Startseite Ausgabe 04 | Erreicht/Unerreicht – Welche Zielgruppen spricht Kirche heute noch an?
   
 
Text: Pater Dr. Benno Kuppler
 
Pater Dr. Benno Kuppler SJ, SJ ist Diplom-Kaufmann, Diplom-Theologe und promovierte in Sozialwissenschaften. Als Generalist berät er in Lebens- als auch Wirtschaftsfragen und vermittelt in Vorträgen sowie Seminaren seine Erfahrungen aus Seelsorge, Betriebswirtschaft und Theologie.  
   

 

 

 

Ein Vorstand, ein Bischof und der Pater

Vom gegenseitigen Verstehen beim miteinander Sprechen

Menschen ansprechen und für die biblische Botschaft gewinnen wird im pluralistisch geprägten Surf- und Zappzeitalter immer schwieriger. Muss die Kirche neue Wege bei der Mitgliederansprache finden, so fragte mich eine Journalistin. Die Sprache der Welt, besonders jene der Wirtschaft, und die Sprache der Kirche und des Glaubens scheinen vielen Menschen nicht mehr kompatibel. Es braucht Übersetzer, Traductoren oder Dolmetscher, die in beiden Sprachwelten zu Hause sind: der Pater ist ein solcher.

Seit vielen Jahren laden sich der Vorstand einer großen DAX notierten Aktiengesellschaft und der regionale Bischof mit seinem Domkapitel, dem Geistlichen Rat des Bischofs, wechselseitig zu einem Gespräch über gemeinsame Fragen. Im Vorfeld wird eine Tagesordnung festgelegt. Einmal nun wurde auch der Pater vom Bischof eingeladen, da er Experte in der katholischen Soziallehre ist und gerade ein neues päpstliches Dokument zu sozialen Fragen erschienen war.

Der Pater sollte den Herren des Vorstandes dieses Dokument darstellen, für viele Mitglieder des Geistlichen Rates auch eine spannende Erfahrung. Die Diskussion sprengte den zeitlichen Rahmen und war sehr angeregt und kontrovers für alle. Als scheinbar plötzlich der Pater zu einem Vorstandsmitglied, einem Professor, bemerkte: Wenn Sie für Ihr berufliche Weiterbildung so wenig getan hätten, wie Sie es offensichtlich in geistlichen Tun halten, wären Sie heute arbeitslos.

Der Bischof, entsetzt über diese Aussage, rief den Pater zur Raison, so könne man nicht mit einem Vorstandsmitglied sprechen. Der Angesprochene reagierte souverän und authentisch: Herr Bischof, Ihre Sprache verstehe ich nicht, der Pater spricht meine Sprache.

Seitdem waren der Professor und der Pater füreinander aufmerksame und wertgeschätzte Gesprächspartner.

Vor wenigen Wochen an einer Fachhochschule in Bayern. Der Pater hielt eine Vorlesung “Einführung in die Wirtschaftsethik” für BWL-Studierende, die im Praxissemester waren. Diese junge Leuten beherrschen das Denglisch der BWL perfekt, kannten die Fachbegriffe Corporate Citizenship, Responsible Business, Corporate Philanthropy, Corporate Social Responsibility, Shareholder Value, Stakeholder Value, Public Private Partnership, Corporate Governance, Corporate Governance Kodex, Shareholder-Value-Management, Stakeholder-Management, Compliance. Als der Pater fragte, was denn diese Begriffe und Konzepte mit Ethik zutun hätten, war das Schweigen unüberhörbar. Dann fiel das Wort “Korruption”, denn die Medien berichteten über zahlreiche Fälle in der deutschen Industrie in diesen Tagen. Ein Student meinte, “Korruption” machten doch alle und sichere im Übrigen Arbeitsplätze in Deutschland. Das sei doch moralisch in Ordnung. Da hatte der Pater einen schwierigen Part. Denn wenn alle bestechen, Schmiergelder zahlen, sei das ethisch wohl in Ordnung.

Jetzt musste der Pater erst einmal den Unterschied zwischen Legalität und Moralität erklären und bei den Studierenden um die Einsicht werben: Was ethisch geboten sei, ist nicht eine Frage von Mehrheiten sei, sondern das Ergebnis ethischer Reflexion und beanspruche “immer” Gültigkeit. Das kann dann richtig teuer werden. Lion Feuchtwanger [1884 - 1858] drückte dies so aus: “Von allen Lastern ist Anstand das Kostspieligste.”

Ignatius von Loyola meldete sich jetzt bei dem Pater: "Drittens: Ich wäre langsam im Sprechen, indem ich das Hören für mich nutze; ruhig, um die Auffassungen, Gefühle und den Willen derjenigen, die sprechen, zu verspüren und kennen zu lernen, um besser zu antworten oder besser zu schweigen."

Und der Pater erinnerte sich der Geistlichen Übungen, der Exerzitien, wo er in der Nummer 22 später nachlas: [... Jeder muss bereitwilliger sein], die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen; und wenn er sie nicht retten kann, erkundige er sich, wie jener sie versteht, und versteht jener sie schlecht, so verbessere er ihn mit Liebe [...]. Die „goldene Regel der ignatianischen Kommunikation" als persönlicher Herausforderung.

Die Antwort auf die Frage der Journalistin bin ich Ihnen noch schuldig:

Werte und Orientierung sind in unseren Gesellschaften wieder gefragt. Dürfen wir alles, was wir technisch können? Stichworte sind: Bilanzfälschungen, Klonen, Angriffskrieg. Werte und Orientierung sind wesentliche Elemente der christlichen Botschaft. Und diese gilt es zu übersetzen in die jeweilige Zeit, gesellschaftlich und persönlich. Die Zielgruppe „Kirchenmitglieder" ist keine homogene Gruppe, sie war es auch nie. Die Palette kirchlicher Produkte darf neben aller Funktionalität der Angebote, die persönliche Seelsorge als wichtigstes Produkt nicht vergessen werden. Menschen, seien sie Kirchenmitglieder oder Suchende, schätzen es, wenn die Seelsorgerinnen und Seelsorger der Kirchen ihnen Aufmerksamkeit und Zeit schenken. Zugleich gilt es, die Botschaft von der Würde des Menschen und seiner Freiheit in die Gesellschaft und die Welt hinein zu buchstabieren.

Die Fragen einer Verbesserung der Angebote und der Qualitätssicherung sowie der Entwicklung neuer Strategien stehen nicht im Gegensatz zu den Inhalten der christlichen Botschaft. Die „Technologie" des Marketings darf aber nicht mit den Inhalten verwechselt werden im Sinne von „Prüft alles, und behaltet das Gute." [1 Thessalonicher-Brief 5, 21]

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