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Text: Prof. Franz Walter
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Prof. Franz Walter,
Jahrgang 1956, ist Professor für Politikwissenschaft an
der Universität Göttingen.
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Die Crux von Zielgruppenstrategien
Die Katholische Kirche hat in all den Jahrhunderten
eigentlich immer mit verschiedenen Kulturen, Mentalitäten,
Lebenswelten, kurz: mit: Heterogenitäten umgehen müssen.
Und dabei reüssierte sie in manchen Schichten und Lebenslagen,
in anderen aber nicht oder jedenfalls kaum. Ganz so neu also ist
das Problem nicht, wie man angesichts der bemerkenswerten Resonanz
in der Kirche auf die Lebensstil-Studie meinen könnte.
Selbst innerhalb der Glaubenswelt der katholischen
Kirche und auch in einem Land waren die Kultvorstellungen ja sehr
unterschiedlich, oft einander geradezu fremd. Man hat das in der
Nachkriegszeit präzise beobachten können, als katholische
Flüchtlinge aus dem Osten des untergegangenen Deutschen Reichs
ersichtlich mit den Messgewohnheiten in, sagen wir, Westfalen oder
dem Emsland fremdelten. Überhaupt zeichnete sich der Katholizismus
dadurch aus, dass er – in der Regel weit stärker als
der Protestantismus – oft erheblich auseinanderliegende Soziallagen
verknüpfen musste: von den Bauern im Paderborner Land über
Bergarbeiter an der Ruhr und Krämer im Badischen bis hin zu
Baronen aus Schlesien. Das angeblich homogene katholische Milieu
war immer schon eine keineswegs überall gleichermaßen
gelungene Bündelung von Milieus.
Insofern und noch einmal: Die Existenz schwer
integrierbarer Lebensstile und Habitusformen ist nicht erst im Postindustrialismus
zu beobachten. Aber zweifelsohne richtig ist, dass alle Weltanschauungsorganisationen,
die einen sozial und kulturell weitgestreckten Rekrutierungsanspruch
besitzen, seit mindestens einem Vierteljahrhundert kriseln, an Anhängern
ver-lieren, auf Traditionskerne erodieren. Für die Volksparteien
gilt das ja bekanntlich ebenfalls. Und die – besonders die
Sozialdemokraten – haben deutlich früher die Zielgruppenexpertise
für sich strategisch nutzbar zu machen versucht, um disparate
Wählergruppen je unterschiedlich anzusprechen. Das schien analytisch
plausibel, da man gerade in den neueren Schichten zunehmend geringere
Resonanz fand und so die Gefahr drohte, auf die schrumpfende Restmilieus
gewissermaßen sitzen zu bleiben.
Doch fielen die Ergebnisse der Zielgruppenwahlkämpfe
außerordentlich ernüchternd aus. Die Sozialdemokraten,
als Pioniere dieser Politik in den 1980er Jahren, schaffen nicht
in dem erwünschten Maße den Anschluss an die neuen wissensgesellschaftlichen
und marktdynamischen Gruppen, verloren zugleich aber mehr und mehr
ihre klassische, durch den Modernismus und die Diffusion verstörten
Kernwähler. Und insgesamt ist das Ansehen der Volksparteien
durch den Zielgruppenpluralismus nicht gestiegen. Das Profil schwächte
sich weiter ab. Die Politik wirkte durch die Vielfalt an Botschaften,
Metaphern und Codes konturenlos, inkonsistent, ja widersprüchlich,
opportunistisch, ohne elementare Substanz. Der Politikverdruss wuchs;
die erhoffte zusätzliche Akklamation fiel gänzlich aus.
Der Katholizismus hatte in den letzten Jahren
nicht zufällig seine besten Momente, wenn er in der Profilschwäche
der Politik zu Grundfragen der Gesellschaft überzeugend und
prononciert Stellung bezog (Irakkrieg, Humangenetik). Ein erkennbarer,
glaubwürdig gelebter Ethos – natürlich: unverknöchert
und nicht hinter den Mauern einer vitallosen Orthodoxie rein binnenfixiert
praktiziert – hätte in den nächsten Jahren in der
des Anything-Goes-Denkens erkennbar überdrüssigen bundesdeutschen
Gesellschaft gar nicht so schlechte Chancen. Übrigens: Auch
das kann man aus der Sinusstudie lernen.
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