Startseite Ausgabe 07 | brennen - dösen - Was zeichnet starke Glaubenszeugen aus?
   
 
Text: Claudia Dahmen  

Claudia Dahmen, Jahrgang 1981, war im Jahr 2000/2001 als Missionarin auf Zeit in Brasilien im Amazonasgebiet. Sie hat Theologie in Mainz und Porto Alegre studiert und ist heute Referentin für Religiöse Bildung im Bischöflichen Jugendamt in Mainz.



 
   

 

 

 

„Was zeichnet Gemeindereferentinnen aus, Menschen zum Christsein zu motivieren – hier und in Lateinamerika?“

Nach dem Abitur hatte ich mich entschlossen als MaZlerin (Missionarin auf Zeit) ein Jahr lang in einer Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare mitzuleben, mitzuarbeiten, mitzubeten. Mir ging es hier in Deutschland sehr gut. Mir fehlte es an rein gar nichts. Gerade deshalb wollte ich zu denen gehen, deren Leben von Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung bestimmt ist. Ich hatte zwar auch Angst vor dem Weg in ein ganz fremdes Land, aber tief in mir spürte ich eine Sehnsucht, diesen Schritt zu tun. Ich musste vieles zurücklassen und der Abschied von meinen Eltern, Geschwistern und Freunden fiel mir schwer. In mein Tagebuch schrieb ich damals: „Doch wenn ich daran denke, dass Du mein Herr mit mir gehst und mich in schlechten Zeiten sogar auf deinen Schultern tragen wirst, brauche ich mich nicht zu fürchten. Ich vertraue Dir, Jesus, und werde wie Petrus das sichere Boot verlassen, um dir ein Stück näher zu kommen. Du, mein Herr, hast mich gesandt, in Deinem Namen gehe ich den Weg ins Ungewisse.“

Mein neues Zuhause war ein kleines Urwalddorf südlich der Hafenstadt Santarém im Amazonasgebiet Brasiliens mit dem Namen Trairão. Meine einfache Unterkunft in einer  Holzhütte teilte ich mit drei Ordensleuten: einem Brasilianer, einem Indonesier und einem Belgier. Hauptsächlich half ich in der pastoralen Arbeit mit. Zu unserer Pfarrei gehörten an die 50 Basisgemeinden im Landesinnern, die jährlich drei- bis viermal besucht werden. Ich hatte Blockflöten mitgebracht und baute Musikgruppen auf, um die Gottesdienste musikalisch mitzugestalten. Zeitweise arbeitete ich auch in einer größeren Stadt in einem Kinderheim sowie nördlich des Amazonas bei Indígenas, wo ich mich vor allem mit behinderten Kindern beschäftigte.

Die Erfahrungen, die ich in jenem Jahr machte, haben mein Leben, meinen Glauben und mein Innersten zutiefst geprägt. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie dankbar ich für eine gute Schulbildung sein kann. Ich erfuhr am eigenen Leibe, was es heißt, als Frau zu einem bloßen Objekt der Begierde herabgestuft zu werden. Mich erschütterte, wie Menschen an einfachsten Krankheiten aber auch an Malaria und Dengueefieber starben, weil keine medizinische Versorgung bezahlt werden konnte oder die Anfahrtswege zum Krankenhaus zu weit waren und man zu spät kam. Mir wurde radikal bewusst, in welchem Luxus wir in Deutschland leben. Es tat gut, über den eigenen Tellerrand zu schauen und unsere westliche Gesellschaft in der oft nur Geld, Macht und Leistung zählt, sowie unseren Konsum geprägten Lebensstil aus der Distanz zu betrachten, um dann mit einem ganz neuen Bewusstsein wieder zurück zu kommen.

Trotz aller Unterschiede zwischen dem Norden Brasiliens und Deutschland, den fremden Bräuchen, den Umgangsformen, der Sprache, den unterschiedlichen Traditionen und Wertvorstellungen, gibt es doch ein gemeinsames und verbindendes Element; es sind die Menschen, es ist das zutiefst Menschliche, das mit immer wieder begegnet, ob hier oder dort. Es sind Menschen, die hungern nach wirklicher Begegnung, dass sie jemand ernst nimmt und ihnen zuhört. Meine Erfahrungen im Amazonasgebiet haben letztlich in mir einen Traum von einer gerechteren, solidarischeren und geschwisterlichen Welt wachgerufen.

Als ich zurückkam, nahm ich mein Theologiestudium auf, das mich unter anderem für zwei Auslandssemester sowie für die Anfertigung der Diplomarbeit wieder nach Brasilien führte.

Stellvertretend für viele brasilianische Freunde und Bekannte, die mich sehr in ihrem Christsein beeindruckt und motiviert haben, möchte ich eine Glaubenszeugin erwähnen, die mich auf ganz besondere Weise geprägt hat: Schwester Dorothy Stang, die sich unermüdlich für den Schutz des Regenwaldes sowie Recht und Gerechtigkeit auf dem Land eingesetzt hat. Als ich vor neun Jahren zum ersten Mal mit einem kleinen Flugzeug über den tropischen Regenwald flog, sah man hier und da gerodete Flächen. Als ich dann im Jahr 2007 wieder zurückkam, hätte ich weinen können beim Überfliegen des Amazonasgebietes. Eine flächendeckende systematische Abholzung des Regenwaldes zeigte sich mir in ihrem grauenvollsten Ausmaß. „In keinem Land der Erde stirbt der Wald schneller, als hier,“ sagt Bischof Erwin Kräutler, der seit mehr als vierzig Jahren in dieser Region lebt und wirkt.  Entlang der Transamazônica sieht man heute alle fünf Kilometer Seitenarme, die bis zu hundert Kilometer in das Land hineinreichen. Dort, wo ehemals dichter Urwald war, ist mittlerweile alles kahl geschlagen. Im Jahr 2005 erlebte das Amazonasgebiet erstmals eine lange und folgenschwere Dürreperiode. Flüsse und Brunnen trockneten aus. In dem sonst so regenreichen Gebiet wurde Wasser zur Mangelware.

Obwohl jeder weiß, dass der tropische Regenwald durch nichts in der Welt zu ersetzen ist, wird er weiter von Tag zu Tag mehr zerstört, was katastrophale und irreparable Auswirkungen, vor allem auf regionaler aber auch auf globaler Ebene nach sich zieht. So werden die klimatischen Veränderungen auch auf die Vernichtung der Regenwälder und die mit ihr verbundene Erderwärmung zurückgeführt. Dem lukrativen Handel mit Holz gehen zudem gewalttätige Landkonflikte einher.

Brasilien ist trauriger Spitzenreiter, was die Konzentration an Bodenbesitz und deren negativen Folgen angeht. Vertreibungen, Folterungen bis hin zu Auftragsmorden von Kleinbauern, Indianervölkern und Flussbewohnern gehören im Amazonasgebiet zum Alltag. Dahinter stehen meist große Holzunternehmen und Großgrundbesitzer. Es scheint ein Gebiet völliger Rechtlosigkeit zu sein, in dem vielerorts einzig Gewalt und Revolver regieren. Dennoch gibt es Menschen, die mutig ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit, Gewalt und Unterdrückung erheben. Sie leben gefährlich, erhalten Morddrohungen und werden in der Öffentlichkeit diffamiert.

Ein bewegendes Beispiel dafür war, wie bereits erwähnt, die US-Amerikanische Ordensschwester Dorothy Stang. Ihre Solidarität zeigte sich in dem offenen Ohr für Hilferufe und Schmerzensklagen der Kleinbauern. Sie machte sich die Not der anderen ganz zu Eigen, deckte Unrecht auf, klagte an und vieles mehr. Getragen von der Botschaft Jesu Christi lebte sie voller Hoffnung den Traum von Gerechtigkeit, Liebe und Frieden. Wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für nachhaltige Entwicklung und für Landlose und Kleinbauern kam sie ins Kreuzfeuer der Holzmafia und wurde am 12. Februar 2005 von zwei Auftragsmördern erschossen. Ihre Botschaft kann richtungweisend für den Auftrag an uns Christen sein, dass wir nicht die Augen vor der Realität und der oftmals bedrückenden Wirklichkeit verschließen sollten. Und auch die Kirche sollte die „Zeichen der Zeit“ erkennen und nicht mehr wegschauen, wenn ein Großteil der Menschen leidet. Sie muss die Initiative ergreifen und sich in die Mitte des Volkes stellen.

Wahrscheinlich ist es schwierig von Deutschland aus das ganze Ausmaß der Tragödie im Amazonasgebiet zu überblicken und zu verstehen. Denn für uns, die wir ein Leben in Freiheit, Überfluss und Frieden haben, fällt es oft schwer zu begreifen, was Armut, Unterdrückung und brutale Gewalt in einem fernen Land heißen. Deshalb neigen wir dazu, die Rolle der Unbeteiligten zu spielen und zu schweigen. Dabei dürfte es eigentlich keinen Christen mehr geben, der sagt: „Das interessiert mich nicht“ – Denn jeder einzelne ist aufgerufen, in seiner Verantwortung als Christ solidarisch zu sein. Egal wo, egal wie.

Oft frage ich mich, was wir heute angesichts so vieler „Gekreuzigter“ in unmittelbarer Nähe und weiter Ferne tun können. Wie können wir sie von ihren Kreuzen herabholen? Wie kann ich mein Leben weiter als „christlich“ bezeichnen, wenn ich dabei die „Kreuzigung“ so vieler Menschen und ihre Sehnsucht nach Auferstehung übergehe?

Für mich war das Leben und Wirken einer Glaubenszeugin wie Dorothy Stang, bei der Antwort auf diese Fragen Inspiration und Hilfe. Heute engagiere ich mich ehrenamtlich in einer Teestube für Obdachlose und merke immer mehr, dass viele Menschen nicht nur wegen des warmen Essens kommen, sondern vor allem nach einem Gespräch und nach einem würdevollen Umgang hungern. Eine ältere Dame sagte letzte Woche in einer abendlichen Austauschrunde während der Exerzitienwoche zum Thema Glaubenszeugen folgendes: „Rede nur, wenn Du gefragt wirst. Aber lebe so, dass man dich fragt!“
Das bringt es für mich ziemlich auf den Punkt, Menschen zum Christsein zu motivieren!

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