Startseite Ausgabe 07 | brennen - dösen - Was zeichnet starke Glaubenszeugen aus?
   
 
Text: Bernd Klaschka  

Bernd Klaschka, geboren 1946 in Rheinberg, wuchs in einer Bergarbeitersiedlung in Kamp-Lintfort auf. Nach einem Studium der Philosophie und Theologie in Münster und München war er Diakon in Haltern, bevor er in Münster zum Priester geweiht wurde. Im März 2004 wählte die deutsche Bischofskonferenz Bernd Klaschka zum Geschäftsführer der Bischöflichen Aktion Adveniat. Am 10. März 2005 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum päpstlichen Ehrenprälaten.



 
   

 

 

 

„Aus welcher Quelle schöpfen Sie, um Menschen – hier und in Lateinamerika – zum Christsein zu motivieren?“

„Hinter einer Holzhütte sitze ich mit Doña Carmela auf einem dicken Holzbalken. Doña Carmela schützt sich mit einem leuchtend blauen Tuch gegen die Sonne. Sie erzählt von ihrem Mann, der in den USA arbeitet, weil die Familie in dem kleinen Dorf im mexikanischen Bundesstaat Chiapas nicht genug verdient. Und von den vielen anderen jungen Männern und Frauen, die den Lebensunterhalt für ihre Familien im Norden verdienen oder auf den Hotelbaustellen in den Touristengebieten Mexikos.

„Die Migration verändert die Menschen, sie denken anders, benehmen sich anders“, sagt sie. Die Armut vertreibt die Menschen aus dem Dorf.  Besonders die Familien leiden unter der starken Auswanderung – manche Kinder lernen ihren Vater erst kennen, wenn er zur Abschlussfeier der Grundschule kommt.

Ich könnte vieles vom Büro aus  machen, aber mir ist der Kontakt zu den Menschen wichtig. In den Gesprächen erfahre ich, wie die Menschen leben, welche Nöte sie haben, und wie Adveniat sie dabei unterstützen kann, ein menschenwürdigeres Leben zu führen.

Wenn ich  dann wieder in Essen in meinem Büro sitze, helfen mir diese Begegnungen, die konkrete Realität der Menschen in Lateinamerika vor Augen zu haben. So landete kurz nach meiner Rückkehr aus Mexiko ein Projektantrag der Caritas auf meinem Schreibtisch. Darin ging es um Hilfe für die Migranten aus dem Dorf Doña Carmelas. In solchen Momenten wird mir bewusst: Ein Projektantrag ist nicht nur ein Stück Papier, das da auf meinem Tisch liegt. Durch das Papier erzählen mir Menschen von ihrem Schicksal, von ihren Nöten, von ihrem Glauben.

1977 brach ich das erste Mal nach Lateinamerika auf. Der Bischof von Münster schickte mich als Pfarrer in das mexikanische Partnerbistum Tula. Als die Teerstraße endete und der Wagen die letzten Kilometer der Fahrt nach Cardonal, wo ich meine erste Pfarrerstelle hatte, über die Schotterpiste rumpelt, habe ich gedacht: „Jetzt gehst Du in die Welt der Armen.“

Wenn ich heute in Lateinamerika unterwegs bin, treffe ich viele Projektpartner, Laien, Ordensleute, Priester und Bischöfe. In den Gesprächen interessiert mich das, was hinter den Fakten liegt. Ich möchte die Prozesse zu erahnen, mich auf sie einlassen und mich mit ihnen auseinandersetzen. Mich interessiert das Leben der Menschen. Ich möchte ihnen persönlich in ihren Lebenssituationen begegnen – sei es in Armut oder Reichtum, Not und Elend oder Hoffnung und Freude. Mich reizt es ihre Lebensperspektive mit der, die uns das Evangelium geschenkt hat, zu konfrontieren, zu vergleichen, zu bereichern aber auch kritisch zu hinterfragen.
Den Menschen zuhören, ihnen Gehör schenken, sie an mich heranlassen und mich mit ihnen aufmachen, um Lösungen aus den Verstrickungen zu finden, Wege aus dem Labyrinth zu entdecken, mich mit ihnen auf die Suche zu machen und Neues zu wagen: Das ist eine Quelle, aus der heraus ich lebe.

Die andere Quelle sind das Wort Gottes, die Feier der Eucharistie mit Menschen, die ihren Glauben feiern und teilen wollen  und das Gebet, oft gestammelt, hilflos, manchmal auch stumm. In Lateinamerika habe ich das Markus-Evangelium mit Otomi-Indígenas gelesen. Wir haben uns einmal in der Woche getroffen. Ich konnte zu dem Zeitpunkt ihre Sprache noch nicht sprechen, und sie beherrschten die spanische Sprache nur unzureichend.
Wir haben uns an das Unternehmen gewagt, das Wort Gottes zu lesen, zu versuchen es mit unserem Horizont und unserem Lebenswissen zu verstehen und Wege zu suchen, daraus zu leben. Dabei habe ich erfahren, wie nah die Bibel am Leben des Menschen ist. Ich habe auch gemerkt, dass ein Theologiestudium zum Verständnis der Bibel nicht notwendig ist.

Das Leben aus diesen Quellen verhindert nicht, dass sich Probleme einstellen, Konflikte durchzustehen sind oder auch Irrwege gegangen werden. Es bietet auch keine perfekten Lösungen an. Aber das Leben wird mit diesem Quellwasser lebendiger, frischer und fruchtbarer.

Die Armut, die geistige und geistliche, die menschliche und die materielle ist wie das CO2, das, wenn es zuviel davon gibt, die Umwelt zerstört. Die Armut wächst unbemerkt Tag für Tag, die geistige und geistliche, die menschliche und materielle: Einsamkeit und Misstrauen, fehlende Bildung und Ausgrenzung, Hunger nach Brot und Durst nach Gerechtigkeit, ungerecht verteiltes Einkommen trotz gleicher Arbeitsleistung, Verletzung der Menschenrechte.

Die meisten Jahre meines priesterlichen Lebens habe ich in Gemeinschaft gelebt. Dabei wurde ich immer wieder angeregt durch Fragen, musste mich kritischen Anmerkungen stellen, Meinung korrigieren oder dafür eintreten, dass sie angenommen wurde. Dieser lebendige, manchmal auch Kraft raubende Lebensstil hat mich bereichert, mich offen gemacht für den Anderen. Dabei ist der „Ganz Andere“ Gott, wie es der berühmte Theologe Karl Rahner formuliert. So kann ich im Anderen auch Gott begegnen.“

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