziellen Buch der Pässach Haggada, was einfach Erzählung heißt, vorgelesen und gesungen wird, begleitet von symbolischen und rituellen Speisen, wie Bitterkraut oder Charosset, einer bräunlichen süßen Mischung, die an die Ziegel, die wir in der Knechtschaft brennen mussten, erinnern soll, bevor die eigentliche Festmahlzeit folgt. Aufwendig ist auch das Ritual beim Laubhüttenfest im Herbst, סוכות „sukkot“ bzw. Sukkes, bei dem der erwachsene Mann, aber auch seine Familie acht Tage in einer Laubhütte lebt und feiert, die einerseits an die letzte, die Herbsternte erinnert, andererseits mit dem Wohnen in Hütten während der Wüstenwanderung verknüpft ist.

Warum sind Rituale gerade im jüdischen Leben so wichtig?

Die Rituale sind für den gläubigen Juden Teil der Erfüllung seiner religiösen Pflichten, die sich aus den Geboten und Verboten der schriftlichen Thora und der mündlichen Thora, der Mishna, sowie deren Ausführungsbestimmungen im Talmud sowie den später dazu ergangenen rabbinischen Entscheidungen ableiten. Wir tun dies, weil Gott dies in seinem Heilsplan für die Welt und alle Völker, besonders aber natürlich für unser Volk so von uns gefordert hat. Wir  – bzw. unsere Seelen – haben dem am Sinai zugestimmt und die streng gläubigen Juden befolgen dies ohne wenn und aber oder nach dem Sinn zu fragen, wo der nicht ersichtlich ist.

Im Laufe der Jahrhunderte, besonders aber nach dem Fall des Tempels, ist  die Dichte der Regelungen enorm gewachsen, so dass ein streng gläubiger Mann den größten Teil seiner Zeit mit deren Erfüllung verbringt. Gleiches gilt für die Frau im Rahmen ihrer zentralen Rolle im Haus für die jüdische Küche, die Familie und die Reinheit des Shabbat. Der Gläubige freut sich darüber, diese Pflichten erfüllen zu können; das in der Diaspora entstandene Thorafreudenfest, סמחת חורה „simchat thora“, als zusätzlicher neunter Tag des Laubhüttenfestes gibt dem besonderen Ausdruck.

Gleichzeitig ist das Ritual aber auch immer Erinnerung und damit zugleich auch Ausdruck der Hoffnung auf die Wiedererrichtung des Tempels und des vollen Kultes und die postmessianische Zeit des Gottesreiches. So wird das Wissen um die zweittausend Jahre nicht mehr ausführbaren Traditionen in symbolischer Form lebendig gehalten und bewahrt.

Letztlich verdankt das jüdische Volk sein wenn auch leidvolles Überleben seit der Antike diesen intensivst gelebten Traditionen, die den Zusammenhalt und Fortbestand ermöglichten, auch wenn dies in der oft feindseligen Umwelt mit großen Opfern erkauft werden musste.

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Text: Alexandra Kurth  
Alexandra Kurth, Dr. rer. soc., hat an der Philipps-Universität in Marburg Politikwissenschaft, Germanistik und Erziehungswissenschaften studiert. Sie veröffentlichte 2004 im Campus-Verlag das Buch "Männer - Bünde - Rituale. Studentenverbindungen seit 1800".

 
   

 

 

 

„Männer – Bünde – Rituale“

Als ich im Wintersemester 1990/91 mit dem Studium begann, war ich von den vielen Grüppchen bunt bemützter und bebänderter Verbindungsstudenten überall in der Stadt zutiefst irritiert. In Marburg – so schien es zumindest – war es per Aufzug möglich, geradewegs ins 19. Jahrhundert zu reisen. Setzte man seinen Weg durch die Oberstadt vorbei an den vielen beflaggten Verbindungshäusern den Schlossberg hinauf fort, sah man bisweilen im Garten fechtende Studenten und andere Kuriositäten. Aus der Irritation erwuchs die Neugierde eine der letzten geschlossenen Männerbastionen unter die Lupe zu nehmen, denn nach wie vor sind die meisten der etwa 1000 Burschenschaften, Landsmannschaften, Turnerschaften, Corps und anderen studentischen Verbindungen mit mehr als 150 000 Mitgliedern dem eigenen Selbstverständnis zu Folge Männerbünde, in denen Frauen nach wie vor allenfalls als „Coleurdamen“1 und „schmückendes Beiwerk“ geduldet sind.

In den Studentenverbindungen wurde im Laufe der Zeit ein ganz spezifischer Verhaltenskodex entwickelt, schriftlich fixiert im „Comment“, der seit den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts das Verbindungsleben reglementiert und eine Art Ratgeber und Nachschlagewerk für das „richtige“ Verhalten in allen Lebenslagen darstellt: dort war und ist zum Teil bis heute das Verhalten gegenüber Frauen und die Lösung von Konflikten genauso geregelt wie die Modalitäten von Duellen und Mensuren oder die der Kommerse; zudem ist eine Beschreibung der Trink- und anderer Rituale enthalten.

Die Modalitäten des Trinkens sind im Biercomment enthalten, wodurch es dem Einzelnen ermöglich wird, „sich in guter Gesellschaft zu betrinken und zu berauschen“ und zugleich zu lernen, „sich noch im schweren Rauschzustand zu kontrollieren“ und auf diese Weise „die Trinkenden selbst wir ihre Mitmenschen vor den Gefahren der Enthemmung zu schützen“, wie es der Soziologe Norbert Elias in seinen „Studien über die Deutschen“ formuliert hat. In der Anwendung wurden und werden die gesellschaftlichen Regeln durch diejenigen des Biercomments ersetzt, um eine Art „Staat im Staate“ zu schaffen, den man „Bierstaat“ nennt. Dieser ist selbstverständlich ein reiner Männerstaat. Im Biercomment findet sich der „Bierpräses“ ebenso wie „Bierrechte“, auch eine „Bierverschwörung“ ist möglich. Verliert einer im Verlauf des Trinkgelages seines „Bierehre“, landet er im „Bierverschiss“ und muss sich durch ein „Bierduell“ wieder herauspauken. Die „Bierangelegenheit“ kann vor ein „Biergericht“ gebracht werden und wem das Trinken nicht bekommt, kann sich für „bierimpotent“ erklären lassen.

Das Schmunzeln, das sich beim Lesen der Biercomments unweigerlich einstellt, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Anwendung bisweilen ausgesprochen ernsthaft betrieben wird, so dass es kaum möglich ist, durch besonderes Wohlverhalten den Trinkstrafen und dem Trinkzwang, dem vor allem die Jüngeren mehr oder minder ausgeliefert sind, zu entgehen. Bei strikter Anwendung des Biercomment müssen sie lernen, „nachzutrinken“, wenn ein Älterer ihnen zutrinkt, womit eine hierarchische Trinkverpflichtung geschaffen wurde, mit der die eigenen körperlichen Grenzen des Trinkenkönnens oder Trinkenwollens außer Kraft gesetzt werden sollen. Sich einzuschränken ist unmöglich, lautet doch Paragraf elf der meisten Biercomments: „Es wird fortgesoffen!“, so dass Alkoholexzesse nach wie vor zum festen Bestandteil der verbindungsstudentischen Verhaltenskultur gehören.2 Dies beinhaltete, dass in einer Art rituell-kollektiven Kontrollverlust „die Grenzen der gesellschaftlichen Sittlichkeit für alle temporär aufgehoben“ und zugleich „die individuelle Verantwortung aufgelöst“ werden kann, wie es die Schweizer Historikerin Lynn Blattmann prägnant beschrieben hat. Dadurch können sich die Mitglieder jenseits aller altermäßigen oder sonstigen Differenzen einander näher fühlen.

Mit ihren vielfältigen Trink- und anderen Ritualen integrieren die Studentenverbindungen nicht nur Mitglieder im Sinne der von ihnen vertretenen Wertvorstellungen, sie schaffen sie auch auf gewisse Weise neu. Ein junger Verbindungsstudent muss zwar lernen, sich ein- und unterzuordnen, hat im Gegenzug aber die Gewissheit des Aufgehobenseins im Männerbund. Sofern er sich den entsprechenden Regeln und Ritualen unterwarf, war ihm bis in die 1960er Jahre, danach immer mehr abnehmend, die Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Elite sicher, womit er bis ins 20. Jahrhundert hinein partiell sogar an staatliche Gesetze nicht gebunden war.

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1 Seit etwa 1900 werden in Verbindungskreisen diejenigen Frauen als „Coleurdamen“ bezeichnet, die offiziell zu Tanzveranstaltungen oder anderen Festlichkeiten eingeladen werden.


2 Eine Ausnahme bilden die Verbindungen, in denen das Mäßigkeitsprinzip gilt, beispielsweise in den Mitgliedsbünden des Wingolfsbunds.

 

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Text: Manfred G. Nicht  

Manfred G. Nicht, Jahrgang 1941, hat Mathematik, Physik, Pädagogik, Psychologie und Philosophie studiert. Seit 2006 ist der Oberstudiendirektor i.K.a.D. Philistersenior der Akademischen Verbindung Cheruscia zu Münster im CV.

 
   

 

 

 

„Die Bedeutung von Riten, Eigentümlichkeiten und Gebräuchen in Studentenverbindungen am Beispiel der AV Cheruscia zu Münster im CV“

Studentenverbindungen prägen seit jeher die akademische Landschaft Deutschlands. Das Lebensbundprinzip verbindet Studenten (Aktivitas) und Absolventen von Hochschulen (Altherrenschaft) aller Generationen miteinander. Die Verbindungen pflegen einen Gedankenaustausch über die von ihnen vertretenen Fachrichtungen hinaus und ermöglichen es den Studenten, sich neben dem Studium besondere Qualifikationen im Umgang mit Menschen anzueignen und diese zu erproben.

Ich gehöre der Akademischen Verbindung Cheruscia zu Münster an, die mit weiteren 122 Verbindungen den Cartellverband der katholischen deutschen farbentragenden Studentenverbindungen (CV) bildet, der mit etwa 30.000 Mitgliedern der größte deutschen Studentenverband ist. Der Verband hat eine Tradition von mehr als 150 Jahren, die ihn durch seine Prinzipien religio, scientia, amicitia und patria charakterisiert und die sein Wirken und das Leben seiner Mitglieder nachhaltig beeinflusst.

Studentenverbindungen  pflegen Bräuche, die zum Teil von jahrhundertealten, gelegentlich nicht mehr bewussten Traditionen herrühren. Der offensichtlichste ist das Tragen der Couleur, von Band und Mütze in den Farben der Verbindung, durch das sich jedes Mitglied bei gemeinsamen Veranstaltungen und auch in der Öffentlichkeit  zu seinem Bund und dessen Prinzipien bekennt. In den Farben „violett – weiß – schwarz“ meiner Verbindung spiegelt sich entsprechend einer besonderen Farbsymbolik der Wahlspruch „treu – fest – wahr“ meines Bundes.

Unser Zirkel – eine verschnörkelte Abkürzung des „vivat, crescat, floreat Cheruscia“ hinter dem Namen des Bundesbruders ist gleichsam das Identifikationssymbol für die Zugehörigkeit zu meiner Verbindung. Es findet sich im Wappen der Verbindung ebenso wieder, wie auf vielen Verbindungsartikeln und Gerätschaften z. B. Couleurpostkarten, Bierkrügen, Einrichtungsgegenständen usw. und dokumentiert dort gleich einem Logo die Identität. Bierzipfel in den Farben der Verbindung werden mit Bundesbrüdern oder Cartellbrüdern als Ausdruck besonderer freundschaftlicher Beziehungen ausgetauscht.

Die Chargen der Aktivitas tragen bei festlichen bzw. repräsentativen Veranstaltungen die Vollwichs, bestehend aus einer farbigen Pekesche, einer weißen Hose, Kanonenstiefel, dem Paradecerevis auf dem Kopf, der Schärpe und dem Schläger in der Scheide – natürlich in den Verbindungsfarben. Die Kleidung ist aus der studentischen Tracht des 18. Jahrhunderts hervorgegangen. Traditionelle Feste und Feiern sind ein wichtiger Teil des Verbindungslebens; insbesondere Kneipen und Kommerse laufen nach bestimmten Ritualen ab, die sich aus tradierten Formen studentischer Geselligkeit herleiten und zusammen mit weiteren z. T. tradierten Verhaltensregeln im sog. Comment der Verbindung festgelegt sind. Insbesondere werden die Rezeption eines neuen Mitgliedes und seine spätere Burschung, die endgültige Aufnahme in einen lebenslangen Freundschaftsbund, nach besonderen feierlichen Riten vollzogen.

Der Comment ist Ausdruck von Regeln und Formen, die das Verbindungsleben in seinen Äußeren lenken. Bestimmte Verhaltensweisen, die den Umgang der Menschen untereinander prägen, werden dort festgeschrieben und sind auch heute Ausdruck von gegenseitigem Respekt, der allen Menschen gegenüber zu zeigen ist. Die studentische Couleur weist auf die lange Tradition der Verbindungen hin; und da sie die Identifikation mit den Zielen und Grundeinstellungen (Prinzipien) einer Verbindung bedeutet, hat das Tragen der Couleur auch in unserer Zeit eine wichtige erzieherische Funktion. Sie bringt die Zusammengehörigkeit nach innen ebenso zum Ausdruck und fördert auch das angemessene Auftreten des Einzelnen in der Öffentlichkeit. Darüber hinaus kommt dem Farbentragen ein hoher Wiedererkennungswert zu, der in der Gründungszeit von Verbindungen i. a. eine Zuordnung nach der landsmannschaftlichen Herkunft im Raum der Hochschule ermöglichte. 

Alle diese in langer Tradition entstandenen Riten und Formen unterliegen aber auch gewissen Veränderungen und Aktualisierungen. So werden mancherorts die festen Ordnungen ein wenig aufgebrochen, um etwa bei  Kneipen und Kommersen die Möglichkeit von mehr  Kommunikation zu bieten und in diesem Sinne auch den Ablauf dieser Veranstaltungen vorsichtig zu verändern, d. h. den aktuellen Erfordernissen anzupassen. Ebenso wird über eine wirkungsvollere Struktur der Begegnung von Aktiven und Alten Herren nachgedacht, um den Studenten noch mehr Möglichkeiten zu bieten, bestimmte Qualifikationen (soft skills) durch Unterstützung der Alten Herren zu erwerben, die in der Hochschule heute kaum mehr erworben werden können. 

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Text: Frank Wannof  
Frank Wannof, 50 Jahre, ist ausgebildeter Trauerbegleiter und leitet eine Trauergruppe bei Trauart-Tabu in Essen. Er ist zudem Stress- und Konfliktbewältigungstrainer und betreibt seit vielen Jahren Zen-Meditation. Frank Wannof arbeitet als Kriminalhaupt-kommissar im Bereich der Kinder- und Jugendkriminalität.

 
   

 

 

 

„Warum Rituale auch für die Trauerarbeitwichtig sind. Rituale in Zeiten der Trauer.“

Abschied und Trauer gehören zum Leben. Dies ist eine Binsenweisheit. In unserer modernen Gesellschaft, in der Leistung und „Gut-drauf-sein“ zählen, sind sie weitgehend ein Tabu.

Der Tod eines nahen Menschen oder ein anderer schwerwiegender Verlust können einen Menschen total aus der Bahn werfen, ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Früher gaben althergebrachte Rituale dem Einzelnen und seinem Umfeld Sicherheit, Halt und Struktur und unterstützten die Neueinstellung auf ein Leben mit dem Verlust. Der Rückgang von alten Familienstrukturen, steigender Individualisierung und der Rückzug der Kirche innerhalb der Gesellschaft haben zum Verlust einer konstruktiven Trauerkultur geführt. Der Einzelne wird immer mehr alleingelassen mit seiner Situation, sein Umfeld ist immer mehr verunsichert im Umgang mit der Trauer des Betroffenen.

Seit einigen Jahren ist glücklicherweise in unserer Gesellschaft eine Entwicklung zu beobachten, die versucht, Trauer und Abschied wieder in den Fokus der Menschen zu setzen. Auch die unterstützende Wirkung von Ritualen erhält neuen Aufwind. Dabei wird nicht nur auf althergebrachte Rituale zurückgegriffen, da viele Menschen heute kaum noch einen Zugang zu ihnen finden. Wir sind aufgefordert, neue Rituale zu entwickeln, die den individuellen Wünschen und Erfordernissen der Betroffenen von heute dienen, die zu ihnen passen. Meine Erfahrung mit Trauernden zeigt, dass hier eine große Sehnsucht nach Angenommensein und einem Lernen, mit dem schmerzlichen Verlust zu leben, vorhanden ist, eine Sehnsucht nach Leben. Trauer braucht ein Gegenüber.

Da wird ein selbst geschriebener Brief an den Verstorbenen eine sehr lebendige Möglichkeit, den Schmerz mitzuteilen – Nichtgesagtes kann in Worte gebracht werden und bei Bedarf kann der Brief vertrauten Menschen vorgelesen werden. Sie werden Zeuge der Trauer, Weggefährten.

Immer mehr Menschen treffen sich in Trauergruppen, um hier unter mitfühlenden Menschen über ihren Verlust reden zu können und gemeinsam Rituale zu kreieren, die sie unterstützen. Abschied und Trauer gehören zum und ins Leben.

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Text: Dr. Kerstin Gernig  
Dr. Kerstin Gernig Dr. Kerstin Gernig, Jahrgang 1964, hat Germanistik, Romanistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin und der École Normale Supérieure in Paris studiert. Nach Jahren der Lehre und Forschung in Paris, Straßburg und Boston ist sie seit 2001 Geschäftsführerin des Kuratorium Deutsche Bestattungskultur in Düsseldorf.

 
   

 

 

 

„Warum brauchen wir Rituale?“

Rituale sind Gesten und Handlungen, über die wir nicht nachdenken müssen, da wir mit ihnen sozialisiert worden sind. Sie werden von Generation zu Generation tradiert, da sie sich in entscheidenden Situationen bewährt haben. Der Handschlag beim Ritual der Begrüßung oder des Abschieds zeigt, dass es sich dabei um kleine Gesten mit großer Wirkung handeln kann. Rituale spielen in schwierigen Situationen – wie bei einer Trauerfeier – eine ganz besondere Rolle, da sie dabei eine Art Geländerfunktion übernehmen. Wenn jemandem der Boden unter den Füßen entzogen wird, weil er einen geliebten Menschen verloren hat und er in Trauer und Schmerz gefangen ist, können ihm Rituale dabei helfen, mit traumwandlerischer Sicherheit den nächsten Schritt zu tun, ohne darüber nachdenken zu müssen. Das war zumindest in Zeiten so, als Rituale noch selbstverständlicher von Generation zu Generation weitergegeben worden sind als heutzutage.

Zu den Ritualen bei der Beisetzung eines Menschen – die seit dem Mittelalter als siebtes Werk der Barmherzigkeit gilt und von den nächsten Angehörigen begleitet wurde – zählte, dass der Verstorbene ein letztes Mal gewaschen und gekämmt, gesalbt und neu eingekleidet wurde. Das war der letzte Liebesdienst, den die Hinterbliebenen dem Verstorbenen noch erweisen konnten, der sie zugleich gelehrt hat, den Tod im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Denn nur wer mit eigenen Augen gesehen hat, wie sich das Gesicht eines Verstorbenen, seine Haut und sein Körper verändern, kann begreifen, was Tod im physischen und metaphysischen Sinn bedeutet.

Der Verstorbene wurde aufgebahrt, damit auch die Gemeinschaft von ihm Abschied nehmen konnte. Bei dem Aufgebahrten wurden Gebete gesprochen und Lieder gesungen oder auch Nachtwache gehalten. Wer schon einmal an einem Totenbett gesessen hat, weiß, dass von einem Verstorbenen eine Aura ausgeht, die das Diesseits transzendiert. Deshalb spielten auch Musik und Gesänge eine so bedeutsame Rolle, da sie auszudrücken vermochten, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen für Trauernde unmöglich ist. Mit der Aufbahrung wurde dem Verstorbenen ebenso wie den Angehörigen Zeit gegeben, um Abschied zu nehmen von dieser Welt und von dem Menschen aus der eigenen Mitte.

Doch diese früher selbstverständlichen, ganz schlichten Rituale sind uns weitgehend verloren gegangen: wir haben keine Erfahrung mehr im Umgang mit einem Verstorbenen, weil dieser letzte Liebesdienst im Laufe der Zeit zunehmend an Bestatter delegiert worden ist. Und hier setzt ein Teufelskreis ein: Denn wo die Erfahrung im Umgang mit einem Verstorbenen fehlt, herrscht Unsicherheit und wo Unsicherheit herrscht, wird die Expertise anderer gesucht und angerufen. Darauf reagieren moderne Bestatter, indem sie den Angehörigen ihre Hilfe bei diesen Tätigkeiten anbieten und ihnen nur abnehmen, was sie sich selbst nicht zutrauen.

Wir singen kaum noch gemeinsam, obgleich das gemeinsame Singen eine immense kathartische und Gemeinschaft stiftende Wirkung haben kann. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass wir das kanonische Liedgut verloren oder auch aufgegeben haben. Manche Rituale wie die Aufbahrung beispielsweise werden wiederbelebt, was damit zusammenhängt, dass trauerpsychologisch erkannt wurde, welch hohen Stellenwert die Abschiednahme für die Hinterbliebenen hat, um mit dem Tod eines geliebten Menschen leben zu lernen. So bieten inzwischen viele Bestattungsinstitute eigene Abschiedsräume für Menschen an, die den Verstorbenen nicht zu Hause aufbahren wollen.

Gemeinsam zu singen oder gemeinsam zum Grab zu schreiten, hat Gemeinschaft gestiftet. Beim Kondolieren wurde die Anteilnahme zum Ausdruck gebracht, die heutzutage von vielen Menschen schon in der Traueranzeige abgelehnt wird. Damit wird Gemeinschaft aufgekündigt. Wie viel Individualität eine Gemeinschaft, gerade in einer solchen Ausnahmesituation verträgt, ist jedoch die Frage.

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TITELSTORY
Dr. Siri Fuhrmann

Dr. Siri Fuhrmann, geboren 1976, ist wissenschaftliche Assistentin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Als Liturgiewissenschaftlerin denkt sie u.a. über Sinn und Funktion von Riten in Christentum und Gesellschaft nach. In ihrer Promotion beschäftigte sie sich schwerpunktmäßig mit dem Übergangsphänomen „Abend“ als liturgische und gesellschaftliche Zeit (Der Abend in Lied, Leben und Liturgie. Studie zu Motiven, Riten und Alltagserfahrungen an der Schwelle vom Tag zur Nacht. Francke Attempto Tübingen 2008). Derzeit arbeitet sie neben ihrer akademischen und kirchlichen Dozenten- und Referententätigkeit an einer Studie zum Advent.

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INTERVIEW
Dorothee Echter

Dorothee Echter ist als Topmanagement-Beraterin weltweit tätig. Zuvor war die Diplom-Soziologin selbst über 20 Jahre lang Managerin in vier internationalen Companies, u.a. im Siemens- und Swiss-Re-Konzern. Sie verfügt über ein exklusives, erfahrungsbasiertes Wissen, was das Topmanagement als Klasse für sich ausmacht, wie Einfluss wächst und Erfolg entsteht. Rund um den Globus schätzen Spitzenentscheider aus Wirtschaft und Politik diese seltene Expertise und suchen ihren Rat, um die komplexen Machtdynamiken zu entschlüsseln und für sich selbst und ihre Organisationen zu nutzen. Ihr Buch „Rituale im Management“ erschien 2003 im Vahlen Verlag. Dorothee Echter hält Vorträge vor internationalen Auditorien und publiziert regelmäßig in renommierten Fachzeitschriften, u.a. im Harvard Business Manager. Echter lebt mit ihrem Mann in München, hat einen erwachsenen Sohn, spielt seit 10 Jahren Turniertennis und engagiert sich ehrenamtlich im Bildungsbereich. zum Text »

   
   
   

STATEMENT
Simin Alvandi

Simin Alvandi, geboren 1958 in Teheran/Iran, studierte vier Semester Sportwissenschaft an der Teheraner Universität, bevor sie 1984 nach Deutschland übersiedelte. Von 1985 bis 1995 arbeitete sie als Erzieherin in verschiedenen Kindergärten; 1995 erwarb sie das Montessori-Diplom, seitdem ist Simin Alvandi in einer Montessori-Einrichtung in Essen tätig. zum Text »

   
   
   

STATEMENT
Rolf Pitsch

Rolf Pitsch, Jahrgang 1957, verheiratet, drei Kinder, hat Germanistik, Publizistik, Buch-, Schrift- und Druckwesen in Mainz und München studiert, bevor er eine Journalistenausbildung beim Seibel-Institut absolvierte. Als Journalist hat er u.a. für den Rheinischen Merkur und bei der Bundeszentrale für politische Bildung gearbeitet. Pitsch war danach Leiter des Referates Presse/Verlagswesen in der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz tätig, seit 1996 ist er Direktor des Borromäusverein e.V. und Geschäftsführer der borro medien gmbh (Bonn).

Weitere Engagements: Vorstandsvorsitzender Stiftung Lesen (Mainz); Vorsitzender Katholischer Medienverband e.V., (KM., Bonn); Mitglied im Beirat des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV, Berlin; Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement e.V. (BBE, Berlin).

Seit 1845 bewertet der Borromäusverein e.V. neu erscheinende Medien. Er berät und beliefert Büchereien. Die 2009 neu gestartete borro medien gmbh entwickelt mit dem Borromäusverein neue Dienstleistungen und bedient die bewährten und auch neue Vertriebswege. Ziel ist es u.a., Orientierung in der Medienvielfalt zu geben. zum Text »

   
   
   

STATEMENT
Marjan Rosetz

Marjan Rosetz, geboren 1976 in Northeim/Niedersachsen, hat ein Lehramtsstudium in Gießen und Frankfurt am Main absolviert. Während seines Studiums arbeitete er auch am Thema „Demokratie lernen durch Rituale und Regeln“. Derzeit ist er Studienberater für Lehramtsstudiengänge und Webmaster beim Zentralen Prüfungsamt der Goethe-Universität Frankfurt am Main. zum Text »

   
   
   

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Dirk Michalowski

Dirk Michalowski, Jahrgang 1971, ist schon seit frühester Jugend glühender Anhänger des Fußball-Bundesligisten VfL Bochum. Im Jahre 1991 trat er dem Fanclub "Die Treuen" bei und wurde nach 18 Monaten dessen Vorsitzender und zugleich in den Fanrat des VfL Bochum gewählt. 1997 wurde Michalowski, der besser bekannt ist unter dem Namen "Moppel", als Nachfolger von Frank Heinemann zum Fanbeauftragten ernannt. Neben seinem eigentlichen Beruf als Gas- und Wasserinstallateur betreute "Moppel" die Bochumer Fanszene viele Jahre in seiner Freizeit, bis er schließlich im August 2003 vom Vorstand des VfL Bochum zum ersten hauptamtlichen Fanbeauftragten des VfL Bochum ernannt wurde. zum Text »

   
   
   

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Frank Röller

Frank Röller, geboren 1971, wuchs in Zweibrücken auf und widmete sich in seiner Kindheit und Jugend dem Schwimmen und der Leichtathletik in ortsansässigen Vereinen. Nach dem Abitur studierte er Biologie, Sportwissenschaft, Theologie und Pädagogik an der Universität des Saarlandes für das Lehramt an Gymnasien. Parallel zum Studium erwarb er C-Trainerscheine in Leichtathletik und Volleyball, außerdem absolvierte er eine Ausbildung zum Lektor in der evangelischen Kirche der Pfalz und zum Chorleiter. Seit zehn Jahren ist er im gymnasialen Schuldienst, zurzeit am Helmholtzgymnasium in Zweibrücken. 2006 veröffentlichte er das Buch „Rituale im Sport – der Kult der religio athletae“, eine Zusammenschau religionsanaloger und religionshomologer Phänomene im weiten Feld des Kulturphänomens Sport. Invoco-Verlag Homburg, ISBN 3-938165-01-4. zum Text »

   
   
   

STATEMENT
Uwe Wagner

Uwe Wagner, Jahrgang 1952, ist Physiotherapeut an einer Rehaklinik. Er unterrichtet Yoga, Tai Chi Chuan, Qigong und Autogenes Training (Yoga seit 30 Jahren). Die beiden wichtigen Menschen auf seinem beruflichen Weg sind seit 1974 Sri Desikachar für Yoga (www.kym.org) und Meister Ma Jiang Bao seit 1986 für Tai Chi Chuan (www.wu-taichi.de). zum Text »

   
   
   

STATEMENT
Dirk Brall

Dirk Brall, geboren 1975 in Aachen, hat Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert, war sechs Jahre kreativer Geschäftsführer einer Nonprofit-Organisation und ist Herausgeber der 7sterne edition und des FROH!-Magazins. Seine Arbeit wurde unter anderem mit dem NRW-Jugendkulturpreis und dem Moerser Literaturpreis ausgezeichnet. Er ist verheiratet, lebt in Krefeld und arbeitet als Schriftsteller, Kulturjournalist und Projektgestalter.

FROH! ist ein Gesellschaftsmagazin, das besondere Ereignisse des Jahres aufgreift und sich neugierig auf Fragen und Themen hinter diesen Anlässen einlässt. Die Beitragenden schenken dem Magazin nicht nur ihre Texte und Bilder, sondern den Lesern auch neue und überraschende Blickwinkel. Neben renommierten Beiträgern bekommen junge Künstlerinnen und Künstler die Möglichkeit, eigene Arbeiten einem größeren Publikum zu präsentieren. Das FROH! Magazin möchte Menschen dazu inspirieren, neu über Gesellschaft nachzudenken. „Wir glauben“, so die Herausgeber, „dass das am Besten mit einem Nonprofit-Konzept zu realisieren ist.“ FROH! kommt komplett ohne Werbung aus und stellt damit eine unabhängige Stimme im medialen Diskurs dar. FROH! hat einen christlichen Hintergrund und ist ein Projekt der Non-Profit-Organisation mateno e.V. Erhältlich ist das Magazin nur über die Website des Magazins und an ausgewählten Locations. zum Text »

   
   
   

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Marion Greve

Marion Greve, 44 Jahre, ist Pfarrerin in der Evanglischen Erlöserkirchengemeinde in Essen und zweite stellvertretende Superintendantin des Kirchenkreises Essen. Sie hat Evangelische Theologie in Bonn und Göttingen studiert. Seit 2008 ist die zweifache Mutter Vorstandsmitglied des einen Kirchenkreises Essen und Abgeordnete des neuen Kirchenkreises für die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland. zum Text »

   
   
   

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Dr. Klaus M. Wackernagel

Dr. Klaus M. Wackernagel, Jahrgang 1949, ist niedergelassener Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker sowie Traumatherapeut in freier Praxis in Essen. Die Wurzeln der Familie sind teils deutsch, teils jüdisch. Nach fünf Semestern Studium der Orientalistik studierte er Humanmedizin und spezialisierte sich in den Fächern Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Psychoanalyse und Öffentliches Gesundheitswesen. 14 Jahre war er, bald in leitenden Stellen, in der Ministerial- und Kommunalverwaltung tätig. Anfang der neunziger Jahre war er Vorsitzender der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde in Essen. Danach wandte er sich von der politischen Verwaltung ab, lebte ein knappes Jahr als Neueinwanderer in Tel Aviv und arbeitete dort in einem psychiatrischen Universitätskrankenhaus. Nach Deutschland aus familiären Gründen zurückgekehrt, bereitete er seine Niederlassung als Psychoanalytiker vor. Er ist Dozent am Psychoanalytischen Institut in Düsseldorf. Schwerpunkte sind die Behandlung traumatisierter Patienten und schwerer Persönlichkeitsstörungen sowie die psychoanalytische Konzeptforschung. zum Text »

   
   
   

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Alexandra Kurth

Alexandra Kurth, Dr. rer. soc., hat an der Philipps-Universität in Marburg Politikwissenschaft, Germanistik und Erziehungswissenschaften studiert und ist heute Studienrätin im Hochschuldienst am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie veröffentlichte 2004 im Campus-Verlag das Buch "Männer - Bünde - Rituale. Studentenverbindungen seit 1800". Publikationsliste und weitere Informationen: www.alexandra-kurth.de zum Text »

   
   
   

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Manfred G. Nicht

Manfred G. Nicht, Jahrgang 1941, hat Mathematik, Physik, Pädagogik, Psychologie und Philosophie studiert. Er war Leiter des Bischöflichen Gymnasiums in Essen-Stoppenberg, und Studiendirektor am Heisenberg-Gymnasium in Gladbeck, bevor er Dezernent für Schule und Hochschule im Bistum Essen wurde. Seit 2006 ist der Oberstudiendirektor i.K.a.D. Philistersenior der Akademischen Verbindung Cheruscia zu Münster im CV. zum Text »

   
   
   

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Frank Wannof

Frank Wannof, 50 Jahre, ist ausgebildeter Trauerbegleiter und leitet eine Trauergruppe bei Trauart-Tabu in Essen. Er ist zudem Stress- und Konfliktbewältigungstrainer und betreibt seit vielen Jahren Zen-Meditation. Frank Wannof arbeitet als Kriminalhaupt-kommissar im Bereich der Kinder- und Jugendkriminalität. zum Text »

   
   
   

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Dr. Kerstin Gernig

Dr. Kerstin Gernig, Jahrgang 1964, hat Germanistik, Romanistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin und der École Normale Supérieure in Paris studiert. Nach Jahren der Lehre und Forschung in Paris, Straßburg und Boston ist sie seit 2001 Geschäftsführerin des Kuratorium Deutsche Bestattungskultur in Düsseldorf, wo sie interdisziplinäre Veranstaltungen zur Sepulkralkultur organisiert – von Trauermusikforen über Ausstellungen bis zu Tagungen, Wettbewerben und Umfragen. Ferner gibt sie monatlich die Fachzeitschrift „bestattungskultur“ heraus. www.kuratorium-bestattungskultur.de  zum Text »

 

 

 

   
         
 

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