Thomas Zervos ist
Strategischer Planer der Agentur Jung von Matt.
„Die erfolgreichste Kampagne
für mehr Nächstenliebe.“
Im Spätsommer 2006 stellte sich Juan
Mann, so nennt er sich, in der Pitt Street Mall in Sydney mit einem
großen Schild in die Einkaufspassage. Auf dem Schild stand
"free hugs", was frei übersetzt soviel bedeutet wie
"Ich nehme Sie kostenlos in den Arm". Die Aktion wurde
von Shimon Moore gefilmt, der das Material dann zu einem Musikvideo
seiner Band "Sick Puppies" zusammenschnitt und es in dem
Videoportal Youtube.com veröffentlichte. Schauen Sie es sich
ruhig erst einmal an, bevor Sie weiterlesen (Link).
Was macht den Film erwähnenswert? Nun,
er löste eine weltweite Bewegung aus: Allein über 7 Millionen
Menschen haben sich den Film in nur 6 Wochen im Videoportal Youtube.com
angeschaut. Über Juan Mann und seine Aktion berichteten weltweit
Nachrichtenstationen und Zeitungen. Die amerikanische Talk-Queen
Oprah Winfrey lud ihn zu einem Gespräch ein. Auf allen Kontinenten
starteten Menschen ihre eigene Free Hugs-Events und gründeten
Fee-Hugs-Clubs. Sogar in China wagten 11 Mutige eine Free-Hugs-Aktion,
trotz drohender und dann tatsächlich eintretender Strafaktion.
Heute erhält man bei Google
über 1.4 Millionen Treffer für den Begriff "free
hugs".
Eine großartige Aktion. Warum? Alle
Welt redet von zunehmender Anonymität in den Großstädten,
sozialer Kälte, dem Leben in Parallelgesellschaften; das Individuum
stehe über dem Kollektiv und jeder sei sich selbst der Nächste.
Juan Mann durchbricht dieses Szenario. Selbstlos, freimütig
und ohne Hintergedanken. Ohne sein Gegenüber zu hinterfragen,
reißt er Menschen für nur einen Augenblick aus ihrem
Alltag. Im wahrsten Sinne des Wortes durchbrechen die Menschen in
dem Video ihren alltäglichen Gang und sind für einen Moment
wie verwandelt. Man sieht es regelrecht an ihren leuchtenden Augen:
Juan Mann erreicht ihre Herzen.
Wie geht die Story weiter? In einer Talk-Show
offenbart Juan Mann, dass er in Wirklichkeit Priester einer katholischen
Gemeinde und "Free-Hugs" eine Weihnachtsaktion der Kirche
ist. Sie möchte damit für die Botschaft werben, dass Christus
sich den Menschen selbstlos hingegeben habe und jeder Mensch eingeladen
sei, diese Liebe anzunehmen. Christi Liebe sei bedingungslos, wäre
die frohe Botschaft, die die Kirche zum diesjährigen Weichnachtsfest
verkünden möchte. Parallel zu diesem Outing rufen viele
Pfarrgemeinden in der Adventszeit zu Free-Hugs-Abenden auf. Begeistert
von der Aktion, nehmen tausende Menschen teil. Für viele offenbart
sich zum ersten Mal, dass Weihnachten mehr ist, als Tannenbaum und
Weihnachtsmann. Die Kirche erlebt am Ende den größten
vorweihnachtlichen Zulauf aller Zeiten ...
Schade, dass ich den letzten Teil der Story
frei erfunden habe. Juan Mann ist kein Priester und die Aktion nicht
von der katholischen Kirche. In Wirklichkeit ging es ihm und Shimon
Moore nur um das Musikvideo und ein wenig Promotion für den
Song. Da sie die überraschend gewonnene Popularität nicht
nutzlos verpuffen lassen wollten, haben sie die Aktion zu einer
Promotion ihrer neu gegründeten Hilfsorganisation "Free
Help Campaign" umgewandelt.
Warum nur lässt sich die Kirche von
Juan Mann die Butter vom Brot nehmen?