Startseite Ausgabe 06 | offen - heimlich - Wie kommuniziert man heute Liebe?
   
 
Text: Dr. Margot Käßmann  
Dr. Margot Käßmann, Jahrgang 1958, ist seit September 1999 Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die Mutter von vier Töchtern gilt als führende Persönlichkeit der Evangelischen Kirche in Deutschland mit hoher medialer Wirkungskraft.
 
   
 

„Das Evangelium ist die Nachricht von der Liebe Gottes zu den Menschen. Was ist Ihre Erfahrung als Christin und als Bischöfin: Wie zeigt man den Menschen von heute am besten, dass es diese Liebe gibt?“

Das Evangelium erzählt in vielen Gleichnissen von der Liebe Gottes zu den Menschen. Uns ist es ein Anliegen, in unseren Gottesdiensten und heutzutage selbstverständlich auch in den Medien davon zu erzählen. „Dass Gott die Menschen liebt“, diese Nachricht berührt nach meiner Erfahrung die Menschen heute so wie es im Weihnachtsevangelium von Maria heißt, die die Engelsbotschaft gehört hat: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen." (Lukas 2,19)

Das Im-Herzen-Bewegen der Nachricht der Liebe Gottes zu den Menschen bewirkt, dass sie selbst auch Liebe weitergeben wollen. Christinnen und Christen nehmen die Botschaft Jesu „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst" (Lukas 10,27) auf und bewegen sich in einem Dreieck: Verantwortung für Gott, für den Nächsten und auch für mich selbst.

Die frühchristlichen Gemeinden haben das Gebot der Nächstenliebe sofort umgesetzt: sie haben zum Beispiel Armenpfleger eingesetzt, eine Kollekte gesammelt, um notleidende Gemeinden zu unterstützen, ihren Besitz geteilt und das Abendmahl richtig als Mahlzeit gefeiert – das waren sozusagen die ersten „Tafeln“.

Es gibt auch heute viele Beispiele, wie die Liebe Gottes sichtbar wird im Handeln der Menschen: Da besucht ein Mann seinen Nachbarn, der ans Bett gefesselt ist. Da hört sich eine Frau sich die Sorgen der Kollegin an. Eine Gemeinde füllt liebevoll Schultüten für benachteiligte Kinder, eine andere verpflegt Obdachlose. In Hospizen begleiten Freiwillige liebevoll die Sterbenden. Eine Mutter entscheidet sich für die Geburt ihres Kindes, obwohl sie weiß, es wird behindert sein. Ein Jugendlicher arbeitet in einer Behinderteneinrichtung in seinem Freiwilligen Sozialen Jahr. Eine Ärztin versorgt Menschen ohne legale Aufenthaltspapiere unentgeltlich.

Die Liebe Gottes wird sichtbar in unserem Liebeshandeln, sie wird motiviert von der Botschaft, dass Gott uns vorbehaltlos annimmt, so wie Jesus das in vielen Geschichten erzählt hat, etwa in der vom Vater, der den Sohn ohne jeden Vorbehalt aufnimmt, der auf Abwege geraten ist. Und wenn Menschen solche Liebe erleben, erfahren, dann werden sie sie auch weiter geben, davon bin ich überzeugt.

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