» STATEMENTS » Roswitha Paas
  Startseite Ausgabe 06 | offen - heimlich - Wie kommuniziert man heute Liebe?
  ÜBERSICHT | EDITORIAL | TITELSTORY | INTERVIEW | STATEMENTS | ÜBER DIE AUTOREN
Diese Seite empfehlen Als Druckversion öffnen Als PDF herunterladen
  ZURÜCKBLÄTTERN WEITERBLÄTTERN
     
 
Text: Roswitha Paas
 
Roswitha Paas, geboren 1956, geschieden, drei erwachsene Söhne, ein Enkelkind, arbeitet beim Sozialdienst Katholischer Frauen Essen-Mitte im „Café Schließfach“, einer Einrichtung für wohnungslose und suchtkranke Frauen, und im "Bus-Stop", ein Beratungs- und Betreuungsangebot für Prostituierte auf dem Essener Straßenstrich.
 
   

 

 

 

„Sie arbeiten im Erfahrungsbereich von Straßenstrich, Prostitution und Drogenkonsum. Als Außenstehender würde man sagen: „Ein Erfahrungsbereich, in dem zwar von (käuflicher) Liebe gesprochen wird, in dem aber Liebe gänzlich fehlt.“ Würden Sie das auch so sehen? Oder gibt es Gesichter von Liebe, die wir nur oft nicht als solche erkennen?“

Straßenstrich, Prostitution und Drogenkonsum sind für die meisten von uns Tabuthemen, die aus der Entfernung zwar wahrgenommen werden, mit denen man aber nicht gerne persönlich konfrontiert wird. Erst seit meinen Wechsel aus der Familien- und Frauenbildung in die niedrigschwellige soziale Arbeit mit Frauen werde ich hautnah mit dieser Lebenswirklichkeit konfrontiert. Ich begegne Menschen, sie bekommen ein Gesicht und einen Namen, Lebensgeschichten werden "wirklich".

Allen Frauen gemeinsam ist die Sehnsucht, geliebt und akzeptiert zu werden, die Erfahrungen der meisten gehen aber in eine andere Richtung. Vernachlässigung, Missbrauch, Gewalterfahrungen kommen in vielen Lebensgeschichten vor, so dass der Körper oftmals losgelöst von der eigenen Person wahrgenommen wird und so als Ware angeboten werden kann. Das ermöglicht den Frauen, trotz ihrer Verachtung für die Freier, die z.T. ihre perversen Fantasien an den Prostituierten ausleben, teilweise in Partnerschaften und Ehen zu leben. Doch auch das, was dort gelebt wird, hat selten etwas mit unserer Vorstellung von Ehe und Familie zu tun. Die meisten Männer wissen von der Tätigkeit ihrer Partnerin und leben auf ihre Kosten oder finanzieren darüber auch ihre eigene Drogensucht.

Häufig triff man auch allein erziehende Frauen, die finanziell nicht über die Runden kommen und ihren Kindern alles bieten möchten. So wird Liebe und Zuneigung häufig an Statussymbolen fest gemacht, die nach außen eine heile Welt signalisieren sollen. Und bei vielen bleibt die Sehnsucht, irgendwann ein normales Leben zu führen oder der Traum vom "Märchenprinzen", der kommt und sie aus diesem Leben "erlöst".

Besonders die Prostituierten aus den osteuropäischen Nachbarländern sind oftmals zerrissen zwischen der Sehnsucht nach ihren Kindern, die sie zurückgelassen haben, und dem Wunsch, ihnen eine bessere Zukunft durch das hier verdiente Geld bieten zu können. Für sie ist es besonders wichtig, im Gespräch mit uns von ihren Familien zu erzählen und Bilder zu zeigen, um so mit ihrem Heimweh fertig zu werden.

In unseren Einrichtungen "Café Schließfach" und "Bus-Stop" finden die Prostituierten und Drogensüchtigen einen Ort des Rückzugs, an dem sie angenommen sind, ein wenig Fürsorge erleben und offene Ohren für ihre Fragen und Probleme finden. Und manchmal ist auch ein wenig "nachmuttern" notwendig, eine Umarmung, Zuwendung, die Möglichkeit, Trauer und Zorn herauszulassen, das Gefühl ein wenig umsorgt zu werden.
Auch wenn im Zusammenhang mit Prostitution gerne von käuflicher Liebe gesprochen wird, so hat das, was tagtäglich auf dem Straßenstrich abläuft, nichts mit Liebe zu tun sondern mit einer "Dienstleistung", die bezahlt wird. Beziehung, Freundschaft, Zuneigung ist das, was manchmal in den Begegnungen am Rande vorkommt...

Weitere Informationen zum Café Schließfach und Bus-Stop unter www.skf-essen.de

nach oben

     
  ZURÜCKBLÄTTERN WEITERBLÄTTERN
  ÜBERSICHT | EDITORIAL | TITELSTORY | INTERVIEW | STATEMENTS | ÜBER DIE AUTOREN
Diese Seite empfehlen Als Druckversion öffnen Als PDF herunterladen