Startseite Ausgabe 04 | Erreicht/Unerreicht – Welche Zielgruppen spricht Kirche heute noch an?
   
 
Text: Dr. theol. Manfred Becker-Huberti  
Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, hat Katholische Theologie, Kommunikations-wissenschaften und Publizistik studiert und war Stipendiat des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses der Deutschen Bischofskonferenz.
 
   

 

 

 

„Kann die Katholische Kirche von moderner Markenführung lernen?“

Milieuforschung und Pastoral

Die Art, wie Kirche ihre Botschaft auf Zielgruppen hin ausgestaltet, kann man mit einem Jäger beschreiben, der mit einer Schrotflinte in der Hand eine Elefantenherde erlegen soll. Handlung, Methodik und Gerätschaft sind völlig unangebracht, um das vorgegebene Ziel zu erreichen. Die Herde wird den lästigen Jäger zertrampeln. Diese – zugegeben - etwas spöttische Beschreibung pastoraler Arbeit trifft zu, weil eine zielgruppenorientierte Arbeit bislang so gut wie gar nicht stattfindet; dafür fehlen schlicht die objektiven Basisdaten. Die Daten, über die die Kirche selbst verfügt, sind weder aktuell genug noch geeignet. Sie sind bloß demografisch. Und sie liegen den meisten Gemeinden nicht vor. Die Priester in der Ausbildung, die ich über viele Jahre mitbetreut habe, haben so gut wie nie eine Gemeinde-Analyse zu Ge-sicht bekommen! Schlimmer noch: Kontaktstunden in den Schulen werden von Priestern mit dem Argument verweigert: Wieso soll ich mit denen herumschlagen, die nichts mit mir zu tun haben wollen? Ich warte in meiner Gemeinde auf die, die zu mir kommen wollen! Dies darf nicht das Grundmuster der Pastoral sein. Es wäre Verrat am Missionsauftrag.

Warum wird Zielgruppenarbeit bislang in der Pastoral kaum praktiziert?

Grund ist ein Missverständnis zwischen einer phänomenologisch agierenden Pastoral und sozialwissenschaftlichen Instrumentarien, die von der anderen Seite ausschließlich als Marke-ting-Instrumentarium gesehen und verabscheut werden. So arbeitet man nicht. Bedarforientierung klingt da Bedarfbefriedigung. Wo bleibt da die ganze Botschaft? Darf man die denn „halbieren“, um die zu erreichen, die die ganze Botschaft nicht haben wollen? Entscheidet letztlich Gott, ob die Mission fruchtet? Kann sich der Pastor nicht einfach auf das Aussäen der Botschaft beschränken und Gott lässt wachsen – oder eben verdorren?

Nun kann man im Neuen Testament sehr genau nachlesen, dass Jesus von Nazaret und seine Apostel das, was sie zu sagen hatten, sehr genau auf die Zielpersonen abzustimmen in der Lage waren. Das pfingstliche Sprachwunder wäre im übrigen nicht nötig gewesen, hätten sich die Jünger auf die Position zurückgezogen, wer Christ werden wolle, müsse erst Jude werden und aramäisch lernen. Wer käme heute auf die Idee zu fordern, wer Priester werden wolle, müsse sich einen Bart wachsen lassen und den Beruf eines Fischers erlernen?

Pastorale Zielgruppen zu kennen und ihren – bewussten und unbewussten – Bedarf zu kennen, verstößt zunächst einmal überhaupt nicht gegen die pastorale Moral. Genau so wenig wie die Formulierung der Botschaft auf die Zielgruppe hin: Den Römern römisch, den Griechen griechisch, den Kindern verstehbar, den Erwachsenen annehmbar und aktualisiert in den Alltag hinein.

In diesen Zusammenhang ist pastorale Planung zu stellen. Wer eine Pfarrei leiten will, muss wissen, wer zu ihr gehört, was er von der Kirche erwartet. Und die Kirche muss wissen, was sie tun muss, wie sie es tun kann und wie sie Angebot und Nachfrage in eine konstruktive Be-ziehung bringt.

Was für die gesamte Gemeinde gilt, gilt auch für ihren Mikrokosmos: den Kindergarten, die Jugendarbeit, Familienkreis, Seniorengruppe, Bücherei usw. Und es gilt für den Makrokosmos: Verbände, Medien, Bischofskonferenz usw. dürfen nicht bloß auftraggeberorientiert agieren, sondern müssen Auftrag und Erwartung miteinander fruchtbar werden lassen.

Was heißt das?

Im Regelfall wird eine Gemeinde primär von den alten Milieus geprägt, die sich in zwanzig bis dreißig Jahren aufgelöst haben. Um die Zukunft gestalten zu können, muss die Gemeinde wenigstens die Bürgerliche Mitte ansprechen und zum Mittun motivieren. Das kann die Gemeinde nicht, wenn sie nicht die Erwartungen dieses Milieus kennt. Hat sie aber die Erwar-tungen kennen gelernt, kann sie Auftrag und Bedarf, Sendung und Erwartung koordinieren.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es dabei nicht gelingen, mittelalterliche Mystiker zu reanimieren, vielleicht aber wird es möglich, katholischen Glauben heute zu leben. Und wenn nicht alle Hoffnungen der Absender aufgehen, kann man sich ein Stufenmodell vorstellen, über das man die Zielgruppe langsam dorthin führen kann, wohin man meint sie führen zu müssen. Auch im Mittelalter waren – Laien wie Kleriker – nicht zu einhundert Prozent die Christen, wie die damalige pastorale Theorie sie sich wünschte.

Was führt weiter?

Zurzeit brauchen wir transparente Modelle von Gemeinden, die Zielgruppenorientiert arbeiten. Wir brauchen sie, um festzustellen, wie man Gemeindarbeit umformen muss, um die Menschen zu erreichen, die wir für die Zukunft der Kirche unverzichtbar brauchen.

Eine Modellhandbuch, eine Modellbörse, ein Ort des Austauschs wäre sinnvoll, wo die Ex-perten und solche, die es werden wollen, Ideen, Experimente, gelungene Strategien diskutieren und austauschen können.

Dies alles gilt unter der Voraussetzung, dass die Kirchenführung nicht hergeht und unerreichbar hohe Sprunghöhen voraussetzt. Wenn z.B. der regelmäßige sonntägliche Gottesdienstbesuch mit Eucharistie-Empfang und die kritiklose Akzeptanz jeder hierarchischen Vorgabe die Voraussetzung für Vollmitgliedschaft in einer Gemeinde ist, wird die Anzahl der Zugehörigen sehr überschaubar.

Die verwaltete Gemeinde, die pastoral vor sich hin dümpelt, könnte wieder zu seinem spannenden Feld werden, in dem man Menschen entdecken, begeistern und einbinden kann. Die gewandelten Vorstellungen und Verhaltensweisen, veränderte Lebenszielsetzungen müssen nicht kontraproduktiv sein.

Was Not tut sind Christen, die sich wieder auf den Weg machen. Jesus ist im Gleichnis dem einen Schaf von Einhundert nachgegangen, das sich verlaufen hat. Verpflichtet uns das heute etwa nicht, den mehr als 85 Prozent nachzugehen, die den Weg in unseren „Stall“ nicht mehr finden?

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